Dieser Blogpost ist zu null Prozent gesponsert: Meine So-gut-wie-13-Jährige und ich haben uns ungeplant, unversehens und unbezahlt in ein Hotel in Sevilla verliebt, das in mir so manchen Gedanken über den Sinn und Zweck des Reisens geweckt hat. Las Casas de la Judería heißt dieses Hotel, und es besteht aus 27 traditionellen Häusern im alten jüdischen Viertel Sevillas – alle zu einem verwickelten Labyrinth miteinander verbunden über Patios, Durchgänge und einen Tunnel.

Das Reisen und die Suche nach dem Mythos

Andalusien: Sevilla mit Teenager

Mythischer Süden

Wenn ich es mir recht überlege, reise ich ziemlich oft Mythen hinterher. Und wenn ich Reiseführer lese und Reiseblogs oder wenn ich mit anderen Reisebegeisterten spreche, habe ich den Eindruck: nicht nur ich. In unserem kollektiven Bewusstsein wabern Filmbilder von New York und Sepia-Fotos von Lissabon ebenso wie Traumvorstellungen von einem geheimnisvollen Asien und paradiesische südliche Szenerien mit Palmen, die diffuse Sehnsüchte in uns wecken. Wir haben Instagram, aber im Grunde geht es uns nicht anders als Goethe, der mit der Kutsche über die Alpen fuhr, um zu sehen, wie es sich in Wirklichkeit verhielt mit den landschaftlichen wie kulturellen Schönheiten von Italien, von denen er verführerische Vorstellungen im Kopf hatte. Und der danach den ganzen Reise-Sehnsuchts-Stoff in Zeilen goss wie: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“

Meine familiären Reisegefährten und ich kennen die Länder, wo die Zitronen blühn, nicht allzu gut. Wir reisen gern, aber eher in Gegenden, in die Zitronen importiert werden. Deshalb hat der Süden für uns noch so manchen reinen Mythos parat. Zum Beispiel den Mythos vom Patio, dem schattigen Innenhof, dessen gekalkte oder gekachelte Wände und plätschernde Brunnen Schutz vor der Hitze und gleichzeitig Beglückung für die Sinne bieten. Ein paradiesischer Ort irgendwo zwischen Südspanien, Mexiko und Tausendundeiner Nacht. Ein Ort, den ich mit pflichtbewusstem Realismus und mit echtem Bedauern immer für eine Märchenvorstellung hielt. Und zwar genau bis zu dem Moment, in dem Julio uns zu unserem Zimmer im Hotel Las Casas de la Judería führt.

Las Casas de la Judería: Labyrinth aus 27 alten Häusern

Hotel Las Casas de la Juderá

Unser Patio, unser Fenster, unser Schlafzimmer, der Tunnel zu unserem Haus: a home away from home

Julio besteht zwar darauf, unsere Koffer zu ziehen, aber er ist keineswegs einfach ein Hotelpage. Julio ist unser Pfadfinder in einem Labyrinth aus 27 historischen Häusern im sehr pittoresken ehemaligen jüdischen Viertel von Sevilla, die irgendwann zu einem Hotel mit 134 Zimmern zusammengefasst wurden. Als wir um die Mittagszeit ankommen, hat der blendend gelaunte Herr mit Großvater-Charme bei der Arbeit bereits acht Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wahrscheinlich informiert ihn sein Smartphone darüber.

Julio jedenfalls führt mich durch mein erstes waschechtes Patio. Dann durch mein zweites. Und mein drittes. Meine Tochter und ich japsen synchron. Julio lächelt milde und selbstzufrieden. Biegt in einen römisch gestylten Tunnel und lässt uns in einem grünen Frühlingsgarten wieder auftauchen, in dem Wasser plätschert und Vögel singen. „This is your room“, sagt er und zeigt auf ein Fenster oberhalb dieser Pracht. Genaugenommen sind es zwei Räume, einer zum Sitzen und einer zum Schlafen; auf diesen Luxus hatte weder die Buchungs-Website noch der Preis schließen lassen.

Gibt es authentische Märchen?

Sevilla Patio

Tausendundeine Nacht zum Betreten

Zweifel scheint ausgeschlossen: Wir sind mittendrin im mythischen Süden mit seinen Patios und seinen plätschernden Brunnen. Wir dürfen sogar darin schlafen. Das ist so verwunderlich, dass in mir als realistischer Reisender gleich ein leiser Verdacht aufkeimen will, ob das hier auch echt sein kann. Immerhin sind wir in einem Hotel, nicht im authentischen Haus einer andalusischen Familie, die das Leben in schattigen Innenhöfen pflegt. Könnte ja sein, dass man diese ganze Schönheit nur für uns als zahlende Touristen inszeniert hat, die auf der Suche nach genau solchen Orten hierher reisen. Wobei wir Touristen natürlich gerade keine Inszenierungen erleben wollen, sondern das authentische Leben. Aber eben nicht das authentische Leben in den Wohnblocks von Sevillas Vororten, sondern das authentische Leben in schattigen Innenhöfen. Also sorgsam selektierte Authentizität. Irgendwo scheint sich die Katze, die das Thema Authentizität zum globalen Megatrend unter Individualreisenden ernannt hat, massiv in den Schwanz zu beißen.

