Zuletzt aktualisiert am 2. Oktober 2019 um 18:26

Jugendstil? Nicht gerade das Erste, woran man beim Thema Dortmund denkt. Doch wie sich herausstellt, ist die ornamentverliebte Kunstrichtung kein schlechter Ausgangspunkt, um dem Charakter der Ruhrpottstadt ein wenig auf die Spur zu kommen. Vor allem bis zum 23. Juni 2019, denn so lange läuft im Museum für Kunst und Kulturgeschichte noch die Jugendstil-Ausstellung „Rausch der Schönheit“.

Ein Jugendstil-Trip in den Ruhrpott?

Ausstellungsimpressionen: ornamentale Fliese; „Mutter und Kind“ von Hans Christensen; Gläser aus der Stiftung Dörte Schröder; Teppichfragment „Glockenblume“ von Josef Franz Maria Hoffmann

Ende letzten Jahres erschien in meinem digitalen Postfach eine Einladung zu einer Bloggerreise nach Dortmund. Anlass: eine große Jugendstil-Ausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte, kurz MKK. Nicht nur um die Schau selbst sollte es bei der Reise gehen, sondern auch darum, wie der dekorative Jahrhundertwende-Stil in der gerne mal grauen Ruhrpottstadt gewirkt hat.

Spannend, dachte ich. Zum einen habe ich mich während der letzten Zeit immer wieder gefragt, wie es sein konnte, dass diese eigenwillige Kunst- und Designrichtung, die doch nur einige Jahre über die Welt hinwegwehte, so unglaublich viele Spuren hinterlassen hat. Niemand wundert sich, wenn er in irgendeinem Provinznest eine herrliche Jugendstiltür findet, und die großen Städte Europas haben fast alle irgendwo die pflanzenhaft-verschnörkelten Fassadenelemente der Kunstrichtung aufzuweisen.

MKK Dortmund
Links: Vase mit Kastanienblätter-Dekor, Irdenware, glasiert, Gustavsberg bei Stockholm/Schweden, vor 1900. Vom Museum auf der Weltausstellung 1900 in Paris erworben. Rechts: Tänzerin, Albert Dominique Rosé, 1911, Ausführung Goldscheider, Wien. Beide: © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Zum anderen ist für mich als gebürtige Hamburgerin mit Wohnsitz in Baden-Württemberg das Ruhrgebiet eine exotische Gegend. Nach ein paar beruflichen Aufenthalten war ich vor einigen Jahren einmal mit der Familie im Ruhrgebiet: ein herrlicher Entdeckungstrip, der mich zu der Überzeugung gebracht hat, dass die Gegend so sympathisch wie überraschend ist und unbedingt noch weitere Reisen wert. Eine der größten Städte des Reviers jetzt von der Jugendstil-Seite kennenzulernen, schien mir ein spektakulär gutes Projekt.

Wie der Jugendstil nach Dortmund kam

Rausch der Schönheit, Dortmund
Der Eingangsbereich von „Rausch der Schönheit“ nimmt Bezug auf die Pariser Weltausstellung

Wenn es einen Kulminationspunkt für die Jugendstil-Bewegung gab, so war das die Pariser Weltausstellung im Jahr 1900. Sie war denn auch der entscheidende Startschuss für den Dortmunder Jugendstil. Albert Baum, der Gründungsdirektor eben jenes Museums, das uns jetzt einlädt, reiste zu der Schau nach Paris und kehrte mit diversen kunstgewerblichen Objekten ins Ruhrgebiet zurück. Nicht alle, aber die meisten von ihnen haben die Jahrzehnte überlebt und bilden den Einstieg in die Ausstellung „Rausch der Schönheit“ im MKK.

Der Weg, den der Jugendstil sich in der Statt Dortmund bahnte, ist eng mit den Eigenheiten dieser Kunstbewegung verknüpft: Der Stil zielte auf eine Durchgestaltung aller Lebensbereiche – von der Gabel bis zum kompletten Bürogebäude. Deshalb war es notwendig, dass nicht nur einige exponierte Künstler und Architekten ein Verständnis für die aktuelle Formensprache entwickelten, sondern auch die weitaus größere Zahl von Leuten, die Gebrauchsgegenstände herstellten. Die 1904 gegründete Dortmunder Handwerker- und Kunstgewerbeschule arbeitete eng mit dem Museum zusammen: Die Auszubildenden lernten anhand von Vorlagen, die sie hier sahen. Derartige Kooperationen verhalfen dem Jugendstil nicht nur in Dortmund zu beachtlicher Breitenwirkung.

Kunstrichtung mit Gebrauchswert

1909 waren es dann 14 Unternehmen aus kunstgewerblichen und haustechnischen Gebieten, die die Dortmunder Wohnungskunst-Ausstellung organisierten: eine Schau, die zwar den Verkaufsinteressen der beteiligten Firmen entsprang, die aber gleichzeitig der Geschmacksbildung des allgemeinen Publikums diente. Es waren keine elitären Institutionen, die den Jugendstil in Dortmund verbreiteten; er hatte viel mit dem städtischen Leben zu tun.

