Zuletzt aktualisiert am 4. November 2019 um 13:28

Rothenburgsort: wahrlich kein Stadtteil, der für das feine oder das hippe Hamburg steht. Und keiner, an dessen Elbufer man ein Refugium mit gutem Kaffee, leckerem Essen, Kunst und sozialem Engagement erwartet. Aber dort liegt es; auf einem Ponton im Wasser: Entenwerder 1 – ein Café, ein Projekt und ein Ort für ein paar Stunden auf einer inspirierenden Insel.

Hamburg, Perle mit Hafensound

Entenwerder 1 im Winter
Entenwerder 1: Mein allererstes Mal

Zum ersten Mal kam ich an einem dunklen Novemberabend. Nachdem meine Freundin am Steuer den Deich überquert hatte, der von Rothenburgsort auf den Elbpark Entenwerder führt, sahen wir nicht mehr viel. Bis plötzlich auf dem schwarzen Wasser eine ephemer leuchtende Metallstruktur erschien – umgeben von Lichterketten, die der Szenerie etwas von einem Fellini-Film gaben. Wir stiegen aus dem Auto, betraten eine Brücke und waren umgeben von einer sehr hanseatischen Klangkulisse aus dem typischen Motorenbrummen des nicht weit entfernten Hafens und dem leichten Plätschern von Wasser.

Cafétipp Hamburg: Entenwerder 1
Winterabend auf Entenwerder 1
Cafétipp Hamburg
Wo das Exilhamburgerinnen-Herz heftiger schlägt

In dem goldenen Pavillon, der uns entgegengeleuchtet hatte, war es kühl und trotz offiziell laufenden Café-Betriebs menschenleer. Ganz anders als in dem Ensemble aus rosa Schiffscontainern daneben. Warm und behaglich fühlten wir uns hier; auf mit Enten geschmückten Filzkissen saßen Menschen vor bunten Wänden, tranken Tee oder Basilikumlimonade, aßen attraktive Kuchenkreationen, Suppen, Salate. Vor den Fenstern: dunkles Wasser, eine gelblich-mattschwarze Hafensilhouette und die im unwirtlichen Wind schwankenden Lichter auf dem Ponton von Entenwerder 1. Mein Exilhamburgerinnen-Gehirn stieß Glückshormone aus, und ich beschloss, wiederzukommen – so oft wie möglich.

Kuchen essen, Kunst erleben, segeln lernen

Entenwerder 1, Billwerder Bucht
„Wassertreppe 51“ heißt die alte Brücke, über die man Entenwerder 1 erreicht
Modulor Beat: goldener Pavillon
Kunstwerk auf dem Wasser: der goldene Pavillon von Modulorbeat

Entenwerder 1 verdankt seine Existenz der Initiative des Hamburger Modemachers und Geschäftsmanns Thomas Friese, der hinter dem Modeunternehmen Thomas-i-Punkt steht, und seiner Tochter Alexandra. Die Frieses brachten einen 600 Quadratmeter großen Ponton ans Ufer der Billwerder Bucht, organisierten die Installation einer historischen, mit Unterstützung der Stadt restaurierten Brücke und kauften den goldenen Pavillon: eine architektonische Skulptur, die das Münsteraner Büro Modulorbeat 2007 geschaffen hatte.

Entenwerder Elbpiraten
In diesen Booten lernen sie segeln, die Entenwerder Elbpiraten

Außerdem rief der passionierte Segler Thomas Friese die „Entenwerder Elbpiraten“ ins Leben: einen Verein, der sozial benachteiligten Kindern aus den umliegenden Stadtteilent ermöglicht, Segeln zu lernen. Auch die Elbpiraten haben ihrem Sitz auf dem Ponton von Entenwerder 1.

Reif für die Insel?