Solche Überlegungen können allerdings nichts daran ändern, dass wir Las Casas de la Judería nach Strich und Faden genießen. Wir öffnen die Fenster, gehen von einem Patio zum nächsten, probieren Schaukelstühle und Bänke aus, schauen auf blumengeschmückte Balkone hinauf und von ebensolchen herunter. Manche sind weiß, andere rot, grün oder gelb. Einige Innenhöfe sind winzig, andere riesig. Es gibt Rundbögen, Azulejos – die spanischen oder portugiesischen Keramikfliesen – und immer wieder Brunnen. Ihr Plätschern ist der Soundtrack unserer Tage in Sevilla.

 Immersion mit Haut und Haar

Las Casas de la Judería

Verwunschene Gänge mit Patios, Balkonen, Brunnen

Normalerweise hätte ich mir mit meiner Tochter den einen oder anderen zum Museum umfunktionierten historischen Wohnpalast reicher Sevillaner angeschaut, denn Wohnkultur ist für mich eines der spannendsten Reisethemen. Aber diese Besichtigungen sparen wir uns. Stattdessen wohnen wir lieber selbst in zum Hotel umfunktionierten historischen Wohnhäusern wohlhabender Sevillaner. Die kulturbeflissene Mutter in mir ist genauso zufrieden wie die Patio-Romantikerin. Denn die Tochter erlebt hier traditionelles südspanisches Bauen und Wohnen auf allereindringlichste Weise. Statt Museusmbesuch haben wir Immersion mit Haut und Haar, bei Tag und bei Nacht. Und dafür gleich ein ganzes historisches Häuserensemble.

Aber Immersion in was? In das authentische Sevilla von heute? In das authentische Sevilla von einst? In die für Touristen bestimmte Interpretation sevillanischer Tradtionen, die man außerhalb von Museen und besonders inszenierten Orten gar nicht mehr findet? Während unseres Aufenthalts in der Stadt begreifen wir, dass es von allem etwas ist. Auch das gegenwärtige Sevilla ist noch geprägt von Wohnhäusern mit herrlich bepflanzten, oftmals mit bunten Azulejos ausgekachelten Patios. Gern stehen die Durchgänge zu ihnen offen, sodass man von der Straße aus hineinschauen kann. Dennoch wohnt der authentische Sevillaner unserer Tage in der Regel etwas prosaischer. Natürlich fühlen wir uns auch ein wenig in das Sevilla von einst versetzt, in dem – so hoffen wir – das müßige Entspannen an plätschernden Brunnen zum authentischen Alltag der Bewohner gehörte. Allerdings vermutlich nur der wohlhabenden.

Casas de Judería Salon

Herrschaftlicher Hotelsalon zum Aufenthalt für alle

Dennoch ist unser Hotel natürlich auch ein wenig Inszenierung. Rund zwei Dutzend bestens gepflegter, stilvoll ausgestatteter pittoresker Gärtchen und Patios auf engstem Raum finden sich nicht einfach so durch Zufall. Vielleicht, denke ich während unserer Reise immer wieder einmal, fänden sie sich ohne uns Touristen an dieser Stelle gar nicht. Vielleicht hätte man die Häuser im so beliebten ehemaligen jüdischen Viertel Santa Cruz gar nicht in dieser Form erhalten, wenn man nicht ein Hotel aus ihnen gemacht hätte.

Der große Reisemythos von der Authentizität

Sevilla: Carmen

Seit den Zeiten der wilden Carmen ist Sevilla ein Fixpunkt auf touristischen Landkarten

Die meisten Reisejunkies kennen das berühmte Diktum von Hans Magnus Enzensberger: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Wir alle wissen, was er meint: Das geheimnisvolle Unberührte, nach dem wir uns sehnen, hat sowohl Geheimnis als auch Unberührtheit preisgegeben, sobald wir einmal hingekommen sind. So wird jedes „off the beaten track“ schnell zum „beaten track“.

Sevilla allerdings kann schon seit rund hundert Jahren nicht mehr von sich behaupten, „off the beaten track“ zu liegen. 1847 schrieb der Franzose Prosper Mérimée die Novelle „Carmen“, 1875 wurde Georges Bizets darauf basierende Oper uraufgeführt. Beide spielen in Sevilla. Seither ist die Stadt ein Fixpunkt auf den touristischen Landkarten nicht zuletzt angelsächsischer Reisender, die auf der Suche nach dem wahren, temperamentvollen, leidenschaftlichen Spanien sind: nach dem vermeintlich authentischen Spanien. Die Vorstellung von Authentizität auf Reisen hat sich in den letzten Jahrzehnten allerdings ein wenig gehäutet. Flamenco-Folklore im Carmen-Style kommt bei Sevilla-Touristen zwar immer noch gut an, aber der Authentizitätsdurstige von heute ist besonders gern auf der Suche nach dem Rauen, Abseitigen, Überraschenden.