Dortmund: Damensalon der Aenne Glückert
Joseph Maria Olbrich entwarf das Zimmer für eine Dame 1907

Ein sehr schönes Beispiel für die Verankerung des Jugendstils im zeitgenössischen Alltagsleben ebenso wie für das berühmte Möbeldesign der Bewegung zeigt die Dortmunder Ausstellung mit dem Damensalon der Aenne Glückert, den der renommierte Designer und Architekt Joseph Maria Olbrich 1907 entwarf. Ausgeführt hatte ihn die Darmstädter Möbelfabrik, die Aenne Glückerts Vater gehörte und die sie später selbst führen sollte. Aenne Glückert hatte nach Dortmund geheiratet und vermachte den Damensalon nach ihrem Tod dem dortigen Museum. Das geschmackvolle Ensemble zeugt vom Stilwillen und auch vom Wohlstand des gehobenen Bürgertums. Und es scheint den oft geäußerten Vorwurf zu bestätigen, dass der Jugendstil als Reformidee zwar in alle Gesellschaftsbereiche hinein wirken wollte, dass seine Erzeugnisse de facto aber nur für die Wohlhabenden zugänglich waren.

Kunst und Kohle

Zeche Zollern, Maschinenhalle, Bruno Möhring
Hier von innen, ganz oben von außen: das Jugendstil-Portal der Maschinenhalle auf der Zeche Zollern

In Dortmund allerdings gilt dieser Vorwurf nur bedingt; hier kamen tatsächlich auch Arbeiter in den Genuss der modernen Kunstbewegung. Dortmunds größte Jugendstilanlage nämlich ist mit der Zeche Zollern ausgerechnet eine Kohlebergwerk, und ihr berühmtestes Detail ist die Maschinenhalle des Architekten Bruno Möhring mit ihrem spektakulären verglasten Eingang (siehe auch Bild ganz oben im Artikel).

Die Schachtanlage II/IV der Zeche Zollern wurde von 1898 bis 1904 gebaut – und sie wurde von Beginn an als „Musterzeche“ konzipiert, mit der ihre Betreiber ein repräsentatives Zeichen setzen wollten. Um das ästhetische Wohlbefinden der Arbeiter ging es bei diesem „Schloss der Arbeit“ weniger, wenngleich auch im Sinne der Jugendstil-Reformer argumentiert wurde, dass eine schöne Umgebung sich positiv auf die Menschen auswirken müsse, die darin ihr Tagewerk verrichteten.

Maschinenhalle Zeche Zollern
Der Architekt Bruno Möhring baute die Maschinenhalle der Zeche
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Durchästhetisiert bis ins Detail: die Maschinenhalle der Zeche Zollern

„Die Zeche Zollern ist unser Neuschwanstein“

Heute ist die Zeche Zollern II/IV Museum und heißt mit vollem Namen LWL-Industriemuseum Zeche Zollern. Während wir über das ruhige Gelände streifen, das mit seinem Wechsel aus schmuckvollen Backsteinbauten und Fördertürmen einen enormen Reiz ausübt, geben wir uns immer wieder Rechenschaft darüber, dass wir uns das wirkliche Arbeitsleben an diesem Ort aus heutiger Perspektive nicht vorstellen können. Allerdings hilft es, dass in vielen der Bauten Ausstellungsareale untergebracht sind, die Themen rund um den Bergbau im Ruhrgebiet beleuchten: sehr gut aufbereitet, sehr zugänglich. Unbedingt möchte ich mit meiner Familie wiederkommen. Für unsere Teenager-Töchter sind die Museumspräsentationen gut geeignet, für kleinere Kinder gibt es spezielle Angebote. An irgendeiner Wand ist ein Satz des Journalisten Fritz Pleitgen zu lesen: „Die Zeche Zollern ist unser Neuschwanstein.“ Das, scheint mir, sagt einiges über eine Region aus, die Industriedenkmäler hat und keine Königsschlösser braucht.

Industriedenkmal Zeche Zollern
Industriedenkmal Zeche Zollern

Eine Bloggerkollegin aus Nordrhein-Westfalen erklärt mir, dass die Zeche Zollern für Leute aus der Region ein gängiges Ausflugsziel sei, das man immer wieder einmal besuche – und man beschließe solche Tage gewöhnlich mit einer Mahlzeit im Restaurant Pferdestall, das auf dem Gelände der Zeche gelegen ist. Auch wir kehren dort ein und freuen uns an der sehr reellen und sehr schmackhaften Ruhrpottküche. Die Dortmunder Salzkuchen mit Mett – knusprige Kümmelbagels mit Tartar, wie man sie andernorts nennen könnte – würde ich gern in den Süden importieren.

DortmunderSalzkuchen
Dortmunder Salzkuchen im Pferdestall

Im Rausch der Schönheit oder: Perlen fischen

Die Organisatoren der Jugendstilausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte verhelfen nicht nur uns Bloggern zum Besuch der Zeche Zollern, sondern sie fordern ihr Publikum generell dazu auf, anlässlich der Schau „Rausch der Schönheit“ den Jugendstil in Dortmund zu endecken. Zu diesem Zweck hat das Museum ein umfassendes Begleitprogramm entwickelt. In dessen Rahmen bietet es geführte Spaziergänge, Rad- und Bustouren an – und auch eine App, mit Hilfe derer man eine selbstgeführte Stadtralleye durch den Dortmunder Jugendstil unternehmen kann.

