Zuletzt aktualisiert am 27. Juli 2021 um 11:40

Oberflächlichkeit versus Tiefgang; Materielles versus Geistiges: Die gängige Moral war schon immer fürs Innere. Dann kam Corona, und die Außenwelt entschwand. Als sie wieder in meinen Blick trat, nahmen die materiellen Dinge für mich erstaunlich spirituelle Züge an. Ein Shopping-Tag in Lübeck wurde zum belebenden Kulturereigns.

Corona: Eine Lektion in Sachen Genügsamkeit?

Teekeramik von Jessica Henkel
Mitbringsel aus Lübeck: Teekeramik von Jessica Henkel und ein Bilderbuch aus den 1950-ern

Sie haben mich in den letzten Monaten beschämt; ich wäre gern eine von ihnen gewesen: eine von denen, für die Corona eine große, gewinnbringende Lektion in Sachen Genügsamkeit war. Natürlich weiß ich, dass die Minimalismus-Prophetinnen recht haben, die schon lange sagen: Wir brauchen nicht immer mehr und noch mehr; die ungehemmte Anhäufung von Dingen, an die wir uns in unseren Erste-Welt-Gesellschaften gewöhnt haben, kann nicht grenzenlos gutgehen. Diese Ausgangsfeststellung teile ich von Herzen.

Aber darauf folgte bei denen, die über die Pandemie nachdachten, mit scheinbarer Schlüssigkeit gern ein zweiter Gedanke: Corona hat uns eine Grenze gesetzt, die nicht nur nötig war, sondern von der wir auch persönlich profitieren. Weil wir gezwungen sind, wertvolle Selbstbeschränkung zu praktizieren: unsere Zeitpläne weniger eng zu füllen, weniger unterwegs zu sein, weniger zu kaufen. Uns dafür auf uns selbst zu besinnen, Ruhe auszuhalten, mit uns allein klarzukommen, uns in unseren vier Wänden zu beschäftigen.

Der Zeitpunkt schien gekommen, an dem sich endlich breitenwirksam die Erkenntnis durchsetzte, wie schön es ist, in der eigenen Küche Brot zu backen, anstatt im Café Croissants zu bestellen. Back to the roots; raus aus dem Hamsterrad; zurück zum kleineren ökologischen Fußabdruck.

Lockdown und Slow-Life-Romantik

Corona-Lektion
Natürlich hat es etwas für sich, im Café – hier im Pariser Café Livres – ein Croissant zu bestellen

Das klingt sehr gut. Steht im Einklang mit aktuellen Selbstfindungs- und -optimierungsideologien: Mensch, werde wesentlich! Und dies mittels der angesagten Methoden Minimalismus und Achtsamkeit, zu denen Corona dich passenderweise sowieso zwingt. Betrachte zufrieden, wie Selfcare-Glücke in dir hochsprudeln und du nebenher der Natur Gutes tust. Sieh den Lockdown als Chance.

Nicht jeder konnte in dieser Form von der Corona-Phase profitieren. Für Menschen, die die Krankheit oder die wirtschaftliche Not in dieser Zeit kalt erwischt haben, ist derartige Slow-Life-Romantik purer Zynismus. Ebenso wie für alle, die in medizinischen Berufen arbeiten.

Und nicht nur für die. Auch ich tue mich schwer damit – das ist es, was mich beschämt. Mein Umfeld ist weitgehend unversehrt durch die Krise gekommen, ich habe weder den Corona-Stress von Medizinerinnen und Pflegern noch den von Lehrerinnen kennengelernt. Trotzdem konnte ich der erzwungenen Einkehr nicht die guten Seiten abgewinnen, von denen gern geredet wurde. Bin ich am Ende viel weniger im Geistigen, Nichtmateriellen zu Hause, als ich mein Leben lang dachte? Stattdessen erfüllt von einer unmoralischen Vergnügungssucht, die sich ernsthaft von der Schließung der Cafés deprimieren lässt, während eine Gesundheitskatastrophe das Weltgeschehen erschüttert? Gefangen in Oberflächlickeiten, weil es mir ermüdend vorkam, mich fortwährend selbst zu suchen?