Allerdings immer nur in einem sorgsam ausgewählten Rahmen, den die mythischen Reiseträume vorgeben. Underground in Berlin ist ein kultiges Ziel; den Underground von Ludwigshafen will keiner erleben. Lost Places mit der Patina der Vergangenheit sind fotogen; Lost Places mit Müll und Ratten sind ein No-go. Das ist vielleicht ja alles gar nicht so schlimm. Aber vielleicht sollte man gelegentlich etwas sorgsamer mit dem inflationär gewordenen Schlagwort von Authentizität umgehen. Da, wo wir das Authentische suchen, haben andere es in der Regel schon gefunden, und es ist nicht mehr so ganz authentisch. Vielleicht aber trotzdem noch dazu angetan, unseren Horizont zu erweitern. Und dort, wo wir das Authentische finden könnten, wollen wir meistens gar nicht hin.

Nachhaltigkeit für Kulturfans

Hoteltipp Sevilla

Las Casas de la Judería sind nicht zuletzt fotogen

Warum ausgerechnet unser Hotel in Sevilla alle diese Gedanken in Gang gesetzt hat? Weil ich während unseres Aufenthalts in Las Casas de la Judería immer wieder das Gefühl hatte: Ja, so kann es funktionieren, wenn man einen touristisch sehr beliebten Ort wie Sevilla besucht und wenn man weder zum Voyeur werden will noch sich mit Abziehbildern abspeisen lassen möchte. Dann ist so ein feinfühlig restauriertes Stück Altstadt vielleicht eine optimale Möglichkeit, einen Eindruck vom traditionellen Alltagsleben in der Gegend zu bekommen, ohne bei Anwohnern eingeladen zu sein und ohne ungebeten in ihre Privatspähre einzudringen. Gewiss hatte man bei der Einrichtung des Hotels Touristen im Blick, aber man hat der historischen Bausubstanz wenig Gewalt zugefügt, um einen attraktiven Ort für sie zu schaffen – und möglicherweise hat man sogar etwas für den Erhalt der Gebäude getan. Der Tourist muss nicht zwangsläufig zerstören, was er sucht. Denn machen wir uns nichts vor: Enzensbergers Zitat ist treffend, aber in unseren tourismusbegeisterten Tagen nicht mehr ganz zeitgemäß. Das Unentdeckte ist zumeist entdeckt, Authentizität in Reinform ist beim Reisen oft Utopie.

Für den Kulturfan in mir stellt unser andalusisches Refugium eine Form von Nachhaltigkeit dar, für die klassische Individualreisende in mir einen guten Authentizitätsmodus, für die Genießerin eine maximale Wohlfühlmöglichkeit. Nicht anders geht es der Genießerin in meiner Tochter, während es dem Digital Native in ihr um eine attraktive Sammlung von Polaroid-Bildern mit südlichem Flair geht. Denn langsam haben sich die jungen Digitalen wohl endgültig als die größten Romantiker des Analogen entpuppt.

Wir wollen beide wieder in dieses Hotel – und am liebsten wieder zu einer Zeit, in der es nicht ausgebucht ist und man problemlos ein ganzes Patio für sich haben kann.

Blick auf Sevilla

Herrlich: die Dachterrasse mit Pool und Sevilla-Blick

Las Casas de la Judería: INFO

Das Hotel Las Casas de la Judería ist zentral in der Altstadt von Sevilla gelegen; im ehemaligen jüdischen Viertel Santa Cruz. Zum Alcázar, der Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, geht man knapp zehn Minuten zu Fuß. Auch unsere sonstigen Ziele haben wir sämtlich zu Fuß erreicht; gelegentlich sind wir abends mit einem – recht günstigen – Taxi ins Hotel zurückgefahren.

Las Casas de la Judería verfügt über eine Dachterrasse mit Pool, der allerdings während unseres Februar-Aufenthalts geschlossen war, außerdem über ein Spa sowie eine Hotelbar, die aus mehreren herrschaftlichen Sälen mit gepolsterten Sesseln besteht, und über einen im Mudéjar-Stil gekachelten Salon mit mehreren Seitenräumen voller Sitzgelegenheiten. WLAN gibt es offiziell nur in den Patios, Gärten und öffentlichen Bereichen, wir hatten allerdings sehr guten Empfang im Zimmer. Das mag davon abhängen, in welchem der vielen Bauten man untergebracht ist.

Das Personal ist unkompliziert und zuvorkommend, aber nirgendwo ist alles perfekt: Mit 16,50 Euro schlägt das nicht übermäßig umwerfende Hotelfrühstück recht teuer zu Buche, außerdem kann es in den Zimmern laut werden. Die Räume sind hellhörig, und wer unten auf der Straße vorbeigeht, ist extrem gut zu hören. Uns hat das erstaunlich wenig gestört: Die menschlichen Stimmen passten irgendwie zu dem Flair des Gebäudelabyrinths, außerdem haben das allgegenwärtige Geplätscher und die Vogelstimmen dem Ganzen eine gut erträgliche Grundnote gegeben. Ich habe in Sevilla so gut geschlafen wie nur selten in einem Hotel.

Hotel Las Casas de la Judería Sevilla

Stoff für Zeitreisen: Hotelbar und Rezeption