Dieser Moment, in dem die so-gut-wie-dreizehnjährige, schon einigermaßen weit gereiste Tochter sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an so einen schönen Ort komme.“ Dieser Moment trägt sich in unserem Falle in Sevilla zu. Während eines Mutter-Tochter-Trips, den wir in einer Art Sinnesrausch zubringen.

Sevilla. Und plötzlich besteht die Welt aus Mosaiken

Sevilla mit Kindern

Lieblings-Straßenecke, nur ein paar Meter vom Hotel entfernt

Ich glaube, es sind vor allem die Azulejos. In einer Stadt, in der selbst Ladenschilder aus bunten Fliesen zu Mosaiken zusammengesetzt sind, in so einer Stadt ist man vom Glatten, Klaren, aus einem Guss Bestehenden weit entfernt. In Sevilla flirrt alles, fügt sich zu großen Bildern und fällt wieder in winzige Ornamente auseinander; wie ein Motiv in einem Kaleidoskop. Wir müssen nur aus unserem Hotel Las Casas de la Judería (ein herrliches Kapitel für sich, dem ich bereits einen kompletten Blogartikel gewidmet habe) auf die Straße treten und sind schon in einem anderen optischen Modus als gewöhnlich. Wir sehen bunte Mosaiken an Häusern, Läden, Kirchen und in herrlichen Eingängen, die den Blick auf verwunschene Patios mit Springbrunnen und Palmen freigeben.

Reisetipps Sevilla

Mit Sicherheit die schönste Autowerbung der Welt. Sie stammt von 1924

Sevilla: Azulejos

Für Sevilla sind solche Perspektiven ganz normal

Wenn man sich in Sachen Azulejos so richtig die Kante geben will, geht man zur Plaza de España. Die man übrigens auch besuchen sollte, wenn man nicht im Azulejo-Wahn ist. Denn dieser Platz – Instagram-Liebling, Star-Wars-Drehort – ist einzigartig. Erbaut wurde er 1929, als Sevilla eine große Iberoamerikanische Ausstellung ausrichtete – gedacht als Pendant zur Weltausstellung, die gleichzeitig in Barcelona stattfand. Der halbrunde Spanien-Platz ist ein einziges leuchtendes Keramik-Kunstwerk. Brücken und Bänke sind mit den für Sevilla und ganz Andalusien typischen Fliesen besetzt; unzählige fein gestaltete Mosaiken stehen für die verschiedenen Regionen Spaniens. Das Kind will auf dem halbrunden Gewässer des Platzes herumrudern, also machen wir eine Bootstour zwischen Azulejos.

Sevilla: Plaza de España

Der Platz als Schmuckstück: Plaza de España

Plaza de España: Azulejos

Südlich leuchtende Azulejos, wohin man schaut

Flamenco-Spirit

Auf der Plaza de España sehen wir zwei Flamenco-Tänzerinnen samt zugehörigen Gitarristen. An diesem Ort keine wirkliche Überraschung, denn an der Plaza de España dürfte so ziemlich jeder Sevilla-Tourist vorbeikommen. Und jeder Sevilla-Tourist hat das Thema Flamenco irgendwie im Hinterkopf – schließlich ist die Stadt das ultimative Klischee für die gängigen Spanien-Abziehbilder. Nicht zuletzt dank dem französischen Schriftsteller Prosper Mérimée, der Carmen erfand und Sevilla zu ihrem Wohnort ernannte.

Sevilla: Flamenco-Schuhe

Man ist nie zu jung für ein ordentliches Paar Flamenco-Schuhe

Sevilla: Flamenco-Boutiqe

Flamenco-Boutique in der Innenstadt von Sevilla

Nicht nur ich, auch meine Tochter ist etwas skeptisch gegenüber dieser ganzen Flamenco-Angelegenheit. Der ganze Trubel um diesen Tanz, scheint uns, hat allzu viel von gezielter Touristenbelustigung. Wobei natürlich die Skepsis des Touristen gegenüber der Touristenattraktion nichts anderes ist als eine typisch touristische Haltung für Fortgeschrittene. Wie dem auch sei: Man kann sich keine vier Tage durch Sevilla bewegen, ohne vom Flamenco-Spirit angefixt zu werden.