Ich fand mich peinlich und schob solche Überlegungen während der langen Monate der On-off-Lockdowns schließlich in den Hintergrund. Immerhin wurde die Ruhe ja auch denen, die sich zunächst selbst in ihr fanden, irgendwann langweilig. Statt von sinnstiftenden Küchenorgien wurde zunehmend vom Lagerkoller gesprochen. Und wir alle mussten Menschen, die uns lieb sind, für viel zu lange Zeit schmerzhaft vermissen.

So viel Innen, so wenig Außen

Eine Liebeserklärung an die Äußerlichkeiten
Mit Gardinen oder ohne: Lockdown ist Lockdown

Aber da ist noch etwas anderes. Und das sind die Dinge. Die menschengemachten Gegenstände, von denen wir in der westlichen Welt alle ein Übermaß besitzen – und derer zu entledigen zu einer neuen Heilslehre geworden ist. Produkte, Artefakte, materielle Objekte. Sie wiederzufuinden, außerhalb der eigenen Wohnung, in Räumen, Geschäften und Galerien, war für mich eine ungeahnte Freude.

Wir hatten monatelang so ungeheuer viel Innen gehabt und so wenig Außen. Sicher, manchmal mussten wir raus, ins Freie. Spazierengehen wurde zu einer Hauptattraktion, die Entdeckung der kleinen Wunder vor der eigenen Haustür zu einem Abenteuer, dessen Reiz hoffentlich nicht mit der Akutphase der Pandemie verfliegt. Naturfreunde saßen am längeren Hebel: Wälder, Felder, Berge, Wanderwege waren trotz des Lockdowns zugänglich.

Dass die Natur heute zu großen Teilen zivilisatorisch domestiziert ist, ändert wenig an den Möglichkeiten zum Naturgenuss. Doch es gibt ja auch diejenigen unter uns, die vor allem hungrig auf kulturelle Inspiration sind. Für uns war es schwer. Min Büchern, Filmen und virtuellen Museumsbesuchen standen uns dabei durchaus Elixiere für das Leben in Innenräumen zur Verfügung. Ich hatte gedacht, für eine Leserin wie mich wäre es kein Problem, mich monateleang nur mit Büchern über Wasser zu halten. Fehlanzeige. Was mir fehlte, waren die Äußerlichkeiten.

Auf dem Friedhof den Artefakten zuhören

Hauptfriedhof Ulm
Ein Raum für sich, unter freiem Himmel gebaut: der Ulmer Hauptfriedhof

Ich hatte eine Art Schlüsselerlebnis, als ich an einem verschneiten Januartag mit meinem Mann über den – sehr schönen – Ulmer Hauptfriedhof ging. Ein Friedhof ist naturgemäß ein spiritueller Ort, aber er ist auch ein durch Menschen angelegter Kosmos aus Artefakten. Die sind von maximaler Bedeutung: steinerne Zeugnisse individueller Leben. Gleichzeitig sind sie gestaltete Gegenstände, denen man die Form verliehen hat, die ihrer Bedeutung zum jeweiligen Zeitpunkt ihrer Entstehung angemessen schien. Mit denen man Wertvorstellungen und Weltanschauungen ästhetischen Ausdruck verlieh. Auf dem Ulmer Hauptfriedhof gibt es viel zu sehen: repräsentative Ruhestätten ebenso wie in kontemplativer, durchgeistigter Modernität gehaltene Steinmetzarbeiten. Es gibt Grabsteine, die in Worten und Bildern von Biographien und Leidenschaften erzählen – und auch die aus der Not heraus schlicht gehaltenen, nicht selten anonymen Kreuze der Kriegsopfer. Eine Welt für sich mit einer eigenen Atmosphäre, in der wir uns verlieren und die mit vielen Stimmen zu uns spricht.

