Fallingwater. Für das berühmteste Gebäude von Amerikas berühmtestem Architekten sind wir – Mutter, Vater, zwei Teenager-Töchter – durch die Wälder Pennsylvanias gefahren. Es hat sich gelohnt. Für alle.

Im üppigen Grün von Pennsylvania

Fallingwater besuchen
Unser erster Blick auf Fallingwater

Wir stehen vor einem der bedeutendsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts, und wir stehen mitten in der Natur. Hier, in Mill Run, etwa 100 Kilometer südöstlich von Pittsburgh, umwuchert Pennsylvania uns mit üppigem Grün. Zwischen Ästen scheint gelblicher Stein auf. Bevor wir uns einen richtigen Blick auf das Meisterwerk von Amerikas berühmtestem Architekten Frank Lloyd Wright verschaffen können, nimmt uns die Akustik des Ortes gefangen. Hier rauscht es, und zwar laut. Kein Wunder, immerhin hat Fallingwater seinen Namen der Tatsache zu verdanken, dass es über einem Wasserfall erbaut wurde. Was das allerdings bedeutet, kann man erst begreifen, wenn man da ist.

Das Wochenendhaus, das Architekturgeschichte schrieb

Fallingwater mit Teenagern
Durchgang zu einem der vielen Balkone von Fallingwater
Fallingwater: organic architecture
Draußen und drinnen derselbe Stein / (c) Christopher Little, courtesy of the Western Pennsylvania Conservancy

1936 entwarf der fast 70-jährige Frank Lloyd Wright das Haus über dem Wasser für Edgar Kaufmann, einen wohlhabenden Kaufhausbesitzer aus Pittsburgh – als Wochenend- und Feriendomizil für ihn und seine Familie. Kaufmanns kunstsinniger Sohn hatte seine Eltern mit dem Architekten bekanntgemacht, nachdem er eine Zeitlang bei Wright in Illinois studiert hatte. Die Kaufmanns teilten nicht nur ihre Aufgeschlossenheit gegenüber moderner Gestaltung mit Frank Lloyd Wright, sondern auch ihre Liebe zur Natur. Die „Bear Run“-Gegend in den Laurel Highlands, in der Fallingwater liegt, begeisterte Kaufmann seit jungen Jahren. Wright erfasste den Reiz und die Eigenheit der Landschaft sofort, den Entwurf für Fallingwater soll er im Rekordtempo zu Papier gebracht haben. 1937, im Jahr nach den ersten Skizzen, war der Bau fertig, und er war ein Kunstwerk.

In Fallingwater verschwimmen die Grenzen zwischen Natur und Bau

Fallingwater, Pennsylvania
Fenster und Terrassentüren öffnen den Bau, wo immer möglich
Fallingwater
Leben in unmittelbarem Kontakt mit der Natur / (c) Christopher Little, courtesy of the Western Pennsylvania Conservancy

Der 1867 geborene, 1959 verstorbene Wright steht für die Idee einer „organischen Architektur“, die sich in die weite amerikanische Landschaft einfügen sollte, und ein besseres Beispiel als das Haus der Kaufmanns lässt sich kaum denken. Fallingwater ist durchdrungen von der Natur. In flachen, übereinander geschichteten Ebenen liegt es am Hügel, großteils erbaut aus dem Stein, den die Landschaft hergibt. Dieser Stein – horizontal geschichtet wie das Haus selbst – löst die Grenzen zwischen Innen und Außen auf; er ist tragendes Baumaterial und gleichzeitig das entscheidende Gestaltungselement der Innenräume.

Wo ist draußen, wo ist drinnen?

Fallingwater: Interior
Auch die Gestaltung der Innenräume wurde sorgsam von Wright geplant / (c) Christopher Little, courtesy of the Western Pennsylvania Conservancy
Fallingwater: Architekturtrip
Wenn der Bau sich organisch in die Natur einfügt

Auch ganz konkret wechselt man, wenn man durch Fallingwater spaziert, ständig zwischen drinnen und draußen. Die Grundfläche der aus Beton gegossenen Balkone und Terrassen des Hauses ist ebenso groß wie die der Innenräume; Balkontüren und Fenster mit hervorragend ausgetüftelten Öffnungmechanismen gibt es in Hülle und Fülle.

Fallingwater von Frank Lloyd Wright
Architekturlegende im wuchernden Grün Pennsylvanias

Am amerikanischen Kamin

Im Winter kann es kalt werden in den Wäldern Pennsylvanias. Für diese Zeiten hat Wright im zentralen Wohnzimmer mit einem steinernen Kamin vorgesorgt – ein Lieblingsobjekt des Architekten, für den das offene Feuer das Herz eines Hauses war.

