Mehr als zwei Wochen hatten wir nicht für unseren US-Roadtrip, der in Washington begann und nach ein paar klassischen sowie ein paar erklärungsbedürftigen Stationen wieder dort endete. Wo auch immer wir hinkamen in der erweiterten Hauptstadtregion, wehten amerikanische Flaggen, und sie haben uns ganz verschiedene Geschichten über das Land der Stars and Stripes erzählt.

Washington, DC: überall Flaggen – auf Halbmast

Washington, DC: Mall

Sonniger Sonntagvormittag an der Mall, der Prachtstraße von Washington, DC

Korean War Veterans Memorial

Gedämpfter Heroismus am Korean War Veterans Memorial

Washington, DC, emfping uns mit maximaler Beflaggung – und die ging uns seltsam nahe, denn die Fahnen hingen während unserer drei Tage in der US-Hauptstadt auf Halbmast. Einen Tag vor unserer Abreise hatte in einer Schule in Texas eine Schießerei mit zehn Toten stattgefunden, und es herrschte nationale Trauer. Auch in Deutschland hängen manchmal Flaggen auf Halbmast, aber wenn in der vor Fahnen nur so strotzenden Kapitale einer patriotischen Nation jedes Banner auf halbe Höhe gezogen wurde, gerät man ins Grübeln und ist gleich voll drin im Thema USA mit seinen schwierigen Konfliktpunkten wie dem Waffenrecht. Der Heroismus der großen Nationalmonumente, die sich als viel sehenswerter als erwartet entpuppten, kam in den Tagen unseres Washington-Besuchs etwas gedämpft herüber.

Pittsburgh: Nationalbewusstsein im Urban Jungle

Pittsburgh impression

In Pittsburgh suchen die US-Marines nach Nachwuchs

Pittsburgh: Randyland, rainbow flag

Randyland: ein alternativer Kunstort, in dem die Flagge auch mal Regenbogenfarben trägt

Rund 400 Kilometer sind wir gefahren, bis wir von Washington in Pittsburgh, Pennsylvania, waren. Eigentlich hatte ich die drei Nächte in Pittsburgh in unsere Reiseroute eingebaut, weil es einer meiner Lebensträume war, das 1935 von Frank Lloyd Wright über einem Wasserfall erbaute Haus Fallingwater zu sehen. Das grandiose Bauwerk, das auf diesem Blog noch einen eigenen Artikel bekommt, ist nicht weit entfernt von der Pittsburgh, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Stahlindustrie groß wurde. Von Pittsburgh selbst hatten wir nicht allzu viel erwartet, aber siehe da: Die Stadt schlug uns vom ersten Moment an in ihren Bann. Mit seiner Skyline und den schmalen dunklen Straßenschluchten, die noch viel vom Industriestadt-Flair haben, ist Pittsburgh so ungefähr das, was ich mir unter einer ur-amerikanischen Großstadt vorstelle. Flaggen gehören auch hier zum Grundinventar, allerdings schmücken sie keine nationalen Prachtgebäude wie in Washington, sondern das Straßenbild in seinen verschiedenen Facetten – vom dekorativen Truck (siehe Bild ganz oben) über Plakate, mit denen junge Menschen fürs US-Militär angeworben werden, bis hin zu dem kleinen alternativen Kunstpark Randyland, bei dem es die Stripes der Flagge nicht nur in klassischem Rot-Weiß, sondern auch in den LGBT-Regenbogenfarben gibt.

Historisches Virginia: Kolonialer Fahnenschmuck

Charlottesville: Michie Tavern

Patriotisch, idyllisch, lecker: die Michie Tavern in Charlottesville

Colonial Williamsburg: colonial flag

In Colonial Williamsburg weht, historisch korrekt, die Kolonialflagge

Nachdem wir von Pittsburgh 500 Kilometer in Richtung Virginia zurückgelegt hatten, fanden wir uns auf überaus historischem Terrain wieder – und hatten erstmals im Leben die Südstaaten der USA erreicht. Unser Hauptanlaufpunkt war die Stadt Charlottesville, wo Thomas Jefferson, der legendäre dritte Präsident der USA, auf seinem Landsitz Monticello residierte und wo derselbe Jefferson außerdem die University of Virginia gründete. Nach der Macht- und Prachtstadt Washington und dem alten Industriestandort Pittsburgh war die grüne, beschauliche Universitätsstadt Charlottesville die perfekte Abrundung unserer Drei-Städte-Tour. Charlottesville verfügt über eine belebte Fußgängerzone mit vielen Buchläden, ein fantastisches kulinarisches Angebot und eine große Begeisterung fürs historische Erbe, das die Architektur der Stadt bestimmt. Die Michie Tavern war unsere erste Begegnung mit der amerikanischen Liebe zum Reenacting: dem Nachspielen historischer Epochen, das Geschichte lebendig machen soll. Das Personal ist kostümiert, die – sehr leckeren – Gerichte lehnen sich an alte Südstaaten-Traditionen an. Ein Mekka des Reenactment ist Colonial Williamsburg, wo wir nach unseren drei Charlottesville-Tagen eine Nacht zubrachten. Die ehemalige Hauptstadt der britischen Kolonie Virginia wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf Betreiben – und mit dem Geld – von John D. Rockefeller Jr. wiederaufgebaut und ist seither als lebendiges Museum einer der großen touristischen Anziehungspunkte der Capital Region, der erweiterten Haputstadtregion der USA.

Chesapeake Bay: Alltagspatriotismus

Eastern Shore: Cape Charles

Ein ganz normaler Frühsommertag in Cape Charles an der Chesapeake Bay

Chincoteague Island

Amerikanisch und ein wenig gothic: Feriendomizil auf Chincoteague Island am Atlantik

Nach ziemlich viel Kultur und Geschichte standen unsere letzten beiden Reisetage im Zeichen des Chillens – und zwar an der Chesapeake Bay. An dieser riesigen Flussmündung, die in der Geschichte der frühen Siedler der USA eine große Rolle spielt, gibt es nette kleine Städtchen mit Urlaubsflair und herrlichen Meeresfrüchten. Uns hat es aufs Eastern Shore verschlagen, eine Art großer Halbinsel zwischen der Bay und dem offenen Atlantik, die teils zu Maryland, teils zu Virginia gehört. Die Flaggen in dieser beschaulichen Gegend fungieren als schmucke Dekoration schmucker Häuser – und, wie überall während unserer Tour, als Elemente des Verpackungsdesigns. Denn unsere Reisezeit schloss nicht nur den Memorial Day ein, am dem landesweit der in Kriegen gefallenen US-Soldaten gedacht wird, sondern ließ auch schon etwas vom Trubel um den Unabhängigkeitstag am 4. Juli erahnen.

American supermarket

Süßigkeitenregale zwischen Memorial Day und dem 4. Juli