Vom Wiederfinden der Dinge: in Lübeck

Jessica Henkel Lübeck
Ein Hauch Vergangenheit im Jetzt: die Lübecker Altstadtgalerie der Porzellankünstlerin Jessica Henkel

Dann begann die Phase der Lockerungen. Mein erster Post-Lockdown-Ausflug führte mich nach Lübeck, und meine erste Station dort war die Ladengalerie der Porzellankünstlerin Jessica Henkel. Jessica Henkel stellt zarte Gefäße her, dekoriert mit Mustern von ephemerer Nostalgie. Aus historischen Stoffen – “hier war die Vorlage ein alter Paradestoff” – und Stuck-Elementen fertigt sie Abgüsse, die ihr als Schablonen für die Porzellandekoration dienen. Fein prägen die Reliefs sich in das Material, verfließen an ihren Rändern: ein Hauch Vergangenheit, der aufscheint und verschwindet. Pudrig und leicht sind die Farben. Ich schaue mich lange in Jessica Henkels Lübecker Altstadt-Galerie um. Die Dinge, die ich hier sehe, fühlen sich an wie eine Antwort. Auf welche Frage? Vielleicht auf die, welche Bedeutung Alltagsgegenstände im besten Fall für unser Leben besitzen können? Diese unregelmäßigen Porzellanobjekte, die sich dem Blick nicht demonstrativ enthüllen, die immer ein kleines Geheimnis zu wahren scheinen, die eine Brücke in die Vergangenheit schlagen, ohne eine rückwärtsgewandte Nostalgie zu zelebrieren: Wahrscheinlich hat mich die Reizunterflutung des Lockdowns empfänglicher gemacht für den Zauber solcher Artefakte. Ich kaufe eine Teeschale und einen Becher (zu sehen oben im Artikel).

Ein Teeraum zwischen Hanseatentum und Fernost

Teehandlung Rivers and Clouds, Lübeck
Eine Ahnung von China im alten Handelshaus: Rivers and Clouds importiert und verkauft Tee

Den Tee dazu finde ich am anderen Ende der Lübecker Altstadt: in der Engelsgrube, der Nachbarstraße zu der aus den “Buddenbrooks” bekannten Fischergrube. Hier hat Moritz Holst in einem historischen Bürgerhaus seine Teehandlung namens Rivers and Clouds eröffnet. Das Gebäude ist ein Work in Progress, befindet sich mitten in der Restauration. In einem hohen, der Straße zugewandten Raum hat Holst ein kontemplatives Teezimmer von chinesischer Anmutung eingerichtet.

Nur gelegentlich ist die Teehandlung für den Publikumsverkehr geöffnet; ein Großteil des Geschäfts läuft über das Internet. Aber hier und heute steht die Tür offen. Ich betrete den Teeraum mit meiner Tochter, und sofort versinken wir in der ruhigen Atmosphäre zwischen dunklen Regalen. Wir werden an einen Tisch mit Teetablett, Schalen und einem Gaiwan gebeten. Ich stelle Fragen zu den Tees, die Moritz Holst sehr exklusiv von in Europa wenig bekannten chinesischen Plantagen importiert, wir probieren verschiedene Aufgüsse. Und hören uns die Geschichte des alten Hauses an, das im Laufe der Restauration immer mehr Wunder offenbart – wie etwa das Deckengemälde des Teeraums, das plötzlich unter Stuckschichten zum Vorschein kam.

Ein anderes Wunder war die Entdeckung, dass das Haus vor Jahrhunderten einem der ältesten Teehändler Lübecks gehörte. Wir atmen die sehr hanseatische Mischung aus Fernost und Norddeutschland ein, die uns hier von allen Seiten anweht, und ich bin dankbar für diesen Raum, in dem eine so andere Atmosphäre herrscht als in meiner Lockdown-Umgebung.

Tapetenwechsel-Glücke in Buchhandlungen

Buchhandlungen Lübeck
Atmosphäre mit Tiefendimension: im Antiquariat Arno Adler

Das gleiche inspirierende Tapetenwechsel-Glück umfängt mich in zwei Lübecker Buchhandlungen. Den Laden namens Makulatur kenne ich bereits; er ist verwinkelt und bis auf den letzten Zentimeter angefüllt mit Büchern, die ich sofort kaufen möchte: mit Bänden über Kunst, Design, Architektur; sorgsam ausgewählter Belletristik; einem herrlichen Japan-Regal; Illustrations-Schätzen. Tatsächlich braucht mir niemand zu sagen, dass ein gutes Buchgeschäft unvergleichlich viel besser ist als jede Online-Alternative – immerhin arbeite ich in einer sehr schönen Ulmer Buchhandlung. Trotzdem ist die halbe Stunde, die ich bei Makulatur verbringe, ein erfrischendes Eintauchen in ein ganz eigenes Universum.

