Die Rahmenbedingungen: zwei Wochen, zwei Eltern, zwei Kinder. Das Ziel: Exotik für Warmduscher – eine Gegend, über die es keinen deutschsprachigen Reiseführer gibt. Destination Québec: von Montréal aus am Sankt-Lorenz-Strom entlang durch die belebteste Region der französischsprachigen Provinz Kanadas.

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I. THIS IS NOT AMERICA. ABER WAS DANN?

Vier Personen, vier Erwartungshaltungen

Wenn man mit dem relativ klassischen Familienmix von zwei Fortysomethings, einem Kind und einem Teenager verreist, sind die Erwartungen sehr unterschiedlich. Am eklatantesten ist die Kluft zwischen unserer zum Zeitpunkt der Reiseplanung dreizehnjährigen Tochter und mir. Ich will nach Québec, um mal französischsprachiges Amerika zu erleben. Meine Tochter findet, französischsprachiges Amerika sei gar kein echtes Amerika, weshalb man sich die Reise lieber sparen solle. Die Reisevorbereitung meines Mannes besteht im Wesentlichen darin, sich wiederholt „I Confess“ von Alfred Hitchcock anzuschauen. Hitchcock brauchte ein sowohl amerikanisches als auch katholisches Setting, weshalb er seinen Film in der Stadt Québec spielen ließ – mit Shwodown im historischen Grand Hotel Château Frontenac. Unsere jüngere Tochter begnügt sich damit, sicherzustellen, dass mindestens die Hälfte unserer gebuchten Unterkünfte einen Pool hat.

Nachdem wir in Montréal gelandet sind, dauert es keine halbe Stunde, bis wir am Flughafen zwei Geistliche in genau solchen Soutanen sehen, wie sie die Patres in „I Confess“ tragen. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass diese beiden die einzigen Soutanenträger während unserer zwei Wochen Québec bleiben. Ebenfalls bereits am Flughafen wird die erste Lektion eines jeden Französischbuchs widerlegt – jedenfalls für das frankophone Kanada. „Ça va?“ – „Ça va!“ reicht hier nicht. In ausladenden Sätzen erkundigt sich die Verkäuferin im Zeitschriftenkiosk nach dem Befinden ihrer Kunden, vorsichtshalber auf Französisch und Englisch in einem Atemzug. Diese wortreiche Form des „Wie geht’s?“ wird uns während der nächsten zwei Wochen täglich begegnen. Subtext: Man hat Zeit.

Ein Ort, an dem man gleichermaßen Englisch und Französisch spricht. Gibt’s das?

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Auf der Taxifahrt zum Hotel kommen wir an einem echten Pariser Metro-Eingang mit Hector Guimards Jugendstilranken vorbei, irritierend anzusehen vor einer Kulisse spiegelnder Wolkenkratzer. Im Nebel des Jetlags nehmen wir unsere erste Mahlzeit zu uns. Die Bestellung erfolgt in einer unkomplizierten Zweisprachigkeit; Französisch und Englisch wird mit gleicher Selbstverständlichkeit gesprochen. Wer die frankophonen Europäer kennt, hört und staunt: Französische Muttersprachler, die mit solcher Selbstverständlichkeit und ohne jeden Sprachdünkel Englisch sprechen? Deren Existenz hatten wir bisher für unmöglich gehalten. Unsere große Tochter wählt eine Ziegenkäse-Tarte und hat zumindest kulinarisch Recht mit ihrer Vermutung, frankophones Amerika könne kein typisches Amerika sein. Aber sie ist ziemlich zufrieden mit dem, was auf ihrem Teller liegt – inklusive der Neue-Welt-Pommes aus Süßkartoffeln. Nachdem wir den versprochenen Hotelpool über den Dächern von Montréal geortet haben, können wir uns beruhigt dem Jetlag-Schlummer hingeben.