Entenwerder 1, Elbpark Entenwerder
Inselgefühle mit Blick auf die Norderelbe
Café Entenwerder1
Lazing on a sunny afternoon – mit den Elbbrücken im Hintergrund

Inzwischen war ich zu verschiedenen Jahreszeiten in Entenwerder 1 – auch an einem dieser leuchtenden Sommernachmittage, an denen man sich hier fühlt, als triebe man auf einem Floß, losgelöst vom Rest der Welt und mit einer klaren Hauptbeschäftigung: aufs Wasser schauen. Inselfeeling für zwischendurch.

Ich war mit Freunden auf dem Ponton, mit meinem Mann, mit den eigenen und anderen Teenagern. Ich habe entstpannten Seniorinnen beim Kuchenessen zugeschaut und Kindern beim Herumrennen. Fazit: Hier passt jeder hin.

Entenwerder 1 bringt Hamburg auf den Punkt

Entenwerder 1, Billwerder Bucht
Der goldene Pavillon hat mehrere Stockwerke, von denen man aufs Wasser schauen kann
Elbpark Entenwerder
Blick auf den Elbpark Entenwerder

Und während man das Leben auf dieser unkonventionellen Insel genießt, ist man nicht nur mitten in der Hansestadt, sondern an einem Ort, der eine bestimmte Idee von Hamburg auf den Punkt bringt. Na klar: Der Ponton und die beiden miteinander verbundenen zartrosa Schiffscontainer, die als Küche und Café-Raum dienen, sind eindeutige Hamburgensien. Aber noch viel entscheidender ist die Tatsache, dass Entenwerder 1 nicht schnuckelig, schnieke und gelackt ist. Hier gibt es Plastikstühle in allen Zuständen ihres Alterungsprozesses, hängen Rettungsringe an den Geländern, stehen und liegen die Dinge herum, die man für die Arbeit auf einer Kombination aus Café und Segelschule braucht und die man weder jenseits des Pontons noch in irgendwelchen verschämten Abseiten verschwinden lässt. Das hat etwas vom Flair des Hafens und der Gewerbegebiete, die ihn umgeben und in denen auch Entenwerder gelegen ist. Hat etwas von einem Leben, in dem Arbeit und Wasser sehr selbstverständlich zusammengehören – ohne hippe Industrial-Style-Inszenierung.

INFO: Entenwerder 1

Entenwerder1 Schiffscontainer
Nasser Tag auf der Norderelbe
Norderelbe
Heimathafen

Tja, und wie kommt man jetzt in den citynahen, aber doch etwas abseits gelegenen Elbpark Entenwerder? Zum Beispiel mit dem Fahrrad. Der Elberadweg führt direkt aus der Innenstadt zum Café. Wenn man zum S-Bahnhof Rothenburgsort fährt, hat man eine Viertelstunde Fußweg vor sich – durch einen Stadtteil, in den man sich selten verirrt, sofern man hier nichts Spezielles zu tun hat. Historisch ist Rothenburgsort ein Arbeiterviertel, im Zweiten Weltkrieg wurde es schwer zerbombt, heute besteht es aus Gewerbegebieten und Wohngegendem mit wenig Sozialprestige und hohem Migrantenanteil.

Etwas kürzer als von der S-Bahn läuft man zu Entenwerder 1, wenn man mit einer der diversen zur Verfügung stehenden Buslinien vom Hauptbahnhof / ZOB zur Haltestelle Rothenburgsorter Marktplatz fährt. Auch mit dem Auto kommt man zum Ponton. Unsere Erfahrung: Im Winter reichen die Parkplätze, im Sommer kann es schwierig werden.

Geöffnet hat Entenwerder 1 täglich ab 10.00 Uhr – sonntags und montags bis 19.00 Uhr, an allen anderen Tagen bis 20.00 Uhr. Eine reguläre Website gibt es nicht, dafür aber einen Facebook-Account.

Die Küche ist übrigens sehr ansprechend – zeitgemäß-kreativ, frisch, problemlos auch vegan und mit häufig wechselndem Speisenangebot. Der Kaffee kommt von den Public Coffee Roasters, die ihre Bohnen auf dem Nachbarponton rösten.