Vor mehr als einem Monat konnten wir die große Retrospektive der Yayoi Kusama in Berlin sehen – am vorletzten Tag der Ausstellung im Gropius Bau. Eigentlich ist es jetzt zu spät, darüber zu schreiben. Ich tue es trotzdem.

Yayoi Kusamas erste Retrospektive in Deutschland

Kunst mit Teenagern: Yayoi Kusama
Psychedelisches Versinken im Kusama-Kosmos in Berlin

Einen Artikel über eine Ausstellung, deren letzter Tag mehr als einen Monat zurücklieg: Braucht den jemand? Aber da Yayoi Kusama nun einmal die unbestrittene Lieblingskünstlerin dieses Blogs ist, gehört ihre große Retrospektive im Gropius Bau in Berlin – ihre erste Retrospektive in Deutschland – nun einmal unbedingt hierher. Und falls jemand nach dieser Einleitung weiterliest: Willkommen!

“A Bouquet of Love I Saw in the Universe”

Yayoi Kusama. Eine Retrospektive - Berlin Gropius Bau
Auf dem Weg zur Retrospektive von Yayoi Kusama in Berlin

Es ist ein visuelles Fest, sich der Ausstellung von Yayoi Kusama in Berlin nur zu nähern. Rund um den Gropius Bau sind Bäume in Stoffbezüge mit Kusamas typischen Polka Dots gehüllt. Durch die große Halle des Hauses, die sich eindrucksvoll bespielen lässt, recken sich luftgefüllte Tentakel in schwarz gepunktetem Pink zwei Stockwerke hoch. “A Bouquet of Love I Saw in the Universe” heißt die eigens für die Berliner Ausstellung konzipierte Rauminstallation, und auch, wer kein Ticket für die Schau hat, wird bis in diese Halle vorgelassen. Mit dem Resultat, dass der knalligste Selfie-Space der ganzen Veranstaltung auch einen Platz auf den Kameras der vielen findet, die keine Eintrittskarte ergattern konnten. Vom 23. April bis zum 15. August 2021 lief “Yayoi Kusama. Eine Retrospektive”, die Tickets wurden vorab online für fixe Zeitfenster verkauft, um keine coronagefährlichen Menschenmassen zu riskieren, während der letzten Tage wurden die Öffnungszeiten verlängert – und trotzdem war die Nachfrage erheblich größer als das Angebot.

Denn Yayoi Kusama ist ein Star. Wer das nicht eh schon wusste, hat es im Zuge der Ausstellung mitbekommen, in herkömmlichen und in sozialen Medien. Die japanische Künstlerin ist eine Instagram-Queen, ihre großen Installationen werden weltweit als Eye-Candy mit viel Selfie-Potential gefeiert. Der Hype kann einem ein bisschen auf die Nerven gehen, und im Vorfeld der Berliner Schau bin ich etwas besorgt, ob die Yayoi-Kusama-Magie, die mich seit einem eher zufälligen Besuch ihrer Retrospektive im Centre Pompidou im Winter 2011 fest im Griff hat, auch diesmal verfängt.

Grande Dame mit einzigartigem Platz in der Kunstgeschichte

Yayoi Kusama: Aggregation: One Thousand Boats Show
“Aggregation: One Thousand Boats Show” von 1963: immersiv und seriell
Yayoi Kusama mit Teenagern
Ziemlich körperlich: Schuhe mit Stoff-Phalli

Doch es braucht nur ein paar Mintuen in der Ausstellung von Yayoi Kusama in Berlin, und alle Bedenken sind zerstreut. Unter der Ägide von Stephanie Rosenthal, die zugleich Direktorin des Gropius Baus und Kuratorin der Kusama-Schau ist, wurde eine Retrospektive konzipiert, die den Namen verdient. Sie setzt nicht auf die publikumswirksamen Highlights wie die leuchtenden und spiegelnden Infinity Rooms und die überdimensionalen Kusama-Kürbisse. Sie verweist nicht bei jedem Werkgrüppchen auf Yayoi Kusamas psychische Erkrankung und ihre Halluzinationen, die allzu oft als alleinige Erklärung des obsessiven Charakters ihrer künstlerischen Handschrift herhalten muss. Sondern sie zeichnet ein Lebenswerk nach, das einen einzigartigen Platz in der Kunstgeschichte beansprucht.

