Als Tanja Praske auf ihrem Blog Kultur – Museum – Talk zur Blogparade #kulttrip aufrief, fielen mir sofort eine Menge Kulturtrip-Destinationen ein, zwischen denen ich hin- und herschwankte. Bis ich ein verlängertes Wochenende in London verbrachte und mir klar wurde: Wer im Sommer 2016 in Sachen Kunst so richtig aus dem Vollen schöpfen will, der muss nach London.

Es dürfte wohl kaum einen Zeitpunkt geben, zu dem London keine spannenden Kunsterlebnisse zu bieten hat. Und wenn das aktuelle Ausstellungsprogramm gerade mal nicht nach dem persönlichen Geschmack ist: Egal, schließlich gibt es unzählige Museen mit einem herrlichen permanenten Programm. Aber in diesem Sommer, so schien mir bei meinem Besuch, haben wir es mit einem richtigen Füllhorn zu tun, das sich über die britische Hauptstadt ergießt, und das jede latente Kulturmüdigkeit spielend vertreibt.

Ragnar Kjartansson: Biertrinkende Barden im Barbican

Ragnar Kjartansson Barbican

Ragnar Kjartanssons singende und trinkende Barden

Ragnar Kjartansson: Take Me Here by the Dishwasher

Ragnar Kjartansson: Take Me Here by the Dishwasher

Die Superlative, mit denen der isländische Performance-Künstler Ragnar Kjartansson derzeit überschüttet wird, stapeln sich in Höhen, die mit der wunderbaren nordischen Lakonie Kjartanssons wenig zu tun haben. Die beste Maßnahme, um sich selbst ein Bild zu machen, ist ein Besuch der Ragnar-Kjartansson-Ausstellung, die noch bis zum 4. September 2016 im Barbican Center läuft. Das riesige brutalistische Kulturzentrum aus Beton ist an sich schon eine große Nummer; ob man es mag oder nicht. In einem der oberen Stockwerke dann die Kjartansson-Schau, bei deren Betreten man mitten in eine Live-Performance hineingerät. Während der gesamten Öffnungszeit der Ausstellung singen dort von morgens bis abends lässig-schräge Typen zur Gitarre einen hypnotischen Singsang irgendwo zwischen Monotonie und Melancholie. Sie lümmeln sich auf Sofas und Sesseln, neben denen sich Bierflaschen häufen, trinken so regelmäßig aus den Flaschen, dass man sich fragt, was drin ist, und verharren immer wieder vor einem riesigen Bildschirm, auf dem Kjartanssons Eltern zu sehen sind. Und zwar in ihrem Berufsleben: Beide sind in Island als Theaterleute tätig, und in der Szene „Take me Here by the Dishwasher“, die der ganzen Performance ihren Namen gibt, sieht man sie in einer weichgespülten 70-er-Jahre-Erotikszene, die allerdings so harmlos ist, dass man Kinder nicht an ihr vorbeischleusen müsste.

Ragnar Kjartansson: Me and My Mother

Ragnar Kjartansson: Me and My Mother

Ich selbst war ohne meine Kinder in London unterwegs, aber da ich über Kultur mit Kindern schreibe, habe ich mich immer wieder gefragt, ob meine Ausstellungsbesuche auch für sie geeignet gewesen wären. Bei Ragnar Kjartansson sagt man spätestens dann ja, wenn man bei der Videoserie angelangt ist, in der seine Mutter ihn anspuckt. Alle fünf Jahre wiederholen der Künstler und seine Mutter, die als Schauspielerin aufgeschlossen ist für derartige Aktionen, dieses Procedere vor laufenden Kameras; in London sind alle bisherigen Filme nebeneinander zu sehen.

Ragnar Kjartansson: Scandinavian Pain

Der Eingang des Barbican während der Kjartansson-Schau „Scandinavian Pain“

Was Kjartansson macht, erinnert nicht selten an den dunklen skandinavischen Humor eines Aki Kaurismäki mit seinen Leningrad Cowboys, und die Neonskulptur mit den Worten „Scandinavian Pain“, die über dem Barbican-Eingang prangt, könnte treffender nicht sein. Allerdings geht Kjartanssons Arbeit noch in eine andere Richtung. Sie fühlt sich streckenweise an wie eine kreative Bestandsaufnahme unserer Alltagsmythen, Sehgewohnheiten, kulturellen Klischees und Werte, die Kjartansson mit Empathie und Humor nicht einfach entlarvt. Das tun viele. Sondern die er zu einer sprudelnden Quelle für Neues macht – mit seinen eigenen künstlerischen Mitteln, dessen hervorstechendstes die Wiederholung ist. Das ist absolut belebend. Und, um zu den praktischen Dingen des Lebens zu kommen: Das Café im Barbican bietet isländisches Bier an, das man auf der Terrasse des monumentalen Betonbaus in passendem Ambiente verzehren kann. Hilft gegen Scandinavian Pain.

