Zuletzt aktualisiert am 5. Februar 2020 um 11:31

Die Idee, auf einen ganzen chilligen Tag in Sevilla zu verzichten, um eine 140 Kilometer entfernte Mischung aus Moschee und Kathedrale anzuschauen, findet eine normale Vierzehnjährige maximal mitteltoll. Bei unserem Tag in Córdoba mit Kind allerdings lief es ganz gut mit der kulturellen Zwangsbeglückung. Was vor allem dem arabischen Flair der Stadt zu verdanken ist.

Kultur mit Kindern? Teenagern gar?

Mezquita-Catedral de Córdoba: Mihrab
Tausendundeine-Nacht-Flair: der Mihrab in der Mezquita von Córdoba

„Lassen Sie Ihre Kinder mitbestimmen, wenn Sie einen harmonischen Urlaub mit Jugendlichen verbringen wollen“: So oder so ähnlich klingt der meistgelesene Ratgebersatz zum Thema Reisen mit Teenagern. Ich könnte davon erzählen, wie man selbst unter Befolgung dieses einleuchtenden familiendemokratischen Prinzips grässliche Tage verleben kann, aber darum geht es hier nicht. Meine vierzehnjährige Tochter und ich wollten nach unserem ersten Mal Sevilla ein zweites Mal hin, und ich fand, dieser gemeinsame Wunsch müsse reichen in Sachen Demokratie. Den Plan, mit dem Zug einen Tagesausflug zur Mezquita-Catedral de Córdoba zu unternehmen, machte ich mit erpresserischer Oldschool-Autorität zur Bedingung der Reise.

Meine Tochter hatte keine Wahl, aber ich hatte sie: Was erzähle ich dem Kind über dieses Bauwerk, das für mich seit meinem ersten Besuch in Córdoba eines der ungeheuerlichsten architektonischen Weltwunder darstellt? Soll ich elegant ausholen und über die friedliche Koexistenz zwischen Muslimen, Christen und Arabern im historischen Córdoba referieren, das vom 9. bis zum 11. Jahrhundert eine Kulturhauptstadt der Welt war? Ich versuche es, dringe aber nicht so richtig durch. Dass es in dieser Ecke von Spanien ein bisschen arabisch zugeht, weiß meine Tochter seit ihren ersten Sevilla-Erfahrungen ohnehin; Hintergründe prallen an ihr ab. Und der Titel „UNESCO-Welterbe“, den die Mezquita-Catedral trägt, wird sie sowieso nicht beeindrucken.

Egal, liebes Kind, denke ich mir. Gehst du eben unvorbereitet in dieses Wunderwerk hinein. Ist ja auch immer eine interessante Erfahrung: einfach schauen und sich dann so seine Gedanken machen. Eine typisch deutsche Herangehensweise, diese Frage: Was macht das kulturelle Ding mit mir, wie wirkt es auf mich? Anstatt, wie es traditionellerweise etwa die Franzosen zu tun pflegen, im Vorfeld erstmal nach dem Wer, Was, Wann, Warum des kulturellen Dings zu fragen.

Im Paradies. Beziehungsweise der Mezquita-Catedral de Córdoba

Cordoba mit Kind: Mezquita-Catedral
„Dieser irre Säulenwald“: in der Mezquita-Catedral von Córdoba
Architektur mti Kindern
Eine Ahnung von Arabien

Theoretischer Exkurs beendet. Wir betreten die Mezquita-Catedral de Córdoba, deren Name ein bisschen schief ist. Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert wurde das Gebäude als eine der großartigsten Moscheen der Welt errichtet – von den islamischen Emiren und später Kalifen, die die Stadt Córdoba regierten. Nach der Rückeroberung Córdobas durch die spanischen Christen im Jahr 1236 wurde die Moschee flugs in eine katholische Kathedrale umgewidmet, später zog man sogar eine gotische Kapelle in den riesigen Bau ein. De facto ist die Mezquita-Catedral bis heute ein katholisches Gotteshaus, doch das kulturelle Verdienst um dieses Architekturwunder kommt den Muslimen zu, und als Moschee empfindet man es als Besucher denn auch in erster Linie.

