Zuletzt aktualisiert am 24. April 2022 um 21:19

Ein eigenwilliger Landschaftspark am südöstlichen Rand von Hamburg, in dem man zwischen Observatoriumskuppeln spazierengeht: Die Hamburger Sternwarte im Stadtteil Bergedorf, einerseits historisches Denkmal, andererseits bis heute Forschungseinrichtung der Universität Hamburg, ist ein zauberhaftes Portal in andere zeitliche und räumliche Sphären.

Ein Geheimtipp, der UNESCO-Welterbe werden will

Hamburger Sternwarte Bergedorf
Der Hamburger Meridiankreis: Zeitbestimmung im Schnörkelbau

Es ist für mich selbst ein bisschen schockierend, dass ich die Hamburger Sternwarte in diesem Frühjahr zum ersten Mal betreten habe. Denn ich bin nicht weit von ihr aufgewachsen: in den Vier- und Marschlanden, Hamburgs ländlichstem Gebiet, über das ich hier geschrieben habe. Die Vier- und Marschlande gehen nahtlos in den Sternwarten-Stadtteil Bergedorf über. Aber irgendwie hat man die spektakuläre astronomische Sehenswürdigkeit ganz in der Nähe bei uns nicht wirklich auf der Rechnung. Vom anderen Ende Hamburgs kommen meine Freundin und ihre Tochter, um zusammen mit mir an einer der allsonntäglichen Sternwarten-Führungen teilzunehmen. In ihrer Familie herrscht ein einschlägiges Interesse an Himmelsphänomenen, doch auch sie haben vor unserem Ausflugsplan noch nie von der Sternwarte gehört. Wir nähern uns einem reellen Geheimtipp. Und das, obwohl sich die einerseits historische, andererseits noch heute von der Universität Hamburg zu Forschungszwecken genutzte Anlage aktuell um eine Nominierung als UNESCO-Welterbe bewirbt.

Parklandschaft mit Sternenkuppeln

Hamburger Sternwarte: Direktorenvilla
Der Direktor der Hamburger Sternwarte wohnte komfortabel
Historische Sternwarte Bergedorf: Parklandschaf tmit Observatorinen
Ein Park, aus dessen Boden Bäume und Kuppeln wachsen

Es ist seltsam idyllisch in dieser stillen Parkanlage, auf deren Wiese sich alle paar Meter kleinere und größere Ovservatoirums-Kuppeln erheben: Höcker in einer Landschaft, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Die dominanten Bauten sind gelb und tragen neobarocke Züge. Sie entstanden zwischen 1906 und 1912 – nachdem die ursprüngliche Hamburger Sternwarte am Millerntor umziehen musste, weil die im Zuge der Industrialisierung zunehmende Luft- und Lichtverschmutzung in Hafennähe der Sternenbeobachtung abträglich war.

Die Hamburger Sternwarte: von St. Pauli nach Bergedorf

Bergedorf: Observatorien Uni Hamburg
Wo man zwischen Observatorien hin- und herspazieren kann

Bergedorf hingegen war damals noch eine stadtferne und naturbelassene Gegend. Der Gojenberg, auf dem man die Sternwarte errichtete, hat den Namen “Berg” zwar nur aus der Perspektive norddeutscher Flachlandbewohner verdient, aber immerhin stellt er eine Anhöhe dar. Ein Linsenteleskop aus dem 19. Jahrhundert zog von St. Pauli an den neuen Standort, weitere astronomische Instrumente kamen hinzu. Allein zwischen den 1910-er und den 1930-er Jahren entstand in Bergedorf eine beachtliche Sammlung leistungsstarker Teleskope, die auf der Höhe ihrer Zeit waren. Dass sie, wie auch weitere Geräte aus späteren Jahrzehten, hervorragend erhalten sind und noch heute ihren Dienst tun, macht die Bedeutung der Hamburger Sternwarte aus.

Und auch ihren Reiz für uns als Besucher. Jeden Sonntag um 14.00 Uhr bietet der Förderkreis der Sternwarte eine öffentliche Führung an, die für Personen ab sechs Jahren empfohlen wird. Wir reservieren vorab online und begeben uns an einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag in eine Sphäre, in der sich zumindest meine alltäglichen Horizonte verschieben.