David Hockney porträtiert Freunde

David Hockney: 82 Portraits

David Hockney: 82 Portraits – Ausstellungsansicht / (c) David Parry/Royal Academy of Arts

Weiter durch London, entgegen dem Uhrzeigersinn. Die Royal Academy of Arts zeigt, was David Hockney in den letzten Jahren gemacht hat – und das überrascht. Hockney hat Porträts gemalt: Porträts von Freunden, Mitarbeitern, Verwandten. Jeder und jede von ihnen saß drei Tage lang für Hockney in seinem kalifornischen Studio Modell, immer auf demselben gelben Stuhl, in einer jeweils selbstgewählten Haltung. Hockney hat sie alle auf gleich großen Leinwänden festgehalten, vor leuchtend grünen, blauen, türkisen Hintergründen. Das Ensemble dieser Bilder – „82 Portraits and 1 Still-life“, wie die Schau heißt – stellt einen zusammengehörenden Werkkomplex dar, der in der Ausstellung eine bemerkenswerte Wirkung ausübt.

David Hockney Royal Academy of Arts

David Hockney: Rufus Hale / (c) David Hockney, Photo Credit: Richard Schmidt

Das ähnliche Setting der Bilder lässt die Unterschiede, die durch Körperhaltung, Mimik und Kleidung der Porträtierten entstehen, besonders deutlich hervortreten; beim Gang durch die Ausstellung fühlt man sich wie inmitten einer Comédie humaine, die menschliche Eigenheiten in einer von Schritt zu Schritt zunehmenden Vielfalt zeigt – ungeschönt und unverzerrt. Es ist spannend, abwechslungsreich, erhellend, an Hockneys Menschenbildern vorbeizugehen. In diese Porträt-Ausstelung, die noch bis zum 2. Oktober 2016 läuft, hätte ich meine Töchter gern mitgenommen. Ich sehe einige Kinder, auch jüngere, und sie alle haben viel zu schauen und zu reden.

Teetrinken im Kunstwerk: Der Serpentine Pavillion von Bjarke Ingels

Bjarke Ingels: Serpentine Pavillion

Hinter dem Serpentine Pavilion 2016 steht der dänische Stararchitekt Bjarke Ingels

Pause in den Kensington Gardens. Alle Sommer wieder beauftragt die Serpentine Gallery einen anderen Architekten mit dem Entwurf eines temporären Serpentine Pavillion auf ihrem Gelände: einer Art Pop-up-Bauwerk. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels. Er hat einen Pavillon aus hohlen, eckigen Glasfaserelementen gebaut, die zwar manchen an Minecraft und gutes dänisches Lego erinnern, die sich aber von Ingels zu einem atemberaubenden Gebäude haben zusammensetzen lassen. Beim Herumgehen scheint sich das, was auf den ersten Blick wie ein bauchiges und gepixeltes Zelt aussieht, zu bewegen, es gerät mit jedem neuen Blickwinkel anders in Schwung. Eingang und Innenraum haben eine fast kathedralenartige Anmutung, bei der Freunde nordischer Architektur an die Hallgrímskirja in Reykjavík und die Grundtvigskirche in Kopenhagen denken mögen. Oder aber an die historischen dänischen Treppengiebel.

Serpentine Pavilion 2016

Eine fast kathedralenartige Anmutung

Innendrin konstruieren Luft und Licht je nach Standpunkt eine andere Optik, immer gesteuert von den Glasfaserelementen. Tee und Kaffee trinkt man auf sehr skandinavischen Holzkuben – oder auch auf einzelnen der Konstruktionselemente des Pavillons.

Kensington Gardens: Serpentine Pavillion 2016

Zum Tee in den Kensington Gardens

Bjarke Ingels hat das Wort „unzipped“ benutzt, was sich nur mit „den Reißverschluss geöffnet“ übersetzen lässt. Einen optischen Reißverschluss zwischen Bauelementen hat er in der Tat aufgezogen. Sein Serpentine Pavillion ist der dritte, den ich sehe (zu den anderen beiden geht es hier und hier) – und der beeindruckendste. Bis zum 9. Oktober 2016 steht er noch in den Kensington Gardens.