Flamenco Museum Sevilla

Rhythmen ankurbeln im Flamenco-Museum von Sevilla

Da sind zunächst die Schuhe, die wir bei unserem ersten Stadtbummel sehen: hochhackige Tanzschuhe in sämtlichen Größen, sogar für kleine Mädchen. Dann die Läden mit Flamenco-Bekleidung und -Accessoires – ebenfalls sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Es ist ziemlich klar, dass dieser Tanz, den wir gerne mit billiger Sangría und Retorten-Paella in eine Schublade stecken, in Sevilla mit großem Ernst betrieben und keineswegs allein für die Touristen praktiziert wird. Wie ernst das Ganze ist und wie durchdrungen von komplexen Leidenschaften, erfahren wir bei unserem Streifzug durch das Flamenco-Museum von Sevilla. Es gibt in diesem Haus einzelne Bereiche, für die wir nicht Insider genug sind, aber wir bekommen einige anfängertaugliche Eindrücke. Und wir betätigen per Kurbel ein mechanisches Holzschuhpaar, das in betörenden Flamenco-Rhythmen klappert.

Sevilla: Flamenco

Spontane Flamenco-Session irgendwo in Sevilla

Schließlich entscheiden wir uns, an unserem letzten Abend eine Flamenco-Vorstellung zu besuchen. Angebote gibt es überall; Freunde hatten uns eine bestimmte Location empfohlen. Als wir am Vormittag die Tickets kaufen wollen, ist meine Tochter krank. Wir verbringen den Tag im Hotel, nur am Abend gehen wir noch einmal nach draußen, um etwas zu essen. Und auf diesem Weg kommen wir in den Genuss eines Flamenco-Erlebnisses, das – zumindest für mich – jede professionelle Vorstellung übertrifft: Nicht weit von unserem Hotel hören wir Gitarrenklänge aus einer Bar, und durch die Scheibe sehen wir Menschen unterschiedlichen Alters, unspektakulär gekleidet wie für ein Feierabendbier, die sich die Jacken von den Schultern ziehen und dicht gedrängt, in Jeans und Pullover, Flamenco tanzen. Sie können es. Ab jetzt wissen wir sicher: Flamenco in Sevilla ist viel, viel mehr als Touristenfolklore.

Ornamenthimmel mit Paradiesgarten: der Real Alcázar

Real Alcázar, Sevilla

Der Zauber dieser Architektur funktioniert auch noch nach Jahrhunderten: Puppenhof im Alcázar

Der Höhepunkt unseres Sevilla-Rauschs erwischt uns im Alcázar Real, dem über tausend Jahre alten Königspalast von Sevilla, der zum UNESCO-Welterbe zählt. Die Mauren haben den Palast im arabischen Stil begonnen, im Mittelalter ergänzten die christlichen Könige ihn um gotische Elemente, während die prächtigsten Innenhöfe und Räume, die heute noch zu sehen sind, aus dem 14. Jahrhundert stammen. Damals entstand im Süden Spaniens der Mudéjar-Stil, für den die christlichen Auftraggeber viele Elemente der islamischen Kunst und Architektur übernahmen und bevorzugt arabische Kunsthandwerker beschäftigten.

Real Alcázar

Paradebeispiel der Mudéjar-Architektur: Jungfrauenhof im Real Alcázar

Real Alcázar de Sevilla: Mudéjar

Ornamente, so viele das Herz begehrt

Die Details dieser Entstehunsgeschichte erspare ich meiner Tochter: Der kaleidoskopische, stellenweise fast psychedelische Tausendundeine-Nacht-Zauber des Palasts fängt uns auch so ein. Wir wandeln von Innenhof zu Innenhof, durch ornamentverzierte Räume und Durchgänge mit bunten Fliesenmosaiken, bis wir schließlich in den Garten kommen. Dieser Garten ist der Ort, an dem meine Tochter den Satz sagt, für den sich jede Reise lohnt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an so einen schönen Ort komme.“

Sevilla mit Kindern

Riecht nach Süden, klingt nach Süden, sieht nach Süden aus: in den Gärten des Alcázar

Die maurischen Herrscher, die für die erste Version der Alcázar-Gärten zuständig waren, hätten ob dieser Aussage vermutlich zufrieden genickt. Arabische Paradiesgärten stehen an den Anfängen der Geschichte der europäischen Gartenkunst – schließlich stellt sich der Islam das Paradies selbst als Garten vor. Die sevillanischen Anlagen von Palmen, Orangenbäumen, Rabatten zum Lustwandeln, Springbrunnen und pittoresken kleinen Bauten verdanken sich späteren Jahrhunderten, aber das tut ihrer tropisch-träumerischen Anmutung keinen Abbruch. (Siehe auch Bild ganz oben in diesem Blogartikel.) Wir wollen wieder nach Sevilla, und meine Tochter will wieder in den Alcázar. Ich betone: Eine Dreizehnjährige möchte aus freien Stücken dasselbe Kulturdenkmal ein zweites Mal besuchen.

