Man braucht in London nur den Fuß vor die Tür zu setzen, und schon bevor das erste Auto von rechts kommt, weiß man: This is England. Weil sich in tausend Einzelheiten etwas von der Historie des ehemaligen Weltreichs zeigt – und von den Eigenheiten und Exzentrizitäten eines Inselvolks, das wir unglaublich gern im vereinten Europa behalten würden. Unsere Teenager-Töchter nehmen die Dinge mittlerweile auf einer ähnlichen Ebene wie wir wahr, und wir alle hatten während unseres letzten Lodon-Trips den Eindruck, mit unseren vom Brexit geschärften Blicken ständig andere und meist sympathische Schichten von Englishness freizulegen.

1. ROYALS: Kensington Palace

Kensington Palace: Queen Victoria

Queen Victoria wurde im Kensington Palace geboren

Ohne die die Queen, ihre Familie und die unzähligen gekrönten Vorfahren wäre Großbritannien nur der halbe Spaß – wenn überhaupt. In London stößt man natürlich überall auf Spuren der Royals; wir nehmen uns diesmal den Kensington Palace, Geburtsort von Königin Victoria, vor. Der gilt als eher intime Variante des englischen Königspalasts und hat als solche sowohl Prinzessin Diana als auch dem frisch verheirateten Kronprinzenpaar William und Kate als Wohnung gedient.

The King's Staircase, Kensington Palace

1724 von William Kent für George I. ausgemalt: The King’s Staircase

Sobald man die Palasträume über The King’s Staircase betritt, bekommt einen leichter Zweifel an der Intimität dieses Wohnpalasts, dafür erfüllt das royale Flair des Pracht-Treppenhauses aus dem 18. Jahrhundert jeden touristischen Traum.

Kensington Palace: signage

Royales Grafikdesign im Kensington Palace

Die meiste Zeit verbringen wir in der Ausstellung „Diana: Her Fashion Story“, in der es um die Garderobe der Lady Di geht. Die Langzeitschau läuft immer noch; ich habe hier über sie geschrieben. Leider müssen wir zugeben, dass eines der profansten Details des Palasts einen der bleibendsten Eindrücke bei uns hinterlässt: Das Design der Toiletten-Hinweisschilder nämlich ist schwer zu überbieten und unmöglich zu vergessen. Damen, Herren, Rollstuhlfahrer und Wickelbabys tragen hier Krönchen. Das ist nun wirklich very British: royal und gleichzeitig von reizender Ironie.

2. BRITPOP: Camden Town

Camden High Street

Hippie style meets gothic flair: Camden High Street

London ist Punk, Pop, Cool Britannia. Das wissen wir alle. Wenn man sich irgendwo nachdrücklich von dieser Seite der Stadt überzeugen will – und das will man bei einem Trip nach London mit Teens möglicherweise -, dann sollte man einen Abstecher nach Camden machen. Camden oder Camden Town liegt im Nordwesten Londons und ist eine Art Alternativ-Mekka mit Hippie-Flair, seit in den 1970-er Jahren die ersten Stände des Camden Street Market aufgemacht haben. Heute mixen sich in Camden einerseits Straßenstände mit mehr oder minder freakiger Kleidung und exotischem, undergroundigem und teilweise schlicht billigen Krimskrams aller Art, andererseits Geschäfte mit Mode, deren Bandbreite von schrill bis mainstream reicht.

London mit Teens: Camden

Bei London mit Teens ist Camden ein Muss

Doc Martens Camden

Doc Martens passen gut nach Camden

Für einen ersten Eindruck steigt man am besten bei der U-Bahn-Station Camden Town aus. In den Straßen rund um die Station findet sich viel sehenswerte Street Art, während die Camden High Street die zentale Shoppingmeile des Viertels ist – mit legendären Fassaden, die sich voller Wonne der britischen Gothic-Kultur bedienen. Leer ist es hier übrigens nicht, und man kann auch nicht behaupten, dass die Mehrzahl der Besucher Einheimische wären: Camden ist ein Touristenmekka, aber eben auch ein Britpop-Mekka.

Street Art Camden Town

Street Art ist in Camden omnipräsent

3. TEA TIME: Biscuiteers

Biscuiteers Notting Hill

Biscuiteers Notting Hill: Allein diese Fassade!

Ohne Afternoon Tea ist eine England-Reise für uns keine England-Reise. Diese britischste aller Mahlzeiten kann man in London ganz klassisch zelebrieren, aber darüber hinaus gibt es jede Menge kreativer Varianten des High Tea. Bei den Biscuiteers dreht sich das Leben um Kekse. Nachdem das kleine Unternehmen als Online-Shop gestartet ist, betreibt es jetzt außerdem zwei Etablissements mit dem schönen Namen „Biscuit Boutique and Icing Café“ in London. Wir haben in dem Café in Notting Hill reserviert – für einen London Afternoon Tea plus DIY Biscuit Icing Session für die Kinder. Beziehungsweise Teenager. Die sich aber als noch nicht zu alt fürs Kekseglasieren erweisen.

