Zuletzt aktualisiert am 16. April 2022 um 20:52

Ursprünglich wollten meine sechzehnjährige Tochter und ich in den Herbstferien des Jahres 2021 nach New York. Wegen Corona wurde aus der New-York-Reise ein Trip nach Mailand. Das ist zwar nicht dasselbe, aber Mailand mit Teenagern ist eine großartige Erfahrung für sämtliche Sinne, fürs Stilempfinden und die für Phantasie.

Ankunft in Pastell: Am Flughafen Milano Malpensa

Mailand mit Teenagern: Reisetipps
Ettore Sottsass steht hinter dem Design des Flughafens Milano Malpensa

Wir rollen unsere Köfferchen über Terrazzo-Böden und durch lange Gänge in sanftem Lachsrosa, kommen an mintgrünen Türen und Abflug-Desks mit fröhlichen Rundungen vorbei sowie an Sitzreihen mit schlanken, tomatenrot gepolsterten Wartestühlen. “Ich fühle mich wie in den Fünfzigern,” sagt meine sechzehnjährige Tochter. Ich fühle mich wie in einer Midcentury-Filmkulisse, bei der die Patina echt ist, die Möbel es aber unmöglich sein können. Insbesondere die roten Polster der Stühle haben definitiv noch kein halbes Jahrhundert überstanden.

Es dauert fürs Google-Zeitalter ungewöhnlich lange, bis ich nach unserer Reise im Internet etwas zur Designgeschichte von Mailands internationalem Flughafen Malpensa finde. Was ich schließlich lese, erklärt alles: Ettore Sottsass hat das Interior von Milano Malpensa entworfen – in den 1990-ern. Nachdem er mit der roten Olivetti eine der ikonischsten Schreibmaschinen der Geschichte kreiert und als Gründer der Gruppe Memphis das postmoderne Design miterfunden hatte. Technicolor-Farben, amüsante Details, hemmungslose Stilzitate: alles ganz selbstverständlich für den Großmeister der italienischen Postmoderne. Für uns nicht. Und genau das ist der Zauber. Schon beim Durchqueren des Flughafens spüren wir die Vibes der Designstadt.

Raumgefühl als Ferienattraktion: Im Hotel Palazzo Segreti

Hotel Palazzo Segreti Mailand
Italian-design-Sightseeing vom Bett aus und auf dem Weg zum Frühstück: das Hotel Palazzo Segreti

Als ich kurz vor der Abreise nochmal unsere Online-Hotelbuchung checke, bin ich not amused: Der Preis liegt deutlich über meinem üblichen Budget. War ich in Trance, als ich die Reservierung im Hotel Palazzo Segreti vorgenommen habe? Ein wenig wohl schon; ich erinnere mich an Überlegungen wie: Wenn schon Designstadt, dann auch Designhotel. Beziehungsweise: Wenn irgendwo Designhotel, dann bitte in Mailand. Und auch an den beflügelnden Gedanken, dass man aufgrund von Corona ja eh viel weniger gereist ist als sonst und dadurch Geld gespart hat.

Als meine Tochter und ich das Hotel betreten, durch samtig-mattgraue Flure wandeln, in einem alten, klaustrophobieförderlichen Gitteraufzug nach oben fahren; vor allem jedoch, als wir schließlich unsere Zimmertür öffnen, weiß ich: Ich werde keinen Cent bereuen. Design-Sightseeing war ein entscheidender Faktor, der für das Projekt Mailand mit Teenagern sprach. Wie praktisch, dass wir damit im Palazzo Segreti gleich vom Bett aus anfangen können – besonders in Anbetracht der Erkältung meiner Tochter und der Regengüsse am ersten Abend. Wir erleben drei Tage und Nächte lang, wie weich und sinnlich Beton wirken kann. Wir versinken in den Shades of Grey, die hier dominieren. Verneigen uns vor der anbetungswürdigen Gabe der Italiener, Altes mit Neuem zu verbinden: in einem Palazzo aus dem 19. Jahrhundert einen behaglichen Mix aus archaischer Anmutung, Industrial-Style-Akzenten und einem Hauch undogmatischer italienischer Designtradition zu schaffen. Wenn das Raumgefühl eine so beglückende und bereichernde Erfahrung ist wie im – übrigens sehr zentral gelegenen – Palazzo Segreti, dann hat sich die Investition ins Hotelzimmer gelohnt.