Ähnlich ergeht es mir im Antiquariat Arno Adler, das ein echtes Fundstück dieses Lübeck-Besuchs ist. Die Regionalia, die hier in den Regalen stehen, scheinen die ohnehin geschichtsträchtigen Straßen der Stadt noch mit einer Tiefendimension zu unterkellern. Unversehens kaufe ich ein Bilderbuch aus den 1950-ern: “Die ersten Dinge”, ein Buch ohne Worte, das die Alltagsgegenstände zeigt, mit denen ein kleines Kind um das Jahr 1952 zu tun hatte: Glasmurmeln und gestrickte Fäustlinge, eine Schere mit Papier, ein Gitterbettchen – alles naturalistisch dargestellt und mit präzisen Schatten auf den Buchseiten liegend. Was für ein Unterschied, was für eine Welt an Assoziationen liegt zwiswchen einer Keksschale der Wirtschaftswunderzeit und einer Keksschale unserer Tage!

Von der Kommunikation mit den Dingen

Abessa Lübeck
Behaglichkeit im hipstertauglichen Retro-Ambiente: die Schokoladenmanufaktur Abessa

Zufällig führt unser Weg uns zu einer Schokoladenmanufaktur. Abessa Lübeck ist ihr Namen. Eine pastellfarbene Ladenfassade, in der Auslage Macarons (siehe Bild ganz oben), innendrin alles retro. Eine dieser klassischen Hipster-Inszenierungen des 21. Jahrhunderts, die von der romantisierenden Rückbesinnung auf das Handgemachte erzählen, die fiktive Heimeligkeit vergangener Zeiten in ein aktuelles Hygge-Erlebnis übersetzen, sich weit oben auf der Trendskala bewegen.

So ein Geschäft hat selbstverständlich Touristen wie uns im Blick. Aber während ich mich vor der Lockdown-Phase kurz vor mir selbst für das Betreten gerechtfertigt hätte – natürlich durchschaue ich die Marketing-Strategie des hübschen kleinen Geschäfts, aber Hineingehen kann ja nicht schaden, vielleicht haben sie etwas Nettes im Angebot -, bin ich heute glücklich, die Touristin zu sein, für die Läden wie dieser gemacht sind. Denn es ist behaglich zwischen den Holzbalken, den Auslagen voller stilvoll verpackter Süßigkeiten, den altmodischen Einrichtungsaccessoires. In diesem liebevoll gestalteten Refugium mit kommerzieller Dimension.

Gewiss: Der Laden stammt nicht aus den Zeiten, deren Atmosphäre er feiert; wir stehen nicht in der Confiserie einer Ära, in der Hanseaten sich luxuriöse Leckereien leisteten, weil sie durch den Seehandel zu Wohlstand gelangt waren. Lassen wir uns also blenden durch eine Fake-Authentizität, die gemacht ist, um Kundschaft anzulocken?

Nach der langen Zeit ohne Orte wie diesen hier, deren Anmutung sich so stark unterscheidet von meinen persönlichen vier Lockdown-Wänden, sehe ich die Dinge positiver: In dem Moment, in dem ein meinetwegen auch etwas kulissenhaft durchgestyltes Ambiente uns anzieht, trifft es einen Nerv in uns. In dem Moment bekommt die Äußerlichkeit eine innerliche Komponente. Weil sie Gefühle anspricht, Assoziationen weckt, Geschichten erzählt, mit uns kommuniziert. Im Falle der Schokoladenmanufaktur Abessa kann man sich die Produkte sogar einverleiben. Sie sind so hervorragend wie hübsch.

Ich fand Dinge schon immer inspirierend. Materielle Gegenstände, Artefakte. Das war mir selten so bewusst wie nach dem Außenwelt-Entzug des Lockdowns. Nein, es führt zu nichts, zu viel Zeug anzuhäufen, aber die Heilslehre von der minimalistischen Entschlackung unserer Alltagsumgebung unterschreibe ich nicht. Dafür finde ich die Interaktion mit den Dingen viel zu beglückend.