Meine Tochter und ich betreten die Mezquita von einem Hof mit Orangenbäumen aus – und stehen im Säulenwald. In einem einzigartigen, endlosen Wald von gestreiften Säulen, in deren Gewimmel wir die Orientierung verlieren – nur, um immer wieder neue zauberhafte Perspektiven vor Augen zu haben. Mal sehen sie so aus, mal so, diese Säulen: Sie entstammen vielfach alten römischen Bauwerken, wurden nach Córdoba transportiert und hier dank der Streifenbögen zu einem Ensemble von homogener Wirkung zusammengefügt. Der Raum ist magisch, „dieser irre Dschungel“, so der O-Ton, nimmt auch das Kind gefangen. Es heißt, man habe hier einen syrischen Palmenhain nachbauen wollen. Mag sein. Falls dem so ist, müssen syrische Palmenhaine paradiesisch sein.

Plötzlich wird’s katholisch

Unterwegs in Cordoba mit Kind
Überraschender Kontrast: Gotik in der alten Moschee
Architektur mit Familie
Das katholische Spanien wusste, was Opulenz ist

Irgendwann sehen wir durch die schweren gestreiften Rundbögen etwas Weißes, Filigranes aufscheinen, das uns vertraut vorkommt. Zierliches spätgotisches Maßwerk kleidet einen Kircheninnenraum mitten in der Moschee aus, strebt nach oben, verströmt katholische Pracht. Hier, keine Frage, waren Christen am Werk. Nachdem die große Moschee von Cordoba 1236 zu einer Kathedrale umfunktioniert worden war, wollte man dem Katholizismus auch architektonisch Ausdruck verleihen. Im 16. Jahrhundert war man schließlich so weit, ein gotisches Kirchenschiff mitten in die Mezquita hineinzubauen.

Familientrip nach Andalusien
Erstaunlicher Ort. Muss fotografiert werden

Ein Hauch von Arabien

Das fand schon damals nicht jeder gut, auch nicht jeder Christ: Kaiser Karl V. soll entsetzt gewesen sein ob der architektonischen Eingriffe in das bereits damals als bedeutend geltende Bauwerk. War ja auch ein ziemlich brutales Unterfangen. Und überhaupt: So prächtig die nach oben weisende christliche Struktur mitten im islamischen Bau auch ist: Gegen die einzigartige, unvergessliche Wirkung der Moschee mit ihren massiven, endlosen Säulen kommt sie nicht an. Meine Tochter und mich amüsiert der Kontrast zwischen den uns so vertrauten gotischen Elementen und den geheimnisvollen arabischen Säulenhallen. Denen verdanken wir unsere bleibenden Eindrücke von der Mezquita-Catedral – ihnen und den märchenhaften Details wie den Mosaiken im Mihrab. Es ist nicht Arabien, aber doch ein Hauch davon. Und es ist nicht einfach der Besuch eines berühmten Bauwerks, sondern ein beglückender Spaziergang durch einen betörenden, labyrinthischen und exotischen Garten aus Stein.

Andalusien mit Kindern
Endlose gestreifte Perspektiven; hier und da eine katholische Kapelle
Mezquita-Catedral
Traumhaftes Mosaik im Mihrab

Schnell mal durch die Altstadt von Córdoba

Es gibt so einiges, was man sich anschauen könnte, wenn man Córdoba mit Kind besucht. Wir entscheiden uns an diesem Tag für einen Shortcut: Kein vertieftes Sightseeing neben der Mezquita. Als ich Jahre zuvor erstmals hier war, fand ich die pittoresken Altstadtgässchen der Judería, des Judenviertels rund um die Moschee, bereits so rummelig, dass ich nicht viel von ihrem Flair wahrnehmen konnte. Diesmal geht es mir nicht anders, und auch meine Tochter stimmt zu: Ganz schön, hier mal für einen Tag herzukommen, aber wir sind froh, dass wir in Sevilla wohnen.

