Ich wollte allein nach Japan, ich wollte spannende kulinarische Erlebnisse, ich wollte mich nicht stundenlang für eine ausgiebige Mahlzeit ohne Begleitung in ein Restaurant setzen. Lauter Wünsche, die sich besser als erwartet miteinander vereinbaren ließen. Hier meine liebsten Alleinreise-Tipps zum Essen in Japan.

Ein Hoch auf, jawohl: Kaufhäuser und Bahnhöfe

Okonomiyaki
Deftiges japanisches Soulfood: Okonomiyaki

Langer Flug. Jetlag. Okonomiyaki. Drei Begriffe, die meine Erfahrung von Energieverlust und schlagartigem Auftanken zu Beginn einer Japanreise für immer auf den Punkt bringen werden.

Der Flug ging von München nach Tokio. Dann eine Busfahrt zu einer Uhrzeit, über die ich mir nicht wirklich im klaren war, bis zu meiner Unterkunft namens Tobu Hotel Levant im Stadtteil Sumida. Ein für die Jetlagbewältigung komplett kontraproduktives Schläfchen im Hotelzimmer. Und der erste Spaziergang – durch Wohngebiete zum nächtlich erleuchteten Tokyo Skytree. Der gigantische Fernsehturm – das zweithöchste Bauwerk der Erde – beherbergt in seinen unteren Etagen ein Einkaufszentrum und eine Restaurant-Etage. Eine solche findet sich in Japans größeren Kaufhäusern und Einkaufzentren fast immer, und das Angebot hat nichts mit den Food-Plazas europäischer Shoppingcenter gemein. In Japans dem Essen gewidmeten Kaufhausetagen reiht sich ein kleines, in sich abgeschlossenes Restaurant an das nächste, jedes ist einer eigenen Spezialität gewidmet, bedient werden die unterschiedlichsten Ansprüche. Für mich erweisen sich diese unkomplizierten Shoppingzentrums-Restaurants als perfekte Anlaufpunkte zum Essen in Japan während eines Solotrips. Sie sind nicht so sehr auf langes, zeremonielles Speisen ausgelegt wie andere Etablissements, außerdem rechnet man hier mit Touristen und hält meist eine englische Karte bereit. Gleichzeitig lassen sich hier ganz unterschiedliche Facetten der japanischen Küche durchprobieren.

Essen in Japan: Tokyo Skytree
Essen in Japan: Kaufhaus-Küche mit Street-Kitchen-Flair

Im Tokyo Skytree begann der kulinarische Teil meiner Reise mit Okonomiyaki. Das sind ganz wunderbare deftige Dinger, die man am besten mit Pfann- oder Eierkuchen vergleichen kann – stets zubereitet mit Kohl als einer Basisvariante. Okonomiyaki gibt es in vielen Varianten: mit Fisch, mit Fleisch und Gemüse. Garniert werden sie mit einer süßlich-würzigen Sauce. Im Okonomiyaki-Restaurant des Tokio Skytree sitze ich zusammen mit den anderen Gästen an einer Teppanyaki-Theke, an der unsere Bestellungen direkt vor unseren Augen zubereitet werden. Per Metallspatel transferieren wir Teile des Fladens auf unsere Teller. Und dann essen wir absolutes Soulfood, das mich komplett reanimiert.

Okonomiyaki sind eher Street Kitchen als feine Küche, doch wie so vieles in Japan sind sie eine Wissenschaft für sich und ein Feld für Könnerschaft. Im Zuge diverser Kaufhaus-Okonomiyaki-Erlebnisse erfahre ich so manches über regionale Unterschiede und den Stolz, der mit der Zubereitung dieser oder jener Variante verbunden ist.

Herbstliches Tempura
Saisonal essen in Japan: Herbst-Tempura im Bahnhof

Neben der ausgeprägten Leidenschaft für regionale Spezialitäten pflegen die Japaner eine innige Liebe zur saisonalen Küche. Die treibt ihre kommerziellen Blüten dort, wo selbst Süßigkeiten und Eissorten in Jahreszeiten-Specials aufgelegt werden. Das ist manchmal lustig – zum Beispiel, wenn die unterschiedlichsten Produkte in Ahornblatt-Form daherkommen. Es ist aber vor allem kulinarisch bereichernd, und zwar nicht nur dort, wo man hochklassig und hochpreisig speist. In der sehr sachlich eingerichteten Filiale einer Kette von Tempura-Restaurants bekomme ich ein herbstliches Menü von in zartem Teig frittiertem Seafood und Gemüse. Austern der Saison liegen in meiner Schale, außerdem Pilze, von deren Existenz ich bis dato nichts wusste, und Chrysantemenblätter. Für das Ganze zahle ich umgerechnet keine zehn Euro. Ich esse unzeremoniell und außergewöhnlich – in einem Bahnhof. Denn in den Gängen der größeren Bahnhöfe reiht sich, ganz wie in den Kaufhäusern, oftmals Restaurant an Restaurant.