Biscuiteers: London Afternoon Tea

Ikonisches London-Design beim Afternoon Tea

Biscuiteers London: Icing session

Kind? Teenager? Erwachsener? Egal: Glasieren macht Spaß

Biscuiteers ist ein unglaublicher Laden: randvoll mit Keksen in den unterschiedlichsten Formen, die von Hand glasiert sind und in thematisch passenden Schachteln präsentiert werden. Da gibt es London-Motive und Blümchen, Fashion-Kekse, Heimwerker-Biscuits, First-Aid-Kits mit Pflasterkeksen, Boxen für Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Freundinnen. Das ist Candy und Eye-Candy in einem, es ist nicht billig – die Biscuiteers haben sich die Kreation von „luxury biscuits“ auf die Fahnen geschrieben – und so, dass man den Laden eigentlich nie mehr verlassen möchte. Zumindest nicht, ohne etwa hundert Fotos gemacht zu haben. Es wundert niemanden, dass die Biscuiteer-Cafés gern unter Londons „most instagrammable spots“ gerankt werden.

Biscuiteers Boutique and Icing Café

Zuckerparadies: Biscuiteers Boutique and Icing Café

4. COMMONWEALTH: Der Neasden Mandir

BAPS Shri Swaminarayan Mandir Neasden

Schwebt über dem Stadtteil Neasden: der BAPS Shri Swaminarayan Mandir

Als unsere Töchter klein waren, lernten sie auf einem Londoner Spielplatz, was ein Sari ist. Denn während wir im deutschen Alltag von der indischen Kultur kaum je etwas mitbekommen, ist sie in der Hauptstadt von Indiens ehemaliger Kolonialmacht Großbritannien omnipräsent. Eines der beeindruckendsten kulturellen Zeugnisse, das indische Commonwealth-Immigranten in England geschaffen haben, ist der BAPS Shri Swaminarayan Mandir in Neasden im nordwestlichen London. Der Neasden-Tempel war der erste traditionell gebaute Hindu-Tempel Großbritanniens und zum Zeitpunkt seiner Vollendung im Jahr 1995 der größte hinduistische Tempel außerhalb Indiens überhaupt.

Neasden Temple London

Kann bitte mal jemand die blaue Bauplane wegnehmen?

Die Umgebung des Mandirs hat den Charme eines Gewerbegebietes, und der Moment, in dem man das luftige weiße Bauwerk mit seinen Türmen und Fähnchen über dieser urbanen Landschaft aufsteigen sieht, ist märchenhaft. Für uns, die wir nie in Indien waren, ist der Tempel ein einziges Wunder – und, wie man vielerorts lesen kann, nicht nur für uns. Um den Mandir zu bauen, hat man knapp 5000 Tonnen Carrara-Marmor und Kalkstein von Europa nach Indien verschifft, wo Handwerkskünstler den Stein in verschiedenen Regionen nach traditionellen Methoden mit feinen Schnitzereien versahen. Zusammen mit knapp 1000 weiteren Tonnen indischen Marmors wurden die bearbeiteten Steinelemente wieder nach London zurückgebracht und dort zu einem gigantischen Gebäude zusammengesetzt. Wir wissen wenig über Hinduismus, aber die spirituelle Atmosphäre vor allem der zentralen Halle mit ihrer filigranen Kuppel und ihrem weißen Säulenwald fängt uns mühelos ein.

Carving Neasden Mandir

Im filigranen Inneren des Neasden-Tempels / (c) BAPS Shri Swaminarayan Mandir

London Mandir

In Indien geschnitzte Säulen / (c) BAPS Shri Swaminarayan Mandir

Den Mandir zu besuchen, ist nicht schwierig – er steht Menschen jeder Gesinnung täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr offen; der Eintritt ist kostenlos. Zum Neasden-Tempel zu gelangen, ist schon schwieriger. Auf der Website des Tempels gibt es detaillierte Anfahrtsbeschreibungen. Nachdem wir, damals noch ohne Kinder, schon einmal einen sehr komplizierten Weg zum Tempel zurückgelegt haben, machen wir es uns diesmal einfach: Wir fahren mit der U-Bahn zur Station Neasden und nehmen von dort ein Taxi.

5. GOOD OLD ENGLAND: The Mousetrap

St. Martin's Theatre London

Das St. Martin’s Theatre im West End

Neulich habe ich mich auf diesem Blog ausführlich über die anstrengenden Seiten des Reisens mit Teenagern ausgelassen. London mit Teens hat aber auch Vorteile gegenüber London mit Kindern. Man kann zum Beispiel endlich ins Sprechtheater gehen, weil die Töchter mittlerweile einigermaßen Englisch können. Und so tun wir denn, was Abertausende seit 1952 getan haben: Wir sehen uns Agatha Christies Kriminalstück „The Mousetrap“ an, das seither jeden Tag im St. Martin’s Theatre im West End aufgeführt wird – und das damit das am längsten ununterbrochen gespielte Theaterstück der Welt ist.