Raqib Shaw: Indisch-europäische Opulenz in der White Cube Gallery

Raqib Shaw, White Cube Gallery

Raqib Shaw: Self Portraint in the Study at Peckham (A Reverie after Antonello da Messina’s Saint Jerome) II

Das Internet ist toll. Ohne das Internet hätte ich nie von Raqib Shaw erfahren, und ohne eine winzige Verkleinerung eines seiner Bilder in irgendeiner Timeline wäre ich nie auf die Idee gekommen, seine Ausstellung in der White Cube Gallery zu besuchen. Was nicht nur um der Kunst willen schade gewesen wäre, sondern auch wegen des Spaziergangs durch Bermondsey (siehe Bild ganz oben) auf der Südseite der Themse, wo man noch Hafenstadt-Flair atmet – und wo jede Menge Immobilienbüros bestätigen, was man sowieso ahnt: Hier ist ein ideales Pflaster für Gentrification.

Raqib Shaw: London exhibition, 2016

Raqib Shaw: Self Portrait in the Study at Peckham (After Vincenzo Catena) Kashmir Version

Raquib Shaw jedenfalls ist in Indien geboren, und obwohl er nie mehr aus London weg will, sieht man in seinen Bildern eine Menge Indien – aber nicht nur Indien, sondern auch europäische Kunstgeschichte. Für die Arbeiten in der Ausstellung „Self Portraits“, die noch bis zum 11. September 2016 in der White Cube läuft, hat er Bilder von alten niederländischen und italienischen Meistern vor allem aus der Londoner National Gallery als Gerüst genommen, um in ihre Architekturen seine ganz eigene Motivwelt hineinzubauen. (Eine schöne Gegenüberstellung von Ursprungsmotiven und Shaw-Bildern zeigt der Guardian hier.)

Raqib Shaw self-portrait

Raqib Shaw: Self Portrait in the Studio at Peckham (After Steenwyck the Younger) II; Detail

Da gibt es indische Götter, Ornamente und Speisen; es gibt Dackel und Leoparden, Symbole des Reichtums und immer wieder Skelette, die ganz westlich-barock für Gier und Vergänglichkeit stehen. Japanische Motive kommen vor, und auf vielen Bildern erscheint The Shard, der höchste Wolkenkratzer Londons, der in den Augen vieler für kapitalistische Megalomanie steht. Raqib Shaws Bilder sind von barocker Üppigkeit und von der minutiösen Feinheit und Ornamentik indischer Malereien. Er arbeitet in Email mit goldenen Konturen und appliziert manchmal Glitzersteinchen, was seinen Bildern ein bestechendes Relief und einen juwelenartigen Charakter gibt.

Raqib Shaw London exhibition White Cube Gallery

Raqib Shaw: Self Portrait with Fireflies at the Oracle of Ridicule and Truth (After Gerolamo Macetto)

In diese Ausstellung hätte ich meine Töchter allzu gern mitgenommen – weil ich nämlich keine Ahnung habe, was sie zu diesem indoeuropäischen Feuerwerk gesagt hätten.

Georgia O’Keeffe bringt die neue Tate Modern zum Leuchten

New Tate Modern

Die neue Tate Modern: der Erweiterungsbau von Herzon & de Meuron

Aus der Tate Modern ist die neue Tate Modern geworden, seit am 17. Juni der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron eingeweiht wurde. Es wurde viel Interessantes über den Bau und die Neuorganisation der Sammlung geschrieben, aber mich zieht es zu Georgia O’Keeffe, weshalb ich mich hinsichtlich des Gebäudes mit ersten Eindrücken begnüge: Silo mit Hüftschwung und Bienenstock-Anmutung, denke ich, doch drinnen fällt das Licht auf einmal so herrlich durch die zahllosen Öffnungen, dass ich mir ganz orientalisch vorkomme. Außerdem ist der Innenraum der Anlage gigantisch, fast wie eine Stadt in der Stadt oder eine Kunst-Mall. Das muss irgendwann mit mehr Muße angesehen werden, jetzt will ich die abendliche Öffnungszeit für die Georgia-O’Keeffe-Ausstellung  nutzen.

Georgia O'Keeffe exhibition Tate Modern

Georgia O’Keeffe: Black Mesa Landscape, New Mexico / (c) Goergia O’Keeffe Museum

Was sich ganz extrem lohnt. Die Tate Modern hat es sich zur Aufgabe gemacht, Georgia O’Keeffes Kunstschaffen nicht, wie es so oft geschieht, auf die riesigen Blumenbilder zu reduzieren, von denen man hier nur ein paar sieht. Dafür gibt es Stadtansichten und Neu-Mexiko-Landschaften, erhellende Bezüge zur Fotografie und einen starken Fokus auf den Gedanken der Abstraktion, der O’Keeffe früh beschäftigt hat. Großartig. Bis zum 30. Oktober 2016 zu sehen.