„Und? Habt ihr was gemerkt von Trump?“ Diese Frage wurde uns nach unserer USA-Reise des öfteren gestellt. Wir können nicht behaupten, besonders große Amerika-Kenner zu sein. Die Zahl unserer bisherigen USA-Trips ist zu gering, um uns zu kompetenten Vorher-Nachher-Vergleichsexperten zu machen. Und länger als zwei Wochen waren wir nie in den Vereinigten Staaten. Deshalb ist das hier nicht mehr als eine relativ zufällige Sammlung von Impressionen zum Thema „orange is not the new black“, wie Obama selbst es formulierte.

Die Obamas in der National Portrait Gallery von Washington

Wir hatten im Vorfeld von dem Hype gelesen, der um die im Februar 2018 enthüllten Gemälde von Barack und Michelle Obama (siehe oben) in der National Portrait Gallery von Washington entbrannt ist. Kehinde Wiley, ein afroamerikanischer Starkünstler, hat den ehemaligen Präsidenten inmitten üppigen, leuchtenden Grüns auf einem Stuhl sitzend gemalt. Wiley hat die poppig-heroische Darstellung schwarzer Amerikaner zu seinem Markenzeichen gemacht, und der zweifelsohne coole Obama eignet sich mit seiner lässigen Körpersprache bestens für Wileys Herangehensweise. Barack Obama hat den Künstler für sein offizielles Porträt selbst ausgewählt – ebenso wie seine Frau Michelle, die sich von Amy Sherald hat malen lassen. Sherald, ebenfalls eine farbige Amerikanerin, konnte sich im Vorfeld keines Starstatus‘ rühmen wie Kehinde Wiley, dennoch hat ihr Porträt der First Lady gelegentlich bessere Kritiken bekommen als das ihres Mannes. Während Barack Obama trotz seiner konzentrierten Miene auf Kehinde Wileys Porträt etwas von einer glatten Pop-Ikone im Businessanzug hat, wurde Amy Sheralds Bild für seine Komplexität und Eindringlichkeit gelobt. Einigen missfällt der etwas zurückgenommene, monolithische Ausdruck Michelle Obamas, während andere die Hintergründigkeit des Porträts loben: Immerhin ist hier ein Role Model für afroamerikanische Frauen gemalt worden, und wenn dieses Porträt eher Anlass für Fragen und eigene Gedanken gibt – umso besser. Erstaunlich ist der Hautton, den die Künstlerin der ehemaligen First Lady verleiht: Er ist eher grau als braun – wie bei allen schwarzen Personen, die Sherald malt. Sie möchte dem Thema Hautfarbe seine Eindeutigkeit nehmen.

Selfies mit Barack und Michelle

Kehinde Wiley: Barack Obama

Geduldiges Warten auf die Begegnung mit Barack Obama

Die immense Symbolkraft, die von den Porträts des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten und seiner ebenfalls schwarzen Frau ausgeht, ist unübersehbar. Als wir den Raum mit Obamas Porträt betreten, sehen wir vor dem Bild eine durch Absprerrungen in Reih und Glied gehaltene Schlange, die sich langsam vorwärtsbewegt. Jeder erreicht irgendwann die vordere Linie, von der aus er mit dem Präsidenten Aug‘ in Auge stehen kann – und für ein Selfie posieren. Die Selfiejäger sind übrigens, was die Hautfarben angeht, perfekt gemischt. Michelle darf nicht neben ihrem Mann hängen, denn der befindet sich zusammen mit seinen Vorgängern im Präsidententrakt des Museums. Vor der ehemaligen First Lady gibt es keine Absperrungen, aber auch hier jede Menge Besucher und viele, die Selfies machen. In diesem Fall vor allem Frauen. Man liest, die rituelle Enthüllung des Porträts eines aus dem Amt ausgeschiedenen Präsidenten habe selten für so viel Aufsehen gesorgt wie bei Obama. Wir bekommen den Eindruck, dass manch einer Barack Obama vor allem in Anbetracht seines Nachfolgers schmerzhaft vermisst.