Altes Sudhaus Dortmund
Im historischen Sudhaus der Hansa-Brauerei

Wir bekommenen einige Perlen zu sehen: das historische Sudhaus der Hansa-Brauerei etwa, das heute zum Brauerei-Museum gehört. Es stammt von 1912 und besticht einerseits durch seine raumgreifenden Kupferkessel, andererseits durch ein Jugendstil-Mosaik. Warum man an diesem Ort solche dekorative Pracht findet, erklärt uns der Museumsführer: Die Industriebarone, meint er, hätten sich gedacht, sie wollten „auch mal ein bisschen auf schön machen“. Und das bedeutete damals offenbar: auf jugendstilig.

Eines der Dortmunder Highlights der Jahrhundertwendezeit ist die Immanuelkirche im Stadtteil Marten, und auch die schließt man uns auf. Wir finden uns in einem märchenhaften Raum voller Ornamente unter einer weiten Kuppel. Zwischen 1906 und 1908 wurde die Kirche erbaut, ihr Architekt war Eugen Fritsche.

Immanuel-Kirche, Dortmund-Marten
Blick nach oben in der Immanuel-Kirche
Jugendstilkirche Dortmund
Jugendstil im Stadtteil Marten: die Immanuel-Kirche
Jugendstil in Dortmund
Im Rausch der Ornamente

Während unser Grüppchen auf den Spuren des Jugendstils durch Dortmund wandelt, hier noch ein paar herrliche Hausfassaden fotografiert und auf dem Ostenfriedhof die Grabskulpturen des Künstlers Benno Elkan bewundert, geraten wir alle sehr mühelos und mit großer Begeisterung in den Rausch der Schönheit.

Gleichzeitig wird in unseren Gesprächen immer wieder – und zwar gerade von Dortmundern, die ihre Stadt lieben – erwähnt, dass Dortmund nicht eigentlich schön sei. Ob man das so stehen lässt, hängt natürlich vom jeweiligen Schönheitsbegriff ab. Fest steht, dass Dortmund keine Postkartenschönheit ist. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, und Industriestädte sind nie so pittoresk wie Fachwerkdörfer.

Es ist anders, denke ich mir als nach wie vor ziemlich blutige Ruhrgebiets-Anfängerin. Es ist eher so, dass man bei Reisen in diese Gegend etwas übrig haben muss für das Kantige, Nicht-Gefällige, und dass man gleichzeitig mit Entdeckerfreude die Augen offen halten sollte für die vielen, ganz unterschiedlichen, oftmals völlig überraschenden Perlen, die überall auftauchen – für die Blumen im Revier, um es mit Herbert Grönemeyer zu sagen.

Benno Elkan, Ostenfriedhof Dortmudn
1904 schuf Benno Elkan die Grabskulptur „Die Wandelnde“

INFO: Jugendstil in Dortmund

Die Ausstellung „Rausch der Schönheit. Die Kunst des Jugendstils“ ist noch bis zum 23. Juni 2019 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund zu sehen. Das Museum ist sehr zentral gelegen; vom Hauptbahnhof ist man in fünf Minuten zu Fuß da. Öffnungszeiten sind dienstags, mittwochs, freitags und sonntags von 10.00 bis 17.00 Uhr, donnerstags von 10.00 bis 20.00 Uhr und samstags von 12.00 bis 17.00 Uhr. Der Eintrittspreis in die Ausstellung beträgt 6,00 Euro; für Personen unter 18 Jahren ist der Eitnritt frei.

Das Begleitprogramm, das Jugendstil-Touren durch Dortmund und in die Umgebung einschließt, lässt sich unter diesem Link downloaden. Um digital zu einer Route und netten Aufgaben für eine Dortmunder Jugendstil-Stadtralleye zu gelangen, lädt man zunächst die kostenlose App Actionbound herunter und gibt dann unter „suchen“ die Begriffe „Dortmund Rausch der Schönheit“ ein.

Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern sowie das Brauerei-Museum Dortmund bieten ausführliche Besucherinformationen auf ihren Websites.

Die Immanuel-Kirche in Dortmund-Marten ist außerhalb der Gottesdienstzeiten nicht geöffnet, jedoch werden regelmäßige Führungen angeboten. Infos hierzu finden sich auf der Website der Kirchengemeinde.

Disclaimer:

Den Dortmunder Jugendstil hätte ich ohne die Bloggerreise zum Thema „Rausch der Schönheit“ nicht entdeckt. Für die Einladung danke ich dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte ebenso wie Dortmund Tourismus und Anke von Heyl aka Kulturtussi. Was ich auf dieser Reise gesehen, gehört (und gegessen) habe, verdanke ich den Organisatoren; wie ich es erlebt habe und was ich darüber schreibe, oblag und obliegt mir persönlich.