Zugegeben: Dieser Hamburg-Tipp ist eher etwas für Leute, die schon oft in der Stadt waren und alles gesehen haben, was im Reiseführer steht. Oder auch für Hamburger.
Außerdem nimmt dieser Post an der Blogparade „Zeigt mir Eure Gegend“ von @kurzundknapp teil – da geht’s darum, wo Deutschland am schönsten ist!

Ein Stück Hamburg, das viele Hamburger nicht kennen

Dies ist ein Blogpost über meine Heimat: die Vier- und Marschlande, ein Landgebiet im Südosten Hamburgs, direkt an der Elbe, das sogar vielen Hanseaten unbekannt ist. „WO wohnst du?“, fragte man mich, als ich in der Stadt zur Schule ging. „Fährt da ein Bus hin?“ Die Stimme ungläubig, als hätte ich meinen Stadtteil frei erfunden. „Hier sieht es aus wie in Psycho“, sagte einer, der mich über die langen Landstraßen nach Hause fuhr, auf denen man zu uns gelangt.

Zu meinem Trost kamen die Bayern. Eine Jungsclique auf Abifahrt; einer von ihnen war der Sohn einer Freundin meiner Mutter. Ich sollte ihnen Hamburg zeigen. Und noch bevor wir eine Viertelstunde miteinander verbracht hatten, fragten sie mich: „Kennst du die Vier- und Marschlande?“ Hach, das bayerische Schulsystem! Sie hatten gelernt, dass meine Heimat das größte zusammenhängende Gemüseanbaugebiet von ich weiß nicht was war.

Tomaten, Gurken und Plattdeutsch

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Meine eigenen Vorfahren gehörten nicht zu denen, die mit dem Ewer – einem kleinen Boot – voller Gemüse und Blumen über die Elbe zu den Hamburger Markthallen gefahren sind und die Stadt mit Grünzeug versorgt haben. Meine Eltern sind Zugezogene, und ich lebe in Süddeutschland.

Aber meine Wurzeln liegen zwischen den Tomaten; dort, wo selbst würdige ältere Herren im Getränkemarkt mit Du angesprochen werden, wo die Leute plattdeutsche Satzfetzen ins Gespräch einflechten und die Kinder das Niederdeutsche mittlerweile in der Grundschule lernen können. Dort, wo jede zweite Straße ein Deich ist, wo die goldene Konfirmation zu den großen Festen des Lebens zählt und Hammer-Hüt zu den großen Festen des Jahres. Hammer-Hüt ist ein Tag um Aschermittwoch, an dem die Kinder schulfrei bekommen und kilometerweit über die Deiche laufen, mit kleinen Hämmerchen auf Holzbretter klopfen, die vor jeder Tür stehen, und ein plattdeutsches Liedchen singen. Dafür bekommen sie Süßigkeiten – säckeweise.

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Kleine Seen heißen bei uns Brack, statt aufs stille Örtchen geht man „nach Tante Meier“, außerdem stehen ziemlich viele schöne Bauernhäuser herum, Natur ist überall, die Elbe sowieso, und deshalb gibt es jetzt hier einen Tipp, wie man unkompliziert ein bisschen in die ziemlich großen Vier- und Marschlande hineinschnuppern kann.

Eine Tour in die Vier- und Marschlande

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Man fahre zum Curslacker Deich. Den erreicht man am einfachsten vom Bahnhof des Stadtteils Bergedorf aus, zum Beispiel mit dem Fahrrad. Oder mit dem Bus. Am Curslacker Deich steht das Rieckhaus: ein Bauernhaus von 1533, Freilichtmuseum, außen Postkartenidylle, innen voller Geschichten über das norddeutsche Landleben in früheren Zeiten.

Damals, als die Hühner noch im Wandschrank wohnten: durchs Rieckhaus

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Es erzählt davon, dass zwei bis drei Erwachsene oder fünf bis sechs Kinder zusammen in kurzen Alkoven schliefen.

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Auf der anderen Seite des Zimmers wohnten die Hühner in einer Art Schiebeschrank.

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Das Geld lag auf der hohen Kante (!) einer flutgesicherten Truhe.

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Wenn man welches hatte – und das hatte hier so mancher -, konnte man sich seine ganz persönlichen Vierländer Hochzeitsstühle mit Intarsienarbeiten leisten.

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Was allerdings nichts daran änderte, dass man tagein, tagaus im Rauch lebte. Der fing sich im zentralen Raum des Hauses, in dem gekocht wurde. Einen Schornstein hatte man nicht. Dafür konnte man die Würste in der Luft, die man atmete, räuchern.

Curslack und die Hutständer in der Kirche

Wenn man genug hat vom Rieckhaus und von dem Rauchgeruch, der immer noch in seinen Balken hängt, fährt man ein bisschen weiter auf dem Curslacker Deich bis zu St. Johannis, einer der schönsten Vierländer Kirchen. Die sehen schon auf den ersten Blick ein wenig ungewöhnlich aus, denn ihr hölzerner Glockenturm steht ein Stück vom Kirchenbau entfernt.

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Das ist auch gut so, denn der Boden hier ist so weich, dass der Turm mit der schweren Glocke das Kirchenschiff sonst langsam zum Sinken bringen könnte.

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Innendrin in der Curslacker Kirche ist es taubenblau und heimelig. Das Holzgestühl ist streng in Männer- und Frauenbänke unterteilt, was deutlich an den Namensschildern zu erkennen ist, die an vielen Plätzen angebracht sind. Sowie an den Hutständern.

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Zum Kirchgang trug man Tracht. Und irgendwann kam der Zylinder zur Herrentracht in Mode. Um den während des Gottesdienstes zu verstauen, ließ man sich einen dekorativen personalisierten Hutständer anbringen. Was dazu führte, dass in manchen Kirchen der Gegend bis heute ein kleiner schmiedeeiserner Blumendschungel über den Bänken schwebt.

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Wer es bis hierher geschafft hat, findet nicht mehr, dass es bei uns aussieht wie in Psycho. Wenn man als Hamburger einen Ausflug in die Vier- und Marschlande macht, weiß man in Zukunft, wo die Gurken herkommen. Und als Tourist kann man mit der Städtetour gleich ein bisschen ländliches Norddeutschland verbinden.

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