„WIRKLICH, WIR KÖNNEN NUR UNSERE BILDER SPRECHEN LASSEN“: ein Zitat von van Gogh und gleichzeitig der Titel eines neuen Kunstbuchs ab etwa zwölf Jahren, das die Kunsthistorikerin Christine Traber und der Schriftsteller Ingo Schulze verfasst haben (erschienen im Hanser Verlag).

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„WIRKLICH, WIR KÖNNEN NUR UNSERE BILDER SPRECHEN LASSEN“ ist weniger ein Buch über Kunst als vielmehr ein Kunst-Lesebuch, dessen Texte Bilder erzählerisch begleiten. Zwanzig Gemälde werden gezeigt, zu jedem gibt es ein kurzes literarisches Lesestück: fiktive Briefe von oder an Maler oder Modelle, kleine Dialoge oder Szenen zwischen Betrachtern oder Bildfiguren, innere Monologe von Künstlern oder sogar leblosen Motiven. Gehalten stets in einem etwas altertümlichen Duktus, denn die Bilder des Bandes stammen sämtlich aus der Münchner Neuen Pinakothek und damit aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert.

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Da sinniert Monet über den Sog, den die Seerosen auf ihn ausüben, und ein würdiger Studienassessor beschwert sich bei Ferdinand Hodler über die Trostlosigkeit seiner Motive (Bild ganz oben). Solche Texte machen künstlerische und kunsthistorische Prozesse anschaulich.

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In den meisten der kleinen Kapitel geht es allerdings eher um erzählerische Miniaturen rund ums Dargestellte, um mögliche Hintergründe aus dem Leben der abgebildeten Personen und um die Situationen und Beweggründe, die zu Porträts geführt haben. Das liest sich schön, weckt Aufmerksamkeit für Bilddetails und ist sicher auch eine gute Ergänzung für Besuche in der Neuen Pinakothek. Was allerdings die Frage nach dem Wie, nicht nach dem Was des Abbildens angeht – eine Frage, die bei Künstlern des 19. Jahrhunderts wie bei Slevogt (Bild oben) durchaus wichtig ist -, bleiben diese Texte teilweise recht sparsam.

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Die Gestaltung des Buches baut Spannung auf; jedes der 20 kleinen Kapitel beginnt mit Bildausschnitten, die sich erst auf der jeweils letzten Seite zum kompletten Bild zusammenfügen lassen: eine schöne Idee, die zum Betrachten von Details anregt. Die gespenstische Ensor-Maske zum Beispiel nimmt man auf dem „Stilleben im Atelier“ wesentlich schärfer wahr, wenn man sie einmal allein, herausgelöst aus ihrem Kontext, angeschaut hat.