Bücher-Countdown Nr.6

BABY’S IN BLACK ist das Multitalent des diesjährigen vorweihnachtlichen Bücher-Countdowns auf Kind am Tellerrand: Die Graphic Novel über die frühe Zeit der Beatles in Hamburg, geschrieben und gezeichnet von Arne Bellstorf und bei Reprodukt verlegt, hat das Potential, ganz unterschiedliche Personen glücklich zu machen – vom 14-jährigen Teenager bis zu seinem Großvater. Und einen selbst.

Eine Graphic Novel für Teenager

Astrid Kirchherr, Stuart Sutcliffe

Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe

1960 kamen die Beatles zum ersten Mal nach Hamburg. George Harrison, der Jüngste von ihnen, war 17; kein Beatle war älter als 20. Wenn überhaupt, waren die Jungs aus Liverpool zu dem Zeitpunkt, zu dem die Story von BABY’S IN BLACK einsetzt, dem Teenageralter erst knapp entwachsen. Die Fotografin Astrid Kirchherr und der Grafiker Klaus Voormann waren 22, als sie sich mit der Band anfreundeten, die in den Clubs auf der Reeperbahn eine bisher unbekannte Art von Musik spielte. Die Liebesgeschichte zwischen Astrid Kirchherr und dem damaligen Beatles-Bassisten Stuart Sutcliffe steht im Zentrum von Arne Bellstorfs Graphic Novel: eine Story, die sich eher am Rand der gängigen Beatles-Legende abspielte. Arne Bellstroff erzählt sie so, dass man einen sehr intimen Einblick in das damalige Leben der vier englischen Musiker bekommt; immerhin war die noch heute emotional stark mit den Beatles verbundene Astrid Kirchherr die wichtigste Informationsquelle für Bellstorf. Gleichzeitig erzählt er mit seinen wunderbaren Schwarzweiß-Bildern die Liebesgeschichte zweier sehr junger Menschen, die ihren eigenen Weg finden müssen: Stuart Sutcliffe fühlt sich eigentlich als Künstler, nicht als Musiker, und sein Abschied von der Band spielt eine wichtige Rolle in BABY’S IN BLACK. Die Liebesgeschichte zwischen der Deutschen und dem Briten beginnt vorsichtig, es wird viel geredet, die Story spricht Jugendliche ab 14 Jahren mühelos an. In der Regel haben sie in dem Alter bereits das eine oder andere Mal von den Beatles gehört und schnappen bei der Lektüre zugleich ein bisschen Musikgeschichte auf.

Eine Graphic Novel für Beatles-Fans

Baby's in Black

Als die Beatles Rock’n’Roll spielten

Beatles-Fans gibt es in jeder Altersgruppe; viele von ihnen waren 1960 Teenager. Auch, wer alles über die Beatles zu wissen meint, dürfte sich durch BABY’S IN BLACK bereichert fühlen, denn so persönlich und direkt wird von der frühen Zeit der berühmtesten Band der Welt kaum irgendwo erzählt. Auch über den „fünften Beatle“ Stuart Sutcliffe erfährt man anderswo eher wenig. Arne Bellstorf schließt diese Lücke, misst der Freundschaft zwischen Sutcliffe und John Lennon eine große Bedeutung zu und macht begreiflich, warum sich Stucliffe für den Abschied von der Musik entschied. Außerdem lässt er eine Menge Anekdotisches über die Hamburger Periode der Beatles in seine Graphic Novel einfließen – zum Beispiel, wenn er von der Ausweisung des minderjährigen George Harrison durch die deutschen Behörden erzählt. Hübsch ist in diesem Zusammenhang der Wechsel zwischen dem Deutschen als der eigentlichen Sprache des Buchs und dem – gut lesbaren – Englisch der Jungs aus Liverpool, das im Anhang übrigens Sprechblase für Sprechblase übersetzt wird.

Eine Graphic Novel für Hamburg-Liebhaber

Arne Bellstorf zeichnet die Reeperbahn

1960 auf der Reeperbahn

Hamburg ist ein Teil der Beatles-Geschichte, die Beatles sind ein Teil der Hamburg-Geschichte. Arne Bellstorf zeichnet die Straßen und das Publikum auf St. Pauli, er wirft gelegentlich einen melancholischen Schwarzweiß-Blick über die Elbe und auf den Hafen, rückt auch das kleinbürgerliche Hamburg der Wirtschaftswunderzeit ins Bild, das für die Beatles zunächst kein Verständnis hat. Kein Wunder, wenn man liest, welche Berührungsängste selbst bei künstlerisch interessierten jungen Leuten wie Astrid Kirchherr und Klaus Voormann zu Beginn im Spiel sind – einerseits gegenüber der ungewohnten Musik aus England, andererseits gegenüber den Abgründen der Halbwelt von St. Pauli.

Eine Graphic Novel für Kunstsinnige

Arne Bellstorf Beatles

Arne Bellstorfs unverwechselbare visuelle Sprache

Die Qualität von Arne Bellstorfs Illustrationen ist in den sieben Jahren seit dem Erscheinen von BABY’S IN BLACK immer wieder gerühmt worden. Ihre klare Reduktion auf Schwarzweiß und die besondere, leicht melancholische Ausstrahlung; die typisierten und gleichzeitig ausdrucksstarken Gesichter; der wie ein visuelles Leitmotiv auf nahezu jedem Panel in die Höhe steigende Zigarettenrauch; die Mischung zwischen Skizzenhaftigkeit und Plastizität: Alles zusammen gibt der Geschichte ihre so zurückhaltende wie starke Emotionalität. Astrid Kirchherrs von den existentialistischen Moden aus Frankreich beeinflusster Stil ist ein optischer Ankerpunkt der Graphic Novel – und sollte auch das Styling der Beatles im Laufe der Jahre prägen. Als Stuart Sutcliffe mit nur 22 Jahren an einer Gehirnblutung stirbt, sind die leeren Sprechblasen aus dem Mund seiner Verlobten aussagekräftiger als viele Worte.

Eine Graphic Novel für einen selbst

Baby's in Black, Reprodukt Verlag

Mittagessen mit den Beatles

Bücher zu verschenken, ist toll, aber gelegentlich muss man sich auch selbst eins kaufen. Zum Beispiel eins, das Lektüre und Kunstwerk in einem ist. Das man ohne Überdruss x-mal lesen und anschauen kann. Das von Gefühlen spricht, ohne jemals einen Ton zu laut zu werden. Das auf stille Weise ergreifend ist. Denn: All you need is love.

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