Zuletzt aktualisiert am 7. Oktober 2020 um 10:14

Es gibt jetzt eine Graphic Novel über Yayoi Kusama. Und sie ist gut. Gerade ist KUSAMA von der thailändischstämmigen Italienerin Elisa Macellari im Laurence King Verlag erschienen.

Yayoi Kusama: Der Stoff, aus dem die Comic-Heldinnen sind?

Kusama, Laurence King Verlag
Mit gepunkteten Rauminstallationen und Kürbissen ist Kusama zum internationalen Star geworden

Wenn eine Künstlerin – in diesem Fall Elisa Macellari – das Leben einer anderen Künstlerin – Yayoi Kusama – mit künstlerischen Mitteln erzählen will, hat sie keine leichte Aufgabe vor sich. Als eingefleischter Fan war ich bei der Graphic Novel über Yayoi Kusama besonders skeptisch: So populär ist die inzwischen 91-jährige Japanerin, so attraktiv und wiedererkennbar sind die charakteristischen unregelmäßigen Punkte ihrer berühmtesten Werke, dass man mit wenig Aufwand eine effektvolle Graphic Novel über sie hätte machen können. Zumal Kusamas Lebensgeschichte das perfekte Material für sensationslustiges Storytelling böte: Ihre Kindheit in einer so konservativen wie zerrütteten japanischen Familie, massive Halluzinationen als erste Episode einer lebenslangen mentalen Erkrankung. Später die befreiende Flucht ins New Yorker Künstlermilieu, ohne die Yayoi Kusamas künstlerischer Weg nicht möglich gewesen wäre. Wilde Happenings im New York der Hippie-Zeit, bei denen die Künstlerin nackte Körper mit politischer Message inszeniert. Dann die Rückkehr nach Japan, wo Kusama in die psychiatrische Klinik zieht, in der sie bis heute lebt, von der aus sie ohne Unterbrechung weiterarbeitet, langsam die Anerkennung ihrer Landsleute erwirbt und ein grandioses Alterswerk schafft.

In den letzten Jahren, in denen Yayoi Kusama zu einem Popstar der Kunstwelt geworden ist und in denen die Menschen vor New Yorker Galerien Schlange stehen, um ein Selfie in einem ihrer spiegelnden “Infinity Rooms” zu machen, ist diese Geschichte oft erzählt worden. Fast immer werden die Halluzinationen der kleinen Yayoi als alles erklärende Begründung ihrer künstlerischen Sprache angeführt: eine beängstigende Erfahrung von Entgrenzung und Depersonalisation, die die psychisch Leidende fortan stets in ihren Kunstwerken habe bewältigen wollen – indem sie Bilder und Räume der völligen Entgrenzung und Orientierungslosigkeit kreiert habe, in denen sich der Betrachter verlöre.

Manche Geschichten lassen sich am besten in einer Graphic Novel erzählen

Die Graphic Novel über Yayoi Kusama
Elisa Macellari erzählt subtil von den Halluzinationen der kleinen Yayoi Kusama

Mich hat diese Sicht der Dinge immer gestört, weil sie den ungeheuren psychedelischen, ästhetischen und auch philosophischen Reiz unterschlagen, der das Publikum in Anbetracht von Yayoi Kusamas Kunstwerken gefangennimmt. Dieses Werk im Kern auf Angstbewältigung reduzieren zu wollen, erscheint mir wenig plausibel und zu kurz gegriffen.

Weshalb ich extrem beeindruckt bin von der Art und Weise, in der Elisa Macellari die ersten kindlichen Halluzinationen schildert, die Yayoi Kusama auf dem Anwesen ihrer Eltern überfielen. Ihre Eltern züchteten Pflanzen, und deren Blüten erfüllten eines Tages die komplette Sicht des Mädchens, überzogen alle anderen Dinge wie ein bedrohliches Muster und erschütterten das Kind massiv. Dieses Erlebnis macht Macellari auf eine subtile Weise anschaulich, die wohl nur in der sequentiellen Erzählweise des Comics funktioniert: Überall rote und lila Blumen, Yayoi fällt hinein, die Blumen gewinnen ein Eigenleben, sprechen mit ihr, nehmen bedrohliche Gesichter an – und diese Gesichter erinnern immer stärker an traditionelle japanische Masken.

