Bücher-Countdown Nr. 6

EIN SCHATTEN WIE EIN LEOPARD von Myron Levoy (dtv) ist ein amerikanischer Klassiker für Jugendliche. Das Setting: New York, als es in Manhattan noch rauer zuging, als es dort jede Menge No-go-Areas gab und die Bandenkriminalität blühte. Mittendrin Ramon Santiago, Sohn puertoricanischer Einwanderer mit einem Vater im Gefängnis und einer Mutter im Krankenhaus. Ramon ist nicht so tough, wie man in seinem Umfeld sein sollte, verschafft sich aber Respekt durch sein Geschick mit dem Messer. Die Mitglieder einer Gang, zu der er gehören möchte, betrauen ihn mit ersten kriminellen Aufträgen – unter anderem damit, den alten Maler Anton Glasser auszurauben.

Glasser allerdings sitzt zwar im Rollstuhl, ist aber keineswegs wehrlos. Er packt Ramon mit seinen verächtlichen Worten, und die Bilder in Glassers Wohnung packen Ramon durch ihre künstlerisch Kraft. Langsam werden der ruppige alter Künstler und der Junge von der Straße Freunde. Ramon hat Respekt für die Bilder des Malers, der in seinem Leben nicht viel öffentliche Anerkennung bekommen hat, und Glasser hat Respekt für Ramons gesprochene oder geschriebene Worte, die einen Sinn für Poesie verraten.

Ramon allerdings ist bereits zu tief in die Fänge der Gang geraten, die ihm Zugang zu dem Maler verschafft hatte. Seine Kumpels wollen Geld sehen und Ramon nicht dabei beobachten, wie er Glassers Rollstuhl durch den Central Park zum Metropolitan Museum schiebt. Die Dinge spitzen sich zu: Ramon bemüht sich, Glassers Arbeiten zu mehr Ruhm zu verhelfen, wird in einen bedrohlichen Messerkampf verwickelt und erneut mit den Ansprüchen seines Vaters konfrontiert, der einen Macho als Sohn haben möchte. Ramon jedoch hat durch die Beschäftigung mit Glassers Bildern begriffen, wie bedeutend es auch für ihn ist, sich künstlerisch auszudrücken – mit Worten. Das macht ihn stark, sich in seiner Welt zu behaupten.