Blick in den Kosmos

Spiegelteleskop Hamburger Sternwarte
Ziemlich eindrucksvoll: das Spiegelteleskop von 1911

Erste Station ist ein großer Bau mit einem Spiegelteleskop von 1911. Unser sehr versierter, lockerer und in Schaen Vermittlung wissenschaftlicher Sachverhalte grandioser Guide setzt die Mechanik der hölzernen Kuppel in Betrieb, die sich knirschend aufschiebt und die Sicht auf ein Stück blauen Himmel frei gibt. Mich als naturwissenschaftlich Unbedarfte nimmt vor allem der Zauber dieser Anlage gefangen: die fantastische technische Leistung einer mehr als hundert Jahre zurückliegenden Zeit, die nostalgisch anmutenden Materialien und das Wissen, dass der Blick zu den Sternen hier heute ebenso wie im Jahr 1911 möglich ist. Andere Teilnehmerinnen unseres kleinen Grüppchens haben deutlich mehr physikalisches Verständnis und kommen auf ihrem höhren Niveau ebenso auf ihre Kosten.

Ein Ort für mentale Raum- und Zeitreisen

Großer Refraktor Hamburg
Außen und innen überaus schmuck: Der Bau des Großen Refraktors

Wir spazieren von Observatorium zu Observatorium, bestaunen technische Wunderwerke, wandern mit dem Hirn in kosmischen Dimensionen und freuen uns an den Details der historischen Architektur, deren Liebe zum Schnörkel auch da zum Tragen kam, wo Gebäude nur einer ganz sachlichen Forschung dienen sollten.

Bergedorfs astronomische Bibliothek

Bibliothek Hamburger Sternwarte
Wissenschaftliche Wunderkammer: die Bibliothek der Hamburger Sternwarte

Ein Highlight bei dieser Zeitreise in eine Epoche, in der Berechnungen auf dem Papier angestellt wurden, der internationale wissenschaftliche Austausch via Postschiff oder -flugzeug erfolgte und Wissen zwischen Buchdeckeln zu Hause war, ist die Bibliothek der Sternwarte. Unser Guide schließt sie uns am Ende der Führung auf: einen wundervollen Raum mit Wendeltreppe und Galerie, an deren Wänden sich von den astronomischen Schriften Goethes über Observationsprotokolle aus aller Welt bis hin zu Himmelsatlanten jede Variante sternenforscherischen Schriftguts findet. Unter Fachleuten gilt die Bibliothek der Hamburger Sternwarte als Schatz der Wissenschaftsgeschichte. Für uns Besucherinnen ist sie eine Wunderkammer, die wir alle nicht so schnell wieder verlassen möchten.

Die Hamburger Sternwarte besuchen

Hamburg mit Kindern: Sternwarte Bergedorf
Das jüngste Gebäude der Sternwarte von 1954

Die Hamburger Sternwarte befindet sich im Stadtteil Bergedorf. Sie gehört zur Universität Hamburg und wird nach wie vor zu Forschungszwecken genutzt.

Das Parkgelände, über das sich ihre Gebäude verteilen, ist frei zugänglich. Führungen finden jeden Sonntag um 14.00 Uhr statt, Tickets kosten 10 Euro (ermäßigt 7,50), Online-Reservierung ist empfehlenswert. Außerdem werden abendliche Sternenbeobachtungen sowie Vorträge angeboten. Infos und Termine liefert die Website.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man die Sternwarte vom S-Bahnhof Bergedorf aus per Bus: Wahlweise fährt man mit der Linie 228 bis zur Holtenklinker Straße oder mit der Linie 135 bis zur Justus-Brinkmann-Straße. Bis zur Sternwarte sind es dann jeweils knapp zehn Minuten Fußweg. Für Besucher, die mit dem PKW kommen, steht ein Parkplatz zur Verfügung. Und, last not least: Auch den sonntäglichen Kaffee kann man auf dem Gelände erstehen.