Calleja de las flores
Berühmtheiten: die Blumen an den weißen Hauswänden von Córdoba
Spanien mit Kind
So soll Spanien aussehen!

Schön ist das Stadtbild hier trotzdem, sehr schön sogar. Mit vielen verzierten Torbögen, überraschenden Durchgängen, Patios, Pflanzen. Instagram und Córdoba geben ein gutes Team ab.

Córdoba mit Kind und arabischem Tee

Salón de té in Córdoba
Der Salón de té zelebriert das arabische Erbe der Stadt
Córdoba mit Kind: Salón de té
Ziemlich viel Zauber hinter Torbögen

Wenn schon kein besonders ausführlicher Córdoba-Trip, dachte ich mir im Vorfeld, dann wenigstens ein möglichst arabischer. Ich hatte vom Salón de té in der Altstadt Córdobas gelesen, und als überzeugte Teetrinkerinnen müssen meine Tochter und ich hier eingekehren. Die Inspiration der Teekarte ist arabisch: Viele Tees werden mit Gewürzen, Blüten oder Früchten zubereitet. Und orientalisch-stilvoll in Gläsern serviert. Wir bestellen ein wenig sehr süßes Gebäck, hätten aber auch Speisen wie Hummus, Falafel oder Salat bekommen können.

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Tee in Spanien
Stilecht orientalisch im Glas serviert: der arabisch inspirierte Tee
Córdoba mit Kind: Salon de té
Córdoba mit Kind: der Salón de té ist definitv eines unserer Highlights

Wir sitzen hinter Torbögen in einem kleinen überdachten Patio; wohin wir schauen, sehen wir Pflanzen und Früchte. Natürlich sind wir nicht die einzigen Touristen, aber das ist in Ordnung: There’s nothing sweeter than Arabia.

Scharfer Schnitt: von Arabien nach Amerika

Man soll natürlich nicht kleingeistig sein. Nur, weil man mit höchst arabischen Erwartungen in Córdoba ist, darf man nicht die Augen vor – sagen wir – unerwarteten Eindrücken verschließen. Und wenn man, wie wir, die Überzeugung vertritt, dass Café-Tourismus auch eine Art von Kulturtourismus ist, dann muss man trotz des stundenlang getankten arabischen Feelings ganz einfach hineingehen in ein Café, das aussieht wie in einem amerikanischen Fünfziger-Jahre-Film – mitten im hyperandalusischen Córdoba.

Córdoba mit Teenager
Amerika mitten in Córdoba

„Route 66“ heißt das Etablissement, dessen pastellgrüne und zartrosa Kunstlederbänke am ehesten eine stylische, Instagram-affine Klientel erwarten lassen. Von der jedoch fehlt jede Spur. An einem Tisch sitzen ein paar alte Herren beim Kaffee, viele Plätze sind leer, in der Nähe von Theke und Jukebox hält sich eine Crew auf, die hier zu Hause zu sein scheint. Keine Hipster, eher US-Träumer.

Wir werden so gut behandelt, dass uns ganz warm ums Herz wird. Die junge Dame mit pinkem Poloshirt und blondem Pferdeschwanz, die die Getränke bringt, stellt uns irgendwann wortlos kleine Brötchen mit Schokocreme auf den Tisch. Aus den Lautsprechern klingt Elvis.

American Style
Get your kicks on Route 66
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Spanien muss nicht immer so furchtbar spanisch aussehen
Reisen mit Teenagern
Aus der Jukebox klingt Elvis

Sorry, dass dies hier kein Cafétipp für Córdoba ist. Ich habe gegoogelt: Das „Route 66“ existiert nicht mehr. Ich hoffe, dass die einsamen andalusischen Herzen, die vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten träumen, einen anderen Ort gefunden haben, der ihnen ihre Kicks gibt. Amerika oder Arabien: Am Ende ist vielleicht alles nur ein Touristentraum. Reisegefühle, die sich hervorragend in der Begleitung von Teenagern auskosten lassen.