Touristenpflicht in Campari-Rot und der Galleria Vittorio Emmanuele

Campari Bar Mailand
Mailand mit Teenagern: Die Bar Camparino in Galleria serviert nicht ausschließlich Alkoholisches

Ich habe mir für diesen Mailand-Trip einen neuen Reiseführer gekauft, und den finde ich fast schon übergriffig mit seiner laufend sich wiederholenden Behauptung, man müsse in die Campari-Bar in der Galleria Vittorio Emmanuele, um sich richtig “wie in Mailand” zu fühlen. Schon aus reinem Widerspruchsgeist bin ich versucht, mir den Besuch zu sparen – obwohl ich vor ein paar Jahren an der Bar Camparino vorbeigegangen bin und dachte: Da will ich hin. Links vom Mailänder Dom liegt sie, direkt im Eingangsportal der über alle Maßen berühmten Einkaufspassage Galleria Vittorio Emanuele. Gewidmet ist die Bar dem Campari, der 1915 in Mailand erfunden wurde und mit dem angeblich die Tradition des von kleinen Häppchen begleiteten Aperitivo begann. Meine Tochter befindet, Camparino in Mailand sei dann wohl so etwas wie Sacher in Wien, wohin man sie im Sommer eingeladen hat. Ein Muss. Touristenpflicht. Also gut.

Und wie gut! Über den den wunderbar nostalgischen, mit einem Jugendstil-Mosaik dekorierten Eingangsraum der Bar herrscht eine schwarzgekleidete, ganz offenbar den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts entsprungene Dame, die meine Tochter zu mögen scheint. Konspirativ raunt sie uns zu, auf welchen sehr schönen Tisch wir uns mit wenigen Minuten Wartezeit Hoffnung machen dürfen. Diese Tische stehen nicht in der Bar, sondern unter dem Gewölbe der Passage. Alles ist ein bisschen unwirklich hier, ein wenig aus der Zeit gefallen. Eine leicht staubige Eleganz liegt über den Restaurant- und Ladenfronten der Galleria Vittorio Emmanuele. Man hat es nicht für nötig befunden, in der Stadt der Mode alles zu modernisieren. Was für ein Glück.

Swimmingpool und Art déco: In der Villa Necchi Campiglio

Design in Mailand: Villa Necchi Campiglio
Architektonische Entdeckung: die von Piero Portaluppi entworfene Villa Necchi Campiglio

Es war einmal eine Familie italienischer Industrieller, deren Reichtum keine Grenzen kannte. Sie wollte eine Villa mitten in Mailand, und zwar eine moderne, mit beheizbarem Swimmingpool und anderen technischen Raffinessen. Sie beauftragte den Architekten Piero Portaluppi und ließ ihm freie Hand. Er durfte genau das mit dem Haus machen, was er machen wollte. Was es kostete, war egal.

Das war zwischen 1932 und 1935. Heute gehört die Villa Necchi Campiglio der Stiftung FAI und ist ein Museum. Wir erreichen sie durch einen verwunschenen Garten im Zentrum von Mailand und lassen uns schlagartig vom leuchtenden Blau des Pools inmitten herbstlicher Farben betören. In der Villa begrüßen uns kundige und engagierte Damen, die uns auf Englisch erklären, was es zu wissen gibt über dieses Haus, mit dem Portaluppi ein Juwel des Art déco schuf. Der Architekt mochte es klar und modern, der Luxus seiner Bauten offenbarte sich nicht in Schnörkeln, sondern im Einsatz kostbarer und markanter Materialien. Irgendwann wurde es der Besitzerfamilie zu modern in ihrem herrlichen Haus, und sie ließ große Teile des Mobiliars auswechseln. Weshalb sich heute zwischen Portaluppis geometrischen Linien plüschig-historisierende Sitzecken finden und wir uns in manchen Räumen regelrecht wie in einem Château aus dem 18. Jahrhundert vorkommen. Das ist ein bisschen schade, trübt unsere Stimmung aber nicht wirklich. Die Villa Necchi Campiglio ist eine Entdeckung, die meine Tochter und mich gleichermaßen mit Glücksgefühlen erfüllt: ein Fenster in einen versunkenen Lebensstil, eine verwinkelte Abfolge ästhetischer Herrlichkeiten und ein feines Kapitel moderner Architektur, deren Anmutung uns vor allem in der verglasten Veranda noch recht originalgetreu anweht. Beim Betreten der Villa kommt uns ein kleines französisches Mädchen entgegen, das zu seiner Mutter sagt: “C’est super impressionnant.” Sprich: Dieser Ort empfiehlt sich auch mit Kindern. Bei einem Trip nach Mailand mit Teenagern erst recht.

