Die junge Illustratorin Francesca Sanna hat ein Aufsehen erregendes Buch geschrieben und gezeichnet. DIE FLUCHT heißt es auf Deutsch (erschienen im NordSüd Verlag), THE JOURNEY in seiner englischen Originalversion.

Erst gab es einen Alltag, dann kam der Krieg

BilderbuchtippEigentlich hätte das Leben immer so weitergehen können

Die Ausgangssituation kennen wir aus den Nachrichten und Reportagen unserer Tage: Eine Familie lebt in einer sympathischen orientalisch wirkenden Stadt am Meer, bis ihr Alltag durch einen Krieg zerstört wird. In Francesca Sannas Bilderbuch DIE FLUCHT zeigt sich der Krieg als schwarze, gierige Form, die mit ihren Greifarmen alles verschlingen will.

DieFluchtBilderbuch„Eines Tages nahm der Krieg uns Papa weg.“

Bereits nach dem zweiten Umblättern hat der Krieg es geschafft, alles Bunte, Alltägliche zu zerstören. Die Seiten sind schwarz, und neben den Worten „Eines Tages nahm der Krieg uns Papa weg“ sind nur noch ein paar einzelne Erinnerungsgegenstände an den Vater zu sehen.

Eine Geschichte von Flucht und Abenteuer

An dieser herzzerreißenden Stelle weiß man, dass Francesca Sanna mit Bildern erzählen kann wie nur wenige.

FrancescaSannaDer Traum von einem friedlichen Land

Und sie hat einiges zu erzählen, denn die eigentliche Geschichte geht jetzt erst los: die Geschichte einer Flucht, unternommen von einer couragierten Mutter mit ihren beiden Kindern, geschildert aus der Perspektive eines der Kinder: „Vor ein paar Tagen erzählte eine Freundin meiner Mama, dass viele Leute das Land verließen und versuchten, in ein anderes Land zu flüchten. Ein Land weit weg von hier mit hohen Bergen.“

KinderbuchDieFluchtWie wird es aussehen in der neuen Welt, in die man aufbricht?FluchtZwischen gepackten Koffern, eine neue Welt im Kopf

Die Umstände sind traurig, die Kinder möchten nicht fliehen, aber ein bisschen spannend ist das ganze Unternehmen auch – wie eine Reise. Die Mutter sucht Bücher über das neue Land heraus, zeigt den Kindern „Bilder von fremden Städten, fremden Wäldern und fremden Tieren“. Und versichert ihnen, man werde ein großes Abenteuer erleben.

An der Grenze

FrancescaSannaTheJourneyDie Grenze ist bedrohlich, trotzdem gibt es Magisches zu entdecken

Das Abenteuer entpuppt sich als langwierig und strapaziös, die Grenze, über die die Familie will, „ist eine Riesenmauer“. Überall lauern Gefahren, Wächter wollen die Flucht verhindern. Schließlich findet die Mutter einen Mann, dem sie Geld gibt, um die Familie über die Grenze zu bringen: einen der berüchtigten Schlepper. Wie ein schwarzer Schatten erscheint er, der die Familie ganz in seiner Hand hat. Er ist monströs, gleichzeitig aber auch ein Retter.

FrancescaSannaIllustrationIn der Hand des Schleppers

Was bedeutet es, zu fliehen?

Francesca Sanna zitiert viele Situationen, die wir aus aktuellen Flüchtlingsberichten kennen, aber ihre Geschichte ist nicht an die augenblickliche politische Lage gebunden. Wenngleich die Heimat der fliehenden Familie arabisch aussieht und die Bilder von Tieren und Wäldern, mit denen sie sich die neue Heimat ausmalt, sehr nordische Züge tragen, erzählt das Buch von Gefühlen und Erfahrungen, die ganz unabhängig von Ort und Zeitpunkt der Flucht sind.

Genau das war auch das Ansinnen der 1991 in Sardinien geborenen Francesca Sanna, die für ihr Erstlingswerk die Goldmedaille der New Yorker Society of Illustrators erhalten hat. Sanna selbst ist eine Migrantin, die in der Schweiz lebt und ihre Heimat vermisst. In der Begegnung mit Flüchtlingen hat sie zu verstehen versucht, worin der Unterschied zwischen ihrer Erfahrung liegt und der von Menschen, die unfreiwillig ihr Land verlassen haben, um Sicherheit zu finden.

NordSüdVerlagIm Meer lauern mythische Ungeheuer; gefährlich und ein bisschen faszinierend

Beklemmung – und Erwartungsfreude

Was sie aus diesen Gesprächen gelernt hat, erzählt sie in einer Art archetypischer Flucht-Geschichte, deren schlichte Worte durch die Bilder eine weitreichende Dimension erhalten. Francesca Sannas Illustrationen schaffen eine bunte, poetische Welt mit einer Fülle folkloristisch anmutender Motive und Ornamente. Immer wieder kommen in diesen Bildern die Faszination des Fremden und die Magie des Weltentdeckens zum Tragen. Durch sie rückt die Flucht für die Kinder ein wenig in die Nähe einer Reise. Wenn Francesca Sanna den beklemmenden Aspekten des Themas Flucht ein wenig Erwartungsfreude beimischt, dann drückt sie damit auch die Kraft und den Mut aus, die sie nach eigener Aussage in den Gesprächen mit Flüchtlingen erlebt hat.

aufderFluchtWann und wo sie ankommen, bleibt offen

DIE FLUCHT endet mit der Reise durch eine Landschaft, die in der Schweiz, Deutschland oder Österreich liegen könnte. Wo die Familie ankommt, erfahren die Leser nicht; hier geht es um das Erlebnis des Fliehens. Und von dem können Kinder ab etwa vier Jahren durch Francesca Sannas Bilderbuch einiges auf bewundernswert anschauliche Weise erfahren. „Erst, wenn man eine Geschichte einem Kind erzählen kann, weiß man, dass man das Wesentliche begriffen hat“, hat Francesca Sanna der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.

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