"The Mousetrap", London

Wer war der Mörder? „The Mousetrap“ von Agatha Christie läuft seit 1952 / (c) St. Martin’s Theatre

„The Mousetrap“ hat alles, wovon der England-Romantiker träumt, wenn er auf dem Kontinent sehnsüchtig seine After-Eight-Packung anschmachtet: ein Setting mit Kamin, Polstersesseln im William-Morris-Muster, getäfelten Wänden. Gediegen gekleidete Damen und Herren, denen es nicht an einer eine gewissen Exzentrik mangelt. Wortwitz. Und natürlich eine vertrackte Kriminalhandlung. Gewiss, das Theater ist voll mit Touristen. Aber wir können nciht behaupten, dass uns das an dieser Stelle besonders stört.

6. LANDADEL: Chiswick House

Chiswick House

Palladio lässt grüßen: Chiswick House

Blue Velvet Room, Chiswick House

Prachtzimmer: der Blue Velvet Room in Chiswick House

Um einen typisch englischen Adelssitz mit Landschaftsgarten, künstlichen Tempeln und Ententeich zu besuchen, muss man London bequemerweise nicht einmal verlassen. Unsere ältere Tochter will mit uns nach Chiswick House im Westen der Stadt, denn dort spielt ein entscheidender Showdown in der Fantasy-Buchreihe „Chroniken der Schattenjäger“ von Cassandra Clare. Wir sind jedem Herrenhaus gegenüber aufgeschlossen, und in dieses hier wollten wir sowieso schon länger. Der kunstsinnige Lord Burlington hat es in den 1720-er Jahren nach eigenen Plänen im klassizistischen Stil anlegen lassen – nicht, um darin zu wohnen, sondern, um ein ästhetisches Exempel zu statuieren. Alles hier ist klassisch, ausgewogen und wohlproportioniert; ganz so, wie es das englische 18. Jahrhundert wollte, das sich der Begeisterung für den italienischen Renaissance-Architekten Andrea Palladio verschrieb. Chiswick House sollte für den englischen Palladianismus stilbildend wirken.

Chiswick Gardens

Enten vor antikischem Tempel: Die Chiswick House Gardens spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte des englischen Gartens

Für den Besuch der Chiswick House Gardens gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Zum Beispiel den Wunsch, durchs gepflegte englische Grün zu gehen. Oder das Wissen darum, dass William Kent, Protégé des Hausherrn Lord Burlington, mit diesem Park einen wichtigen Meilenstein der englischen Gartengeschichte schuf. Der Park gilt als der erste typisch englische Landschaftsgarten, in dem man die überlieferten strengen Strukturen zugunsten einer natürlich wirkenden Anlage auflöste. Unseren Töchtern ist Gartengeschichte schnuppe; sie freuen sich über die unglaublich englische Atmosphäre dieses Parks, in dem die Leute um die Mittagszeit mit ihren Hunden spazierengehen. Der etwas eklige Showdown aus dem „Schattenjäger“-Roman hat zum Glück keine bleibenden Spuren in dem bukolischen Park hinterlassen. Näher dran an der Realität sind die Jungs in Schuluniform, die sich mit ihren Zigaretten in eine Ecke hinter dem Eingangsportal verkrümeln und unsere große Tochter stark an ihre drei Monate in englischer Schuluniform erinnern.

7. KLASSENGESELLSCHAFT: Primrose Hill

Chalcot Square

Chalcot Square, eine der nobelsten Adressen Londons

Nichtmal in unserem überaus geliebten – und dabei natürlich romantisch verklärten – London ist alles sympathisch. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind auf der Insel eklatanter als in Deutschland. London ist auf diese Weise zu einer Stadt für Wohlhabende geworden, in der selbst Angehörige der Mittelschicht sich die Immobilienpreise oftmals kaum noch leisten können. Die, bei denen das Geld locker fließt, haben es dafür richtig nett. Davon können wir uns dank der Lage unserer Ferienwohnung überzeugen, die nahe bei Primrose Hill liegt.

Primrose Hill view

Blick vom Primrose Hill

Primrose Hill ist eigentlich ein Hügel, von dem aus man eine herrliche Sicht über London hat. Gleichzeitg ist Primrose Hill auch der Name für das umliegende Viertel, das mit ruhigen, lauschigen Straßenzügen von hoher Promi-Dichte aufwartet. Wir sehen Sträßchen, zu denen der Zugang privat ist, laufen an zauberhaften pastellfarbenen Häusern vorbei, von denen eines das Setting für den „Paddington“-Film abgab, und begeben uns auf den Hügel mit der zu Recht berühmten Aussicht. Schön hier. Die Gegend ist definitv einen Spaziergang wert. Aber auch ein bisschen jenseits des wahren Lebens. Wobei das für uns ohnehin nicht in London spielt.

Chalcot Crescent London

Chalcot Crescent, bekannt aus dem „Paddington“-Film