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Historisches Frankreich mit ein paar Irokesen

Um am nächsten Morgen zum Frühstück zu Christian Faure zu gehen. Sein Café liegt in Vieux-Montréal, dem touristischen Kern der Stadt, wo es pittoresker aussieht als in der Alten Welt – allerdings erst seit den 80-er Jahren, in denen man begann, die zuvor jahrzehntelang vernachlässigte Altstadt zu restaurieren. Der Pâtissier Christian Faure gehört zu der erlesenen Gruppe der Meilleurs Ouvriers de France: eine Auszeichnung, die nur die größten Könner ihres Handwerks erhalten – und zwar in Frankreich. Wobei wir hier doch eigentlich in Kanada sind. Allerdings sind wir auch in La Nouvelle France. Der Herr hinter dem Tresen, der uns die vermutlich weltbesten Chaussons aux Pommes von unfassbar buttriger Geschmeidigkeit verkauft, wirft der kleinen Tochter im Hahnentritt-Kleidchen die flüchtige Frage hin, ob sie Chanel trage, und für einen Sekundenflash fühlen wir: Wir sind in Frankreich. Nur das Wandgemälde, das wir beim Frühstück vor Augen haben, kommt dieser Überzeugung in die Quere: Darauf ist ein stark kolorierter Irokese mit Federschmuck nebst Damen in Hut und kolonialer Krinoline zu sehen.

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Vor dem Café, auf der Place Royale, werden spartanisch aussehende Marktstände aufgebaut; Angestellte in Leinengewändern und altmodischen Hauben füllen sie mit Gebäck. Wir lassen uns aufklären: Heute findet der Marché de la Nouvelle France statt, den gibt’s hier einmal im Jahr. Regionale Produkte auf allen Ständen; in der Mitte ein Podest mit kostümierten Soldaten und Blasmusik. Eine Hommage an die frühen Tage der französischen Besiedelung von Québec. Die Irokesen, die die Gegend schon lange vorher bewohnt und die so geschützte wie verkehrsgünstige Lage von Montréal am Sankt-Lorenz-Strom zu schätzen gewusst hatten, kommen hier nicht zum Zuge.

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Dafür finden wir sie im Château Ramezay, einem Museum, das sich mit der frühen Geschichte der Stadt beschäftigt. Hier sind kleine Modelle mit den Langhaus-Siedlungen der ehemals um Montréal ansässigen First Nations, so der kanadische Begriff für Indianer, zu sehen. Denn Irokesen und andere Stämme der Region sind nicht wie Winnetou mit dem Zelt über die Prärie gezogen, sondern sie waren sesshaft und betrieben Ackerbau.

Multikulti in Montréal

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Ein paar Tage lang streifen wir durch Montréal. Geraten von der Altstadt in die klar umgrenzte, quirlige Chinatown. Laufen durch die Geschäftsviertel mit ihrer typisch amerikanischen Großstadtarchitektur und durch Straßen, die von englisch anmutenden Reihenhäusern gesäumt sind – immerhin stand die Stadt lange Zeit unter britischer Herrschaft. Der Boulevard Saint-Laurent, im Volksmund „la Main“ genannt, stellt traditionell die Grenze zwischen dem französisch- und dem englischsprachigen Teil Montréals dar. Im Musée des Beaux-Arts sehen wir Inuit-Kunst: eine kleine Erinnerung daran, dass die Provinz Québec sich bis hoch in den Norden Kanadas erstreckt. Die Entfernung ist groß, die gefühlte Entfernung zwischen der Metropole Montréal und dem ewigen Eis noch größer.

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Vertrauter fühlen sich die coolen Street-Art-Straßen an, durch die wir hinauflaufen zum Plateau du Mont-Royal mit seiner einzigartigen Wohnarchitektur. Treppen, bunte Dächer, Türmchen, Erker, dazwischen irgendwo Crêpes in einem bretonischen Restaurant.

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Hin und wieder verlassen wir das Tageslicht und begeben uns ins unterirdische Montréal. Die Stadt ist zu großen Teilen untertunnelt, sodass man in den eisigen Wintern zum Shoppen und zum Arbeiten unter Umständen gar nicht in die Kälte hinaus muss, denn die einzelnen Teile der unterirdischen Stadt sind miteinander vernetzt. Unsere Töchter finden das spektakulär, auch wenn wir uns schwer tun mit der Orientierung unter Tage.

