Zuletzt aktualisiert am 30. Oktober 2019 um 22:27

Manchmal reicht ein kleiner Abstecher von den alltäglichen Wegen, und man ist in einer anderen Welt: Mikroabenteuer sind nachhaltig, zeitsparend, kostengünstig und im besten Falle magisch. Wie der überraschende Lost Place an der Elbe, dort, wo Hamburg und Schleswig-Holstein aufeinandertreffen.

Ländliche Idylle mit Pulverfabrik

Ruinen Düneberger Pulverfabrik
Besenhorster Sandberge, Pulverfabrik

Deiche, Bauernhäuser, Gemüsefelder – und plötzlich ein Waldstück mit Lost-Places-Charme: Ganz im Südosten Hamburgs, auf der Grenze zwischen der Hansestadt und Schleswig-Holstein, direkt an der Elbe, liegt ein seltsames Stück Landschaft – ein dichter, stiller Wald mit Sanddünen und den Ruinen einer alten Pulverfabrik.

Ruinenwald Altengamme

Diese Pulverfabrik geht auf Bismark zurück. Er bekam das Land, das heute „Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge“ heißt, von Kaiser Wilhelm I. geschenkt – und verpachtete es lukrativ an einen Industriemagnaten, der hier Schießpulver herstellen wollte. „Düneberg“ nannte Bismarck das Landstück, auf dem bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Munition produziert wurde, während ein paar hundert Meter weiter die Bauern der Vier- und Marschlande das Gemüse anbauten, das in Hamburg auf den Tisch kam.

Besenhorster Sanddünen
Besenhorster Elbsandwiesen

Munition war in Deutschland nur allzu oft ein gefragtes Gut

Nach Kriegsende wurde die Düneberger Pulverfabrik stillgelegt – aber es dauerte nicht lange, bis Deutschland erneut Munition in großem Umfang herstellte. 1934 ging es wieder los mit der Pulverproduktion den Elbdünen. Schluss war damit erst ganz am Ende des Zweiten Weltkrieges, als das Fabrikgelände „Birke“ im April 1945 bombardiert wurde.

Besenhorster Sanddünen
Lost Place Hamburg

Von dem Zeitpunkt an verwandelte sich die Landschaft. Die massiven Bauten der Fabrikanlage, die vor allem dazu gedacht waren, die Umgebung vor Explosionen zu schützen, wurden entseucht, gesprengt, abgetragen. Was übrig blieb, verfiel und wurde langsam von der Natur wiedererobert. Moose siedelten sich auf den Steinen an, kleinere Reste der Pulverfabrik wurden von der Vegetation im Wald so umwuchert, dass man sie manchmal nur mit Mühe entdeckt. Hier und da verewigten Graffitikünstler sich auf dem Beton.

Die Besenhorster Sandberge: ein verwunschener Lost Place

Ruinenwald Geesthacht
Besenhorster Ruinenwald

Wenn in den Besenhorster Sandbergen ein armiertes Betonstück aus dem Unterholz ragt oder ein Mäuerchen am Wegesrand in verborgene Höhlen zu führen scheint, dann begegnet man mitten im friedlichen, natürgeschützten, nur von Spaziergängern und Tieren bevölkerten Wald den Spuren einer überhaupt nicht friedlichen Geschichte. Das fühlt sich wundersam an. Und unerwartet – selbst, wenn man vorher über die Historie des Waldstücks im Bilde ist. Mögen wir Lost Places, weil sie uns Geschichten erzählen, die wir uns zur Hälfte selbst zusammenreimen müssen? Weil sie ein kleines bisschen gruselig sind? Weil sie uns aus der normalen Welt für einen Augenblick herausreißen in ein ganz eigenes, geheimnisvolles Reich?

Am Rande der Vier- und Marschlande

Altengamme: hinterm Deich
Elbblick Altengamme
Vier- und Marschlande

So ist es auf jeden Fall bei den gern fälschlich als „Bunkerwald“ bezeichneten Besenhorster Sandbergen. Sie werden meist dem schleswig-holsteinischen Städtchen Geesthacht zugerechnet, aber sie beginnen in der norddeutschen Bilderbuchidylle von Altengamme: einem Teil der ländlichen Vier- und Marschlande, die seit Jahrhunderten zu Hamburg gehören, vielen Hanseaten aber völlig unbekannt sind. Gemüse und Blumen werden hier angebaut, hinter dem Elbdeich tauchen die Reetdächer alter Bauernhäuser auf. An Pulverfabrikation zu Kriegszwecken mag man in dieser Umgebung nicht denken. Und auch nicht an das dunkelste Kapitel dieses Landstrichs, auf dem die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Neuengamme errichteten. Heute ist es als Gedenkstätte zu besichtigen.

Danach Kaffee im Haus Anna Elbe

Haus Anna Elbe
Haus Anna Elbe, Hofcafé

Die Vier- und Marschlande sind ein einzigartiges Stückchen Hamburg; ländlicher ist das Leben nirgendwo in der Hansestadt. Das junge Ehepaar Stefan und Tatiana Timmann hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Kultur dieser Gegend zu erhalten. Nach langem Suchen haben die beiden ein historisches Hufnerhaus von 1715 gekauft: stilecht hinterm Deich gelegen, mit Reetdach, Fachwerk und großem Garten. Haus Anna Elbe haben sie es genannt. Dort kann man inzwischen Urlaub machen: in einer von vier Ferienwohnungen, in einer Waldhütte oder in Baumzelten. Perfekt für Familien und toll, um Städtetrip und Entspannung auf dem Land zu kombinieren. Sonntags in der wärmeren Jahreszeit ist das denkmalgeschützte Haus Anna Elbe von 14.00 bis 18.00 Hofcafé: mit einem feinfühlig restaurierten Innenraum und relaxten Sitzgelegenheiten im Garten. Von den Besenhorster Sandbergen ist das „Fräulein von der Elbe“ genannte Hofcafé mit dem Auto keine fünf Minuten entfernt, zu Fuß braucht man maximal eine Viertelstunde.

Haus Anna Elbe, Altengamme

Und hier noch etwas Kleingedrucktes: Selten bin ich bei der Recherche zu einem Blogbeitrag so stark auf eine einzige Quelle angewiesen wie in diesem Fall. Fast alle historischen Fakten zu den Besenhorster Sandbergen und der Düneberger Pulverfabrik verdanke ich einem Beitrag des NDR, der hier nachzulesen ist.