Bei Dialog im Dunkeln in der Hamburger Speicherstadt sind es die Blinden, die die Sehenden führen: durch eine Welt ohne Licht, in der man ganz auf Tast-, Hör- und Geruchssinn angewiesen ist.

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Der Straßenlärm ist unerträglich laut. Unvorstellbar, dieser Geräuschkulisse täglich ausgesetzt zu sein. Oder? „Das ist die natürliche Lautstärke von Stadtgeräuschen“, sagt unser Guide mit sanfter Stimme. Aber wenn man nichts sieht, scheint sich ihre Wahrnehmung um ein Vielfaches zu intensivieren.

Spaziergang durch lichtlose Räume

Als wir die Straßengeräusche erreicht haben, sind wir schon eine Weile in den lichtlosen Räumen von Dialog im Dunkeln unterwegs. In einer Gruppe von sieben Personen sind wir, ausgestattet mit Blindenstöcken, durch Vogelgezwitscher und Wasserplätschern gestolpert, sind in einen olfaktorischen Gewürzkosmos geraten und haben ununterbrochen das Gefühl gehabt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dieser Boden ist nicht einfach glatt und gerade. Wir werden von den melodischen Rufen des Guides – „Kommt zu mir!“ – über wechselnde Oberflächen gelockt, manchmal ein wenig aufwärts, manchmal ein wenig abwärts: wie im wahren Leben. Nur, dass wir nichts sehen. Also eher wie im wahren Leben eines Blinden.

Sinnliche Erfahrungen jenseits des Visuellen

Blind oder sehbehindert sind alle Guides, die bei Dialog im Dunkeln arbeiten. Das Konzept dieser Ausstellung geht zurück in die 80-er Jahre; seit 2000 hat sie feste Räume in Hamburg. Die ursprüngliche Zielsetzung war, Verständnis für das Alltagsleben blinder Menschen zu wecken; darüber hinaus jedoch bietet die Ausstellung einen beeindruckenden Parcours von sinnlichen Erfahrungen, die sensibel macht für die vielen Eindrücke, die unser Leben über das Visuelle hinaus prägen.

Zum Beispiel auf dem Schiff, einem der sechs Erlebnisräume der Hamburger Ausstellung. Während ein paar Meter entfernt die Hafenrundfahrts-Barkassen durch die Kanäle schippern, setzen wir unsere Füße unsicher auf eine wackelige Brücke, die vom festen Untergrund auf einen schwankenden führt. Wir dürfen uns auf eine Holzbank setzen, hören einen Motor starten, ein angenehmer Wind umweht uns, und es schaukelt. Der Seegang ist mäßig, das sinnliche Erlebnis beeindruckend. „Man konnte sich ganz auf die Geräusche konzentrieren“, sagt meine jüngere Tochter rückblickend mit träumerischer Stimme. Wir brauchen nichts zu sehen, um zu wissen, wo wir sind: Auch das eine Erfahrung.

Geführt von blinden oder sehbehinderten Menschen

Eine andere Erfahrung, die wir nicht vergessen: in welchem Maße wir uns in dieser Welt auf jemanden verlassen, der uns in unserem lichterfüllten Alltag als hilfsbedürftig erscheint. „Wie ist es möglich, dass Sie sich hier so gut zurechtfinden?“, fragt meine Mutter, die zusammen mit meinen Töchtern und mir die Ausstellung besucht und die als ältere Dame mit besonderer Aufmerksamkeit von unserem Guide durchs Dunkel geführt wird. „Training“, antwortet er lakonisch. Unser Respekt vor der Orientierungsfähigkeit von Personen, die nichts sehen, steigt mit jedem wackligen Schritt durch das dunkle Universum in der Speicherstadt. Gleichzeitig wächst ein sehr positiver Sinn für das immense Potential, das in unseren vier anderen Sinnen liegt, die dem omnipräsenten Visuellen allzu oft untergeordnet werden. Besonders schön erfahren wir das in einem Schiffs-Innenraum, einem zweiten maritim inspirierten Erlebnisareal. Der Geruch nach Holz freut nicht nur das Hanseatenherz; zu ertasten gibt es Netze, Rettungsringe, Bullaugen, Bojen: eine Vielfalt an Formen und Oberflächen, die man sonst selten bewusst wahrnimmt. Kalt, warm, weich, hart, glatt, rund, kantig – wir staunen über Alltägliches. „Erst hatte ich Angst, dann habe ich es genossen“, fasst meine Zehnjährige ihre Erfahrungen im lichtlosen Raum zusammen.

In der Dunkelbar

Um Mitleid mit Blinden und Sehbehinderten soll es bei Dialog im Dunkeln denn auch gar nicht gehen; einzig um ein neues Verständnis und um Respekt. Der findet seinen Höhepunkt im letzten Raum des Parcours, einer Dunkelbar. Wir kaufen Getränke mit Scheinen, die wir nicht sehen, ertasten bekannte Flaschenformen und haben sehr intensive Geschmackserlebnisse. Das Wechselgeld wird abgezählt: Scheine vermisst der Barmann dank einer Schablone; die Formen der Münzen erkennen seine Finger: Training.

P1060450bIm Vorraum der Ausstellung: Fächer zum Ertasten von Gegenständen

INFO:

Dialog im Dunkeln liegt am östlichen Rand der Hamburger Speicherstadt; die Adresse ist Wandrahm 4. Bester Orientierungspunkt ist das neue Spiegel-Hochhaus, von dem es nur noch wenige Gehminuten sind; Dialog im Dunkeln ist hier ausgeschildert.

Die Führungen durch alle sechs Erlebnisräume dauern 90 Minuten, vormittags werden außerdem 60-Minuten-Führungen durch vier Räume angeboten. Sollte man sich während einer Führung unwohl fühlen, kann man dies jederzeit dem Guide sagen; dann wird man hinausbegleitet.

Die Führungen bucht man im voraus: telefonisch oder per Internet. Bei unserer Telefonbuchung hatte man uns aufgefordert, eine halbe Stunde vor Beginn der Führung vor Ort zu sein. Wir waren folgsam, fanden dieses Timing aber übertrieben: Man schließt seine Taschen und Jacken ein und wartet dann tatenlos bis zum Beginn der Führung. Zwar gibt es zum Überbrücken der Zeit einen Café-Bereich und ein paar Stationen für Tast-, Hör- und Geruchserlebnisse; dennoch würde eine Viertelstunde locker ausreichen.

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Hier geht’s zu den Erfahrungen, die Lena von familyfortravel.de mit ihrer Familie bei Dialog im Dunkeln gemacht hat