Kurzer Rausch in der surrealen Italianità des Piero Fornasetti

Fornasetti Milano, Corso Venezia
Wahnsinn mit Methode und Eleganz: Die Welt des Piero Fornasetti

Den Showroom des Imperiums von Piero Fornasetti entdecken wir zufällig auf dem Weg zur Villa Necchi Campiglio. Er befindet sich fünf Gehminuten von ihr entfernt in der noblen Einkaufsstraße Corso Venezia. Ich bin seit dem zufälligen Besuch einer ihm gewidmeten Pariser Ausstellung ein großer Fan von Fornasetti, und ich muss in dieses Designgeschäft hinein. Was sich lohnt. Denn dies hier ist nicht einfach eine Boutique, es ist ein mehrgeschossiges surreales Kuriositätenkabinett, in dem die exzentrischen Visionen des 1913 in Mailand geborenen, 1988 ebendort gestorbenen Künstlers und Designers sich zu einem betörenden Wunderland zusammenfügen.

Fornasettis Ästhetik ist italienisch durch und durch. Er liebt den Rückgriff auf antike Architekturmotive, mit denen er Möbel und Tapeten überzieht. Er bedient sich des mythologischen Bilderfundus seines Heimatlandes. Er macht die italienische Opernsängerin Lina Cavalieri zu seiner Muse und versieht unterschiedlichste Gebrauchsgegenstände mit ihrem rätselhaften Antlitz. In erster Linie lässt er die Sopranistin von Wandtellern auf die Welt hinabschauen – mal einäugig, mal dramatisch; mit herausgestreckter Zunge oder Fliege auf der Nase; maskiert, grimassierend, bärtig, gehörnt; verdoppelt, zerschnitten. Es ist eine Wonne. Finde ich. Zu meinem Erstaunen sieht meine Tochter das anders. Fornasettis eleganter Irrsinn lässt sie kalt. Ob ihr das alles zu retro ist, zu zirkushaft, zu übertrieben? Keine Ahnung. Das Werk Fornasettis jedenfalls wird dank seinem Sohn bis heute weitergeführt.

Bewachsene Hochhäuser im Herbstkleid: Beim Bosco Verticale

Mailand mit Kindern: Bosco Verticale
Der Bosco Verticale zwischen der neuen Architektur des Stadtteils Porta Nuova und dem Viertel Isola

“Die haben da bestimmt jede Menge Ungeziefer in den Wohnungen,” sagt meine Mutter, als ich ihr Bilder vom Bosco Verticale zeige. Mit derartigen Lästigkeiten setzen meine Tochter und ich uns vor Ort nicht auseinander. Wir bewundern dieses komplett begrünte und überaus berühmte Ensemble von zwei Hochhäusern, das zu einer weltweiten Ikone ökologischen Bauens geworden ist. Herbstfarben vor blauem Himmel stehen ihm extrem gut.

Der Architekt Stefano Boeri und sein Studio haben den vertikalen Wald von 2008 bis 2013 im Mailänder Stadtteil Porta Nuova errichtet. Dieses Viertel ist eine urbane Neuentwicklung, die in den letzten 15 Jahren Form angenommen hat. Hier gibt es eine richtige Skyline aus durchweg spannenden Gebäuden, und es gibt die Piazza Gae Aulenti, einen ellipsenförmigen Platz mit Wasserspielen, der nicht ebenerdig ist, sondern auf Stelzen sechs Meter oberhalb des Straßenniveaus schwebt. Wir mögen das Design und die Atmosphäre dieses Orts, der sich belebt, geschmeidig und auf aufregende Weise ein wenig futuristisch anfühlt. Von der Reißbrett-Sterilität mancher stadtplanerischer Konzepte hierzulande hat diese Piazza nichts. Die Italiener können’s halt, denken wir uns.

Stylische Zauberwelt mit Café: 10 Corso Como

Mailand mit Teenagern: 10 Corso Como
Maximales Wohlbefinden im Garten von 10 Corso Como

Es dauert kaum länger als fünf Minuten, bis wir von der Piazza Gae Aulenti zum Corso Como gelangen. Die Straße ist lebendig und hübsch, auch wissen wir um den legendären Ruf des Ortes, den wir ansteuern. Doch auf den magischen Garten, der uns beim Betreten des 10 Corso Como empfängt, sind wir nicht vorbereitet.