Die unendlichen Muster Japans

Elisa Macellari: Yayoi Kusama
Japan versus Amerika: Die junge Yayoi Kusama schreibt einen Brief an Georgia O’Keeffe

Sehr gern und sehr überzeugend greift Elisa Macellari in ihrer Graphic Novel über Yayoi Kusama japanische Motive auf und setzt sie wie einen Hintergrund ein, auf Grundlage dessen sich die visuelle Welt der Künstlerin entwickelt hat. Mit ihren eigenen zeichnerischen Mitteln spürt die Illustratorin in Yayoi Kusamas künstlerische Biographie hinein und gewinnt einer oft erzählten Story ganz neue Seiten ab. Plötzlich werden da Verbindungen zwischen Yayoi Kusamas unendlichen Strukturen und den endlos sich wiederholenden abstrakten japanischen Mustern sichtbar. Psychische Zustände werden dank einem feinfühligen Einsatz von Formen greifbar – durch rein optische Mittel, was einer Graphic Novel über eine Künstlerin ja auch angemessen ist. Yayoi Kusamas berühmte Künstlerfreunde wie Andy Warhol und Donald Judd kommen zwar ebenso vor wie ihre bösartige Mutter, aber es geht Elisa Macellari nie um die sensationellen Eckpunkte einer außergewöhnlichen Biographie, sondern um ein Begreifen von der ästhetischen Seite her.

Ein grafisches Kunstwerk und eine tiefe Verbeugung

Yayoi Kusama Graphic Novel
Endlose Arbeit an endlosen “Infinity Nets”: Die junge Yayoi Kusama in New York

Andreas Platthaus, FAZ-Redakteur und Deutschlands Comic-Guru, erwähnt in seiner – sehr positiven – Rezension von KUSAMA die “elegante Oberflächlichkeit” des Stils von Elisa Macellari. Mit ihrer ruhigen Zweidimensionalität nähert sich die Zeichnerin der japanischen Ästhetik und der oftmals flächigen Optik von Yayoi Kusamas Kunst an. (Wie Andreas Platthaus allerdings dazu kommt, zu mutmaßen, es habe “niemand… hierzulande etwas von Yayoi Kusama gehört”, ebenso wie auch er vor der Lektüre der Graphic Novel noch nie etwas von ihr gehört habe, überrascht beim stellvertretenden Feuilleton-Chef der FAZ dann allerdings schon.)

Gleichzeitig entfernt Macellari sich durch das ganz eigene Farbspektrum von KUSAMA weit vom ästhetischen Kosmos der Japanerin. Elisa Macellari wählt eine Palette, in der der kräftige Rot-weiß-Kontrast, den Yayoi Kusama gern einsetzt, optisch abgesoftet wird durch Pastellnuancen von Lachsrosa, Türkis und Lila. Die kommen nicht nur sehr attraktiv und zeitgemäß daher, sondern signalisieren auch, dass mit dieser Graphic Novel kein Dokumentarfilm gedreht werden soll, sondern dass es sich um ein eigenes kleines Kunstwerk handelt – das eine tiefe Verbeugung vor einem großen Lebenswerk beinhaltet.

Die Graphic Novel über Yayoi Kusama kaufen und lesen:

Elisa Macellari: Kusama
Nicht alle Körper sind bekleidet in der Graphic Novel über Yayoi Kusama

Eigentlich ist es ja ein bisschen albern, in Zeiten von Netflix darauf hinzuweisen, aber ich will es trotzdem tun: Die Graphic Novel über Yayoi Kusama ist nicht nur für Erwachsene interessant, sondern auch für Jugendliche ab etwas 14 Jahren eine tolle Lektüre – allerdings eine, in der nackte Körper gelegentlich in den unterschiedlichsten und explizitesten Posen zu sehen sind. Auch Yayoi Kusamas eigene Angst gegenüber Sexualität ist ein Thema. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass irgendetwas davon verstörende Eindrücke bei einem durchschnittlichen Teenager unserer Tage hinterlassen würde, aber das mag jeder sehen, wie er will.

Kaufen kann man KUSAMA in jeder niedergelassenen Buchhandlung. Wer partout nicht dazu kommt, das Haus zu verlassen (oder es zu weit hat oder rund um die Uhr arbeitet), möge die Graphic Novel über diesen Link online ordern.