Hauptsache Business: Präsidenten-Souvenirs

Washington, D.C., mit Kindern

Die Kioskbesitzer nehmen nicht eindeutig Stellung zur politischen Lage

Unsentimental sehen die Kioskbesitzer, die mit dem Verkauf von Washington-Souvenirs ihr Geld machen, die politische Lage. Meinen Töchtern fallen die friedlich nebeneinander hängenden Obama- und Trump-T-Shirts auf. Hinge Obama eineinhalb Jahre nach der Wahl seines Nachfolgers auch dann noch hier, wenn Trump nicht Trump wäre? Wir sehen niemanden, der eine der Kappen mit der Aufschrift „Trump. Make America great again“ kauft, aber bestimmt gibt es auch dafür Kunden. Die Nachfrage regelt hier immer noch das Angebot – egal, was Trump in der internationalen Wirtschaftspolitik so treibt.

Die Pizza als politisches Statement

Uns verschlägt es in die Pi Pizzeria, die nur wenige Gehminuten von der National Portrait Gallery entfernt liegt. Die Pizza ist hervorragend. Man kann wählen, ob man sie mit flacher Kruste will oder im Deep-dish-style, den unsere jüngere Tochter in Chicago lieben gelernt hat. Als unser Tisch räumlich mit vier auf Metallständern balancierenden Riesenpizzen ausgelastet ist, dauert es nur wenige Minuten, bis ich eine der Aufbauten zum Wanken bringe und eine noch fast vollständige Deep-dish-Pizza mit sattgrünem Spinat auf die Hose meiner älteren Tochter rutscht. Während von allen Seiten Hilfe kommt, erscheint aus den Tiefen des Restaurants ein Manager und erklärt, er werde die abgestürzte Pizza sofort neu für uns backen lassen. Oh no, sagen wir, thank you, das war doch alles unsere Schuld. Er schaut uns besonnen an, sagt irgendwie philosophisch: „It’s nobody’s fault“, und lässt sich das kostenfreie Servieren einer Ersatzpizza nicht nehmen. Hach, denken wir, so etwas würden wir in Deutschland nicht erleben. Und, um das mal etwas oberlehrerhaft anzumerken: Allein für solche Erlebnisse lohnt sich das Reisen mit Kindern.

Pi Pizzeria, Washington, D.C.

Kulinarisch und politisch erstklassig: die Pi Pizzeria in Washington, D.C.

Irgendwo an der Wand der Pi Pizzeria steht „Yes we can -PI“. Erfreulich, dass diese netten Pizzabetreiber Barack Obama offenbar vermissen. Was wir jedoch nach unserem Besuch erfahren, ist ungleich besser: Die Pi Pizzeria stammt aus St. Louis. Dort wurde Barack Obama während seines ersten Wahlkampfs eine Take-away-Pizza von Pi vorgesetzt. Er mochte sie, er rief in der Pizzeria an, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, und nachdem er gewählt worden war, ließ er die Pi-Betreiber im Weißen Haus Pizza backen. Inzwischen haben sie eine zweite Filiale in der Regierungshauptstadt aufgemacht – eben die, in der man tollpatschige Deutsche nicht mit Strafzöllen, sondern mit amerikanischer Großzügigkeit behandelt.

Anti-Trump-Devotionalien

Anti Trump Articles

Schwungvoller Handel mit Anti-Trump-Devotionalien

Der Kiosk unseres Hotels in Washington bietet einen hässlichen Troll in Trump-Gestalt an. Oho, denken wir. Bei der nächsten Station unserer Reise schärft sich das Bild: Offenbar hat sich eine ganze Industrie rund um den Anti-Trump-Artikel gebildet. In Pittsburgh geraten wir in Grandpa Joe’s Candy Shop. Grandpa Joe ist kein Fan des aktuellen Präsidenten. In den Regalen finden wir Trump-Hair-Zuckerwatte, Minzbonbons mit dem schönen Namen „Impeachmints“, den bereits bekannten Trump-Troll und, ganz schlicht, Klopapier mit dem Konterfei des Präsidenten. Selbst technische Gerätschaften gibt es: Ein kleines digitales Plastikgerät dient dem Countdown der Tage bis zum Ende von Trumps – hoffentlich einziger – Amtszeit.  Wir kennen Leute, die finden, man kann über Trump nicht lachen. Sie haben irgendwie recht. Andererseits freuen wir uns doch ein wenig über diese Anti-Trump-Devotionalien. Wobei wir nicht wissen, zu welcher Art von Scherzartikeln andere Präsidenten die Konsumgüterindustrie inspiriert haben.