Frank Lloyd Wright: Fallingwater fireplace
Wright liebte Kamine / (c) Christopher Little, courtesy of the Western Pennsylvania Conservancy

So ein Kamin im Stein hat etwas Archaisches und sehr Amerikanisches: Pioniere waren vom offenen Feuer ebenso abhängig wie Cowboys und Indianer; feine Fireplaces wie in England waren in den frühen USA Erzeugnisse europäischer Zivilisation, auf die man keine Energien verschwenden konnte, solange es ums nackte Überleben auf dem neuen Kontinent ging. In den Kreisen der Kaufmanns ging es darum nicht, aber Wrights Kamine bringen einen Hauch von der Atmosphäre dieser Zeiten mit sich – genauso wie ein richtig rauchiges Barbecue.

Haus mit Geschichten

Auch über den Kamin hinaus hat Wright großen Einfluss auf die Gestaltung der Innenräume von Fallingwater genommen. Die offene Raumstruktur, die zu seinen Markenzeichen gehört, und die rohen Steine prägen die Wohnatmosphäre von vornherein. Außerdem tragen die Möbel die Handschrift des Architekten. Viele, darunter die zahlreichen fest eingebauten, wurden speziell für Fallingwater von ihm entworfen.

Fallingwater: American Architecture
Wenn Natur und Architektur miteinander verschmelzen
Frank Lloyd Wright: Kaufmann House
Wrights Möbel und die Kunstgegenstände der Kaufmanns / (c) Christopher Little, courtesy of the Western Pennsylvania Conservancy

Dies und viele andere Einzelheiten erfahren wir bei der Führung, an der wir teilnehmen – denn ohne Führung kann man Fallingwater nicht besichtigen. Unsere Töchter freut das zuerst wenig. Aber es ist nicht schlecht – zum einen aus organisatorischen Gründen, denn die Besucheranzahl ist groß, und das System der geführten Gruppen führt dazu, dass die ganze Anlage übersichtlich bleibt und kein unkoordiniertes Gewimmel entsteht. Außerdem hat unsere Führerin viel zu erzählen: nicht nur über Wrights Arbeit und über die zahlreichen Kunstgegenstände, die über das Haus verteilt sind, sondern auch über die Familie Kaufmann. Deren einziger Sohn übergab Fallingwater im Jahr 1963 dem Western Pennsylvania Conservancy, damit die Öffentlichkeit sich selbst ein Bild von einem der bedeutendsten Bauten des 20. Jahrhunderts machen konnte.

Unvergesslich

Fallingwater
Ein Landschaftskunstwerk

Genau das tun wir: ein Elternpaar, für dessen weiblichen Teil bei diesem Besuch ein Lebenstraum wahr wird, und zwei Teenager-Töchter, die die fast spirituelle Wirkung dieses gebauten Kunstwerks in der amerikanischen Landschaft gefangennimmt. Es ist nicht schlimm, dass viele Besucher da sind. Sobald man auf einer der Terrassen steht und das laute Rauschen des Wasserfalls hört, ist man allein mit sich, der Natur und diesem poetischen Stück Architektur.

Frank Lloyd Wright
Wright liebte die amerikanische Landschaft
Fallingwater, Mill Run
Auch die Umgebung von Fallingwater lohnt sich

Irgendwann ist die Führung zuende, aber zum Glück geht das Fallingwater-Erlebnis noch ein bisschen weiter. Wir laufen um das Haus herum und nehmen dann einen Pfad durch den Wald, der uns an den Fuß des Wasserfalls führt – und damit zu der ikonischen Sicht auf Fallingwater, die ganz oben in diesem Blogbeitrag zu sehen ist.

Fallingwater besuchen: INFOS

Fallingwater: Visitor Center
Im Visitor Center von Fallingwater ist alles erstklassig organisiert

Fallingwater liegt nicht auf den klassischen US-Roadtrip-Routen. Wir haben im Rahmen einer Reise durch die Capital Region der USA einen Abstecher ins – sehr lohnende – Pittsburgh gemacht, um das Haus von Frank Lloyd Wright von dort aus zu besuchen. Man fährt etwa 100 Kilometer Richtung Südosten durch herrliche Landschaften.

Fallingwater ist gut besucht, allerdings auch bestens organisiert. Wir haben unsere Tickets lange im voraus online gebucht, wozu ich jedem raten möchte, der den Weg auf sich nimmt, zumal Fallingwater zusammen mit sieben anderen Bauten von Frank Lloyd Wright nach unserem Besuch in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Vom 9. März bis zum 31. Dezember ist Fallingwater für Besichtigungen geöffnet – täglich außer mittwochs und nur im Rahmen von Führungen. Über die jeweils gültigen Preise, Öffnungs- und Tourenzeiten informiert die Website.