Real Alcázar: UNESCO-Welterbe in Sevilla

Selbst ich lasse mich in diesen Gärten freiwillig fotografieren

Sevilla-Orangen. Und Parfum

naranjas de Sevilla

Rund, leuchtend, südlich: Naranjas de Sevilla

Vogelgezwitscher, Brunnengeplätscher, Pflanzenduft und überall Orangenbäume: Als Nordeuropäerinnen mit vorwiegend nördlichen Reiseerfahrungen sind meine Tochter und ich prädestiniert dafür, den südlichen Schlüsselreizen von Sevilla zu erliegen. Und es scheint uns nur folgerichtig, dass sich der Sinnesrausch auch beim Shopping fortsetzt. Es ist unvermeidbar, dass wir in der örtlichen Filiale der französischen Parfumeriekette Sephora landen. Dort gibt es etwas, was sich wie die perfekte olfaktorische Ergänzung unseres Sevilla-Rauschs anfühlt. Es heißt Drops und ist, wie man uns erzählt, brandneu und überhaupt nur in Spanien zu haben.

Drops by Sephora Spain

Die Sephora-Drops sind sozusagen das Mosaik unter den Parfums

Die Drops stehen in altmodischen Glasflaschen in einer Dufttheke mit neumodischem Bildschirm. Jede Flasche enthält ein anderes Parfum, jedes ist mit einer Zustandsbeschreibung inklusive Hashtag gekennzeichnet: #imhappy zum Beispiel, oder #imwild. Eine andere Variante heißt, in etwas zweifelhaftem Englisch, #imfreedom; man kann aber auch #iminlove wählen. Aus diesen Düften mischt man sich mit Hilfe einer Verkäuferin und den Schritt-für-Schritt-Anleitungen auf dem Display sein höchstpersönliches Parfum zusammen. Selbst die Farbe des Flaschendeckels und das Motiv des – individuell beschrifteten – Etiketts obliegen der eigenen Wahl. Das Ganze kommt uns vor wie die duftende Variante der überall präsenten Ornamente und Fliesen von Sevilla: sinnlich und vielseitig; Einzelteile, die zu einer unendlichen Fülle von Kombinationen zusammengestellt werden können. Sozusagen die Mosaiken unter den Parfums. Wobei wir beide, Mutter und Kind, durchaus auch das Trendpotential dieses Parfumkonzepts diskutieren: die Ansprache der individuellen Gefühlslage der künftigen Parfumbesitzerin, die „Customizability“, die es erlaubt, für jede Persönlichkeit ihren ganz eigenen, im Idealfall unverwechselbaren Duft zu kreieren. Coole Sache; geschicktes Marketing. Ich muss vielleicht nicht eigens erwähnen, dass wir zwei Flaschen kaufen: eine für die anwesende Tochter, eine für ihre daheimgebliebene Schwester. Letztere versehen mit einem Instagram-Foto, das diese Schwester einmal gemacht hat und das sich auf meinem Handy findet. Schöne neue Welt

Sevilla bei Nacht und von oben: auf dem Metropol Parasol

Metropol Parasol Sevilla

Der Metropol Parasol, auch Pilz von Sevilla genannt

Es soll Leute geben, die den Metropol Parasol nicht mögen. Keine Ahnung, warum. Der Metropol Parasol ist Sevillas berühmtestes modernes Bauwerk: eine Art wuchernder hölzerner Riesenpilz mit Schlangenmuster, der die Plaza Encarnación in Sevillas Innenstadt wie ein Baldachin beschattet. Fertiggestellt wurde die avantgardistische Konstruktion im Jahr 2011; ihr Architekt ist ein Deutscher: Jürgen Meyer H.

Sevilla: Metropol Parasol

Der Riesensonnenschirm aus Holz sieht auch im Dunklen gut aus

Das organische, optisch in unzählige kleine Flächen aufgeteilte Holzgebilde fügt sich gut in Sevillas südliches Farbspektrum, und es passt zur Ästhetik dieser Stadt mit ihren vielen kleinteiligen Strukturen. Es passt auch uns in den Kram, denn das Dach des Metropol Parasol dient als Aussichtsplattform. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine herkömmliche Plattform, sondern um eine Struktur aus Gängen, die sich über die verschiedenen Ebenen und entlang der Kurven des Dachs schwingen.

Metropol Parasol: Lift

Bereits der Aufzug, mit dem wir auf den Metropol Parasol fahren, ist eine Augenweide

Setas de Sevilla

Avantgardistischer Achterbahn-Appeal: auf dem Dach des Metropol Parasol

Wir laufen. Wir bleiben stehen. Wir machen Fotos. Schauen auf die Stadt. Und stellen fest, dass wir kaum einen Ort jemals mehr genossen haben als Sevilla.