Jeder Raum widmet sich, ganz in chronologischer Reihenfolge, den wichtigen Ausstellungen, die Yayoi Kusamas künstlerische Laufbahn markieren. Das beginnt mit frühen Einzelausstellungen in Matsumoto, der Stadt, in der die Künstlerin 1929 geboren wurde, und setzt sich fort mit Galeriepräsentationen und Happenings in New York, der Stadt der künstlerischen Aufbrüche, in der Kusama von 1958 bis 1973 lebte. Hier kam sie zu Ruhm, hier lernte sie bedeutende und überwiegend männliche Protagonisten der Kunstszene wie Donald Judd und Andy Warhol kennen. Sie schuf erste Rauminstallationen mit komplett von phallusartigen Stoffelementen überwucherten Gegenständen, deren Wände mit vervielfältigten identischen Bildmotiven ausgekleidet waren. Ob sie auf die Idee kam, bevor Andy Warhol diese Form der seriellen Kunst populär machte, weiß man nicht so genau.

Eine Menge mehr als Polka Dots und Selfie-Spaces

Endlose Allovers; hier. “Gentle are the Stairs to Heaven”

Yayoi Kusama veranstaltete Happenings, sie malte unendliche Netzstrukturen, die “Infinity Nets”, mit denen sie das Prinzip des Allover Painting auf einen frühen Höhepunkt brachte, sie schuf experimentelle Mode und engagierte sich als Pazifistin. All diese Facetten ihres Wirkens thematisiert die Berliner Retrospektive mit Rekonstruktionen von Teilen alter Ausstellungen, mit gehaltvollem Infomaterial und vielen Videos aus den diversen künstlerischen Phasen Kusamas.

Unsere Familie besucht die Ausstellung zusammen mit einer Berliner Freundin, für die das Œuvre von Yayoi Kusama weitgehend neu ist. Noch bevor wir uns den immersiven Ekstasen der ersten Infinity Mirror Rooms aus der Mitte der 1960-er Jahren hingeben, ist meiner Freundin klar, dass es sie hier in die Schau einer Grande Dame verschlagen hat, deren Schaffen eine Fülle von Facetten, von Themen, von kreativen Bezügen zu diversen Epochen umfasst. Ich bin glücklich über diese Retrospektive, die mit immenser Sorgfalt und einiger Akribie die große Komplexität von Yayoi Kusamas Kunst zum Ausdruck bringt.

Psychedelische Räusche und ein bisschen Geglitzer

Rauschhafte Entgrenzung im Reich der Punkte: “Women of Shangri-La” von 2002
Yayoi Kusama in Berlin: Infinity Mirror Room
Von 2020 stammt Yayoi Kusamas neuester Infinity Mirror Room

Der Gropius Bau zeigt das ganze Kusama-Spektrum, darunter die berühmten, komplett von Punkten übersäten Installationen, die ihre Betrachter in einen Strudel der Entgrenzung ziehen. Natürlich genießen wir das spektakuläre Funkeln und Leuchten der Kusamaschen Spiegelräume, und ja, wir machen Fotos. Sogar Selfies. Man kann gar nicht anders. (Und vielleicht hat das ja auch sein Gutes – siehe dazu den lesenswerten Beitrag auf dem Kunstblog mus.er.me.ku.) Der neueste Infinity Mirror Room stammt von 2020; überall hängen bunte Leuchtkugeln herum, fortreflektiert ins Unendliche. Zähneknirschend denke ich an einen Artikel von Jonathan Jones, dem von mir hoch geschätzten Kunstkritiker des britischen Guardian. Lavalampen-Ästhetik hat er Yayoi Kusama vorgeworfen, was mich als Fan schwer getroffen hat. In dem funkelnden Lampendschungel mit dem wortreichen Titel “The Eternally Infinite Light of the Universe Illuminating the Quest for Truth” mag man Jonathan Jones vielleicht für die Dauer eines Moments recht geben, aber im Kontext dieser Berliner Ausstellung ist das vollkommen egal.

Wir sehen so vieles, was weit über fotogene Spektakelkunst hinausgeht, wir durchqueren so unterschiedliche Wahrnehmungs- und Gefühlsstadien, dass ein bisschen Glitzer der Substanz des Ganzen nichts anhaben kann. Für meine Familienmitglieder ist dies hier die dritte große Kusama-Retrospektive, aber statt abzustumpfen, werden wir sensibler – für das Körperliche dieser Kunst, das Intime, das Psychedelische, das Transzendentale, das optisch Umwerfende und das kunstgeschichtlich Gehaltvolle.

Goldenes “Phallic Girl” von 1967
Yayoi Kusama in Berlin: Polka Dots
Punkte für die Unendlichkeit: “Accumulation of Stardust”, 2001