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Das zweite Highlight für die Kinder findet direkt gegenüber von unserem Hotel statt: Im bunt verglasten Palais des congrès steigt das Cosplay-Festival Otakuthon, die Straßen sind voll mit als Manga- und Anime-Figuren Kostümierten. Sie fügen sich ideal ein in das Multikulti dieser Stadt.

Nach Westen: ins ländliche Québec

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Als wir Montréal verlassen, ist es schlagartig vorbei mit Multikulti. Wir fahren gut 130 Kilomenter nach Westen, durch eine sanfte Agrarlandschaft mit Feldern und Wiesen, bis wir in Montebello sind. Montebello ist ein winziger Ort, verfügt aber über das größte Blockhaus der Welt, und in dem schlafen wir. Erbaut wurde das Château Montebello 1930 direkt am Sankt-Lorenz-Strom als Location für einen exklusiven Club, 1970 wurde es zum Hotel und hat im Rahmen eines G7-Gipfels 1981 Reagan, Thatcher, Mitterrand und Helmut Schmidt beherbergt.

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Die große Familienattraktion von Montebello ist der Parc Oméga, ein Wildpark mit kanadischen Tierarten. Der Reiseführer hatte uns bereits darauf vorbereitet, dass es mit der Wildheit nicht sehr weit her sei; dennoch staunen wir, als ein Hirschbulle in der Hoffnung auf Futter zutraulich seinen Kopf in das Auto vor uns steckt. Trotzdem macht es Spaß, an Bären und Polarwölfen vorbeizufahren und ein paar Wildschweinjungen beim Spielen zuzusehen.

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Franko-kanadische Fusionen

Ansonsten ist Montebello eine Hochburg des produit artisanal, des handwerklich in kleinen regionalen Betrieben gefertigten Lebensmittels. Die Käserei und die Brauerei sind der Stolz des Örtchens, das sich entlang einer Straße erstreckt und mit seiner Holzarchitektur nach einem gemütlichen Amerika aussieht. Langsam gewöhnen wir uns daran, in einer Mischzone zu sein. Man redet französisch mit uns, aber in einem so relaxten Tonfall, wie das in Frankreich nirgendwo vorkommt. Diese Sprache hier klingt französisch, fühlt sich aber nicht französisch an. Die ultimative franko-amerikanische Kombination ist wohl die Poutine, die wir in Montebello essen. Poutine ist eine Art Nationalgericht von Québec, und es ist nicht wirklich hohe französische Küche: Pommes mit darübergebröckeltem Käse und einer deftigen Bratensauce. An der Imbissbude von Montebello allerdings kommen die Zutaten aus regionalen Kleinbetrieben, auf die man in der Gascogne nicht stolzer sein könnte.

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Die westliche Grenze der Frankophonie ist die Stadt Gatineau, die direkt gegenüber von Kanandas Kapitale Ottawa liegt. Gatineau beherbergt das meistbesuchte Museum des Landes, das Canadian Museum of History. Wir verbringen dort viele Stunden zwischen Totempfählen, rekonstruierten indianischen Häusern, Inuit-Trommeln und nachgebauten historischen Szenerien. Im Augenblick werden einzelne Teile des Museums umgebaut; es soll noch spektakulärer werden.

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Nach drei Tagen Montebello ist unsere Routenplanung etwas uncool, denn wir fahren zurück bis Montréal und dann weiter in Richtung Osten. Die geradlinige Route verdankt sich dem Sankt-Lorenz-Strom, der die Lebensader von Québec ist und an dessen Ufer sich die wichtigsten Orte der Region aneinanderreihen. Wir beschäftigen uns näher mit dem Thema First Nations, schnuppern in die Stadt Québec hinein, sehen Wale. Davon erzähle ich im zweiten Teil meiner Québec-Geschichte.

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Auf dem Bild ganz oben ist eine Skulptur der eingeborenen Künstlerin Mary Anne Barkhouse zu sehen, die von einer alten First-Nations-Geschichte inspiriert ist. Zu sehen ist der Wolf im Boot vor dem Canadian Museum of History in Gatineau.

Der Blog Mighty Traveliers erzählt Erhellendes und Kurioses über das Verhältnis der Québecois zur französischen Sprache – hier klicken!