Bücher-Countdown Nr.8

Alles beginnt damit, dass Sierra ein Porträt an einer New Yorker Hauswand weinen sieht. Das könnte der Auftakt zu einem weiteren Exemplar austauschbarer Fantasy-Romane sein, die die aktuellen Jugendbuch-Regale füllen. Ist es aber nicht. Zwar ist STADT DER TANZENDEN SCHATTEN, erschienen im Carlsen Verlag, durchaus Fantasy-Literatur, aber die Themen, die der Autor Daniel José Older in diesem Buch zusammenbringt, gehen weit über die genretypischen Standards hinaus.

Magische Straßenkunst in Brooklyn

Sommer in Brooklyn. Sierra, ein Mädchen mit puerto-ricanischen Wurzeln, bemalt einen Betonturm mit einem Drachen. Darum wurde sie von den Freunden ihres mittlerweile durch einen Schlaganfall zum Schweigen gebrachten Großvaters gebeten, denn den alten Herren der Latino-Community gefällt der Betonturm ebenso wenig wie ihr.

Sehr schnell passiert sehr viel auf einmal: Ein Mural beginnt zu weinen, andere Street-Art-Werke verblassen auf mysteriöse Weise. Sierras Großvater wird unruhig und macht unklare Andeutungen über lauernde Gefahren. Dank seiner Hinweise und mit Hilfe des Jungen Robbie, der wie Sierra ein begeisterter Zeichner ist, stößt das Mädchen auf eine geheimnisvolle Geisterwelt, die ihre Familie und deren afro-lateinamerikanisches Umfeld offenbar seit Generationen begleitet. Ein machtbesessener Wissenschaftler versucht, diesen übersinnlichen Kosmos für sich zu vereinnahmen. Für Sierra und ihre Freunde bedeutet das Lebensgefahr. Doch von Robbie lernt Sierra, dass sie die Gabe der Schattenbildner besitzt: Sie vermag gestaltlosen Geistern durch gemalte Bilder Form zu verleihen und sie dadurch zu Verbündeten zu machen.

Fantasy in einem nicht-weißen Setting

Daniel José Oder schreibt ein schnelles, manchmal wildes Buch, das seine Leser mit hineinnimmt in das Brooklyn einer afro-lateinamerikanischen, vielseitigen und solidarischen Community: ein Eindruck, der sich mindestens so sehr einprägt wie die dramatischen Ereignisse der Schattenbildner-Welt. Older, selbst Latino, setzt sich immer wieder für eine nicht ausschließlich weiße, sondern ethnisch gemischte Jugendliteratur ein. Egal, ob Zeitreise oder Dystopie: Fantasy ohne Latinos oder Afroamerikaner empfindet er als wenig überzeugend. Dieses Thema kann man auf Europa übertragen, sicher jedoch ist es für die amerikanische Gesellschaft noch virulenter. Während Olders amerikanische Leser mit dem in den USA gefeierten Roman SHADOWSHAPER – so der englische Titel von STADT DER TANZENDEN SCHATTEN – ein Alternativmodell zum gängigen weißen Fantasy-Roman geboten bekommen, erhalten seine deutschen Leser einen spannenden Einblick in eine Facette der US-Gesellschaft, von der sie ansonsten allenfalls in der Theorie hören. Hier treffen sie auf Jugendliche aus dem nicht-weißen Amerika, die Daniel José Older mit starken, fantasievollen und sehr witzigen Persönlichkeiten ausstattet.

Brückenschlag zum traditionellen Volksglauben

Gleichzeitig verwebt Older die übersinnliche Seite seiner Story auf eine überzeugende Weise mit dem Alltagsleben der Figuren. Nicht, dass in STADT DER TANZENDEN SCHATTEN nicht die hanebüchensten, schaurigsten und unrealistischsten Dinge geschehen würden: Drastische Fantasy-Schmankerl liefert der Roman in ausreichendem Maße. Aber die Geisterwelt, die Sierras Familie umgibt, ist bevölkert von ihren verstorbenen Ahnen und anderen Toten. Damit lässt Daniel José Older seine Fantasy-Story direkt aus dem überlieferten Volksglauben seiner Protagonisten erwachsen, denn der Glaube an die Existenz und die Bedeutung der Ahnengeister ist in Puerto Rico und anderen Gegenden der Karibik fest verwurzelt. Diesen spirituellen Kosmos noch mit der emotionalen Welt der Street Art zu verknüpfen, ist ein bestechender Einfall des Autors, der bereits einen zweiten Roman über Sierra und die Schattenbildner geschrieben hat. Der zweite Band liegt allerdings momentan nur in Englisch vor. Zum Lesealter: In den USA werden die SHADOWSHAPER-Romane ab zwölf empfohlen, bei uns ab 14. Ich würde zu „ab zwölf“ tendieren – Harry Potter ist gruseliger.

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