Zuletzt aktualisiert am 30. September 2019 um 17:48

Es muss nicht immer großes Kino sein; manchmal reicht ein Mikroabenteuer: Wie eine halbe Stunde im leeren Naumburger Dom, Auge in Auge mit der schönen Uta, uns dem Mittelalter mindestens so nahe brachte wie drei Staffeln „Game of Thrones“.

Zeitreise

Eigentlich beginnt die Zeitreise mit der Parkplatzsuche. Möglichst nah am Naumburger Dom wollen wir auf der Heimfahrt von Dessau das Auto abstellen, um Uta und den anderen Stifterfiguren in der Kirche einen Besuch abzustatten. Je näher wir dem Dom kommen, desto verwunschener, stiller und gegenwartsentrückter wird die Atmosphäre. Und das, obwohl der Naumburger Dom seit dem letzten Jahr auf der Liste des UNESCO-Welterbes steht. Entweder ist der Rummel hier noch nicht angekommen, oder wir haben einen wunderbar unpopulären Tag erwischt.

Ein anonymer Künstler und Skulpturen voller Charakter

Zum Welterbe wurde der spätromanische Bau vor allem wegen der Skulpturen, die im Westchor auf die Besucher hinabschauen. Sie stellen keine Heiligen dar, sondern Förderer der Kirche, und gehören zu den berühmtesten Kunstwerken des Mittelalters. Doch den Namen des Bildhauers, der sie um die Mitte des 13. Jahrhunderts gefertigt hat, kennt man nicht. Weshalb er schlicht als der Naumburger Meister bezeichnet wird.

Was diese Stifterfiguren so eindrucksvoll macht, bedarf keiner kunstgeschichtlichen Erklärungen – obwohl es von denen eine Fülle gibt. In der Tat hilft es, sich vor Augen zu halten, dass Personendarstellungen mit so individuellen Charakterzügen, wie wir sie hier sehen, zuvor kaum exierten. Irgendetwas in dieser Art erkläre ich meiner Tochter denn auch, aber meine Theorien interessieren sie kaum. Was ankommt, ist die Wirkung der Figuren selbst.

Bei Uta von Naumburg

Lange bleiben wir vor der Skulptur der Uta (siehe Bild ganz oben) stehen, die zweifellos die berühmteste unter den Naumburger Stifterfiguren ist. Sie stellt die um das Jahr 1000 geborene Adlige Uta von Ballenstedt dar. Neben ihr steht Ehemann Ekkehard II., einer der bedeutendsten Förderer des Naumburger Doms. Optisch verblasst er neben seiner Gemahlin. Uta ist schön, und sie ist von einer ruhigen Würde, die die Rolle der mittelalterlichen Gräfin auf den Punkt zu bringen scheint. Aus einer eleganten Umrahmung durch Lilienkrone, Haube und einen hochgeschlagenen Mantelkragen schaut ihr klares Gesicht in die Ferne – unantastbar und höchst beseelt.

Zwei Frauencharaktere

Naumburger Stifterfiguren: Reglindis
Reglindis neben ihrem Mann, dem Markgraf Hermann von Meißen

Utas Ausstrahlung verstärkt sich noch durch den Kontrast zu Reglindis, der meine Tochter amüsiert. Reglindis ist auch sehr hübsch, doch von Utas würdevoller Zurückgenommenheit gibt es bei ihr keine Spur. Die geborene polnische Königstochter und verheiratete Markgräfin kommt fröhlich und kommunikativ herüber. Hätte es zu ihrer Zeit bereits Kaffee in Europa gegeben und wäre man selbst rund 1000 Jahre älter, hätte man gern ein Tässchen mit ihr getrunken.

Kontaktaufnahme mit dem Mittelalter

Ein fröhliches Lächeln, das vom 13. bis ins 21. Jahrhundert wirkt, ist bemerkenswert. Ebenso wie die offenbar epochenunabhängige Ausstrahlung der Uta. Ein wenig Kontaktaufnahme über die Jahrhunderte hinweg ist bei diesen Damen tatsächlich möglich. Und dass die Nazis Uta von Naumburg ganz fürchterlich vergötterten, kann ihr wahrlich nichts anhaben. Sie hat Kaiser und Könige kommen und gehen sehen und ist mittlerweile mit unbeschadeter Schönheit im digitalen Zeitalter angekommen. Womit sie nicht die Einzige ist – und auch nicht jeden Beauty Contest gewinnt: „Ich finde Nofretete schöner“, sagt mein 14-jähriges Kind.