10 Corso Como ist eine Art Mutter aller Concept Stores. In einer ehemaligen Autowerkstatt eröffnete die Modejournalistin und Galeristin Carla Sozzani 1990 einen Raum für Kunst, Fotografie und Design, der in den Folgejahren stetig wuchs und heute eine der unumgänglichen Modestadt-Mailand-Adressen ist. Durch einen unspektakulären Eingang kommen wir in einen zauberhaften, über und über begrünten Innenhof mit überdachten Terrassen und einem Wintergarten: alles zusammen genutzt als Café, Bar, Restaurant. Wir machen eine Runde durch die Showrooms, in denen eine stylisch kuratierte Auswahl von Mode, Accessoires, Parfums, Designobjekten angeboten wird. Verweilen in der herrlichen Kunst- und Architekturbuchhandlung von 10 Corso Como. Und schließlich setzen wir uns an einen der Tische im lauschigen Grün, an dem jetzt, in der Dämmerung, unzählige Lichtlein funkeln. Wir bestellen einen Aperitiv und sind in diesem Moment an irgendeinem Ziel angekommen. Gelegentlich vergewissere ich mich mit schnellem Blick, dass ich an diesem für Mailand mit Teenagern so perfekten Ort nicht die einzige Person mittleren Alters bin, und wende mich jedes Mal beruhigt wieder meinem Glas zu. In dieser Stadt gehören nicht nur junge Menschen an coole Orte.

Absolutes Muss in Mailand mit Teenagern: Die Bar Luce von Wes Anderson

Mailand mit Teenagern: Bar Luce, Wes Anderson
Regisseur Wes Anderson hat die Bar Luce designt, quasi das Museumscafé der Fondazione Prada

Egal, mit welcher meiner Töchter ich unterwegs bin: Cafébesuche gehören auf Reisen zu unseren wichtigsten Aktivitäten. Ich persönlich halte Café-Tourismus für eine Form des Kulturtourismus. Wer das albern findet, dürfte spätestens in der Mailänder Bar Luce bekehrt werden. Die Bar Luce ist quasi das Museumscafé der Fondazione Prada, mit der die Modemacherin Miuccia Prada 2015 ein grandioses Museumsareal für Gegenwartskunst geschaffen hat. Über die Fondazione gibt es auf diesem Blog bereits einen eigenen Artikel. Für das Interior Design des Cafés hat Miuccia Prada den Regisseur Wes Anderson gewonnen, der in Filmen wie “Moonrise Kingdom” und “The Grand Budapest Hotel” eine ganz eigene Ästhetik begründet hat: mit viel Pastell, viel Retro und einer guten Dosis spielzeughafter Künstlichkeit. Der Wes-Anderson-Stil trifft einen Nerv; seine Einflüsse reichen mittlerweile weit über die Filmwelt hinaus.

Die Bar Luce ist meines Wissens der einzige Ort, in dem man den Wes-Anderson-Kosmos regelrecht betreten kann. Rosa und Mintgrün sind hier die dominanten Farben, man sitzt an Formica-Tischplatten, an der Wand stehen eine Jukebox und Spielautomaten. Nach eigener Aussage ließ sich Wes Anderson von den traditionellen milaneser Bars inspirieren, was sofort einleuchtet und gleichzeitig verblüffend ist. Denn in der Bar Luce scheinen die Wes-Anderson-Nostalgie und die elegante Patina vieler Mailänder Locations plötzlich in eins zu fallen. In dieser Stadt, so scheint mir, enthebt man uns der zeitlichen Eindeutigkeiten. Ganz normale Bars sehen aus wie Orte aus längst vergangenen Jahrzehnten. Neue Bars und postmoderne Flughäfen zelebrieren dieses Flair, borgen sich die Milaneser Patina und wirken bei aller stilbewusssten Künstlichkeit im Nu so, als hätten sie schon immer hierhergehört. In der Bar Luce ist meine Tochter ebenso am richtigen Ort wie die eleganten italienischen Seniorinnen vom Nebentisch. Wo das Echte aufhört und die Kulisse anfängt, ist hier eine völlig überflüssige Frage. Wichtiger und an dieser Stelle nicht zu unterschlagen jedoch ist eine andere Information: Die Auswahl und Qualiät der Sandwiches in der Bar Luce ist nur schwer zu übertreffen.