Snacks, Streetfood, Sushi: das schnelle kulinarische Glück

Bento Box Japan
Auch die Bento-Box kommt im Herbstdesign: ein ästhetisches und aromatisches Highlight

Zu den Dingen, die ich liebend gern nach Deutschland importieren würde, gehört das Bento. Aus Filmen und Mangas kennt man die Bento-Boxen, die japanische Kinder mit in die Schule bekommen: Kästchen voller appetitlicher Häppchen, tausendmal gesünder, kreativer und schmackhafter als das deutsche Pausenbrot. Fertige attraktive Bento-Boxen gibt es überall in Japan zu kaufen. An den Bahnhöfen gehören riesige Bento-Auswahlen mit regionalen Spezialitäten fest ins Programm, und die Lebensmittelabteilungen der Kaufhäuser verkaufen diese Häppchen-Assortiments in Schachteln oder Körben, die man sofort mit Designpreisen auszeichnen möchte.

Das Innere ist vielseitig: Unterschiedliche Bento-Boxen haben unterschiedliche Schwerpunkte, und auch hier wird in der Speisenauswahl ebenso wie im Dekor aufs Saisonale gesetzt. Eine richtig gute Bento-Box ist nicht billig, und das ist auch berechtigt so. Unwillkürlich stoße ich allerdings auf einen kleinen Spartipp: An einem meiner Kyotoer Abende streife ich so kurz vor Ladenschluss durch eine paradiesische Lebensmittelabteilung, dass ich miterlebe, wie die Bento-Boxen gegen Tagesende reduziert werden.

Streetfood Japan Dango
Dango-Snack: frisch gegrillte Klößchen am Spieß, hier mit süß-salziger Sauce

Nach einem Tempelbesuch in Kyoto komme ich in beginnender Abendkühle und -dämmerung an einem Imbissstand vorbei, der Dango anbietet: gegrillte Reismehl-Klöße am Spieß. Ich bestelle eine Variante mit süß-salziger Sojasauce, mache schnell ein Foto und beiße hinein: das vollkommene Umami-Erlebnis flasht meine Geschmacksrezeptoren, ich höre schlagartig auf zu frieren und singe ein Loblied auf die Kohlenhydrate. Vor denen braucht man beim Essen im Japan grundsätzlich eher keine Angst zu haben, denn die meisten klassischen Gerichte bieten Proteine und Gemüse in Hülle und Fülle.

Sushi Bar Kyoto
Sushi: für uns Westler der ganz große Klassiker, wenn es ums Essen in Japan geht

Und dann ist da natürlich noch das Sushi: ein weites Feld, dessen Spanne vom günstigen Häppchen bis zur gastronomischen Nobelkreation reicht. Ich lasse mich gelegentlich in Sushi-Bars nieder und nehme mir Teller vom Laufband, auf denen teilweise recht vertraute Kombinationen aus Fisch und Reis liegen, teilweise aber auch mir unbekannte Dinge von rätselhafter, oftmals seltsam weicher Konsistenz. Diese Sushi-Bars sind optimal zum Herumprobieren. An jedem Sitzplatz ist ein Heißwasserhahn angebracht, außerdem stehen überall Holzkästchen mit einfachem grünem Pulvertee. Beides zusammen verrührt man im stets mitservierten Becher zu einem schlichten Grüntee, der bestens zum Essen passt. Irgendwann werde ich vielleicht einmal in die höheren kulinarischen Weihen des Sushiessens einsteigen, einstweilen jedoch bin ich zufrieden mit den Bars, deren Qualitäten allerdings relativ unterschiedlich sind.

Essen in Japan – eine Foodtour als Highlight

Essen in Japan: Food Tour Tokio
Eine klassische Izakaya wie diese hätte ich ohne die Foodtour mit Arigato Japan nicht gefunden
Food Tour Japan
Essen in Japan ist ungeheuer vielseitig – und oft deftiger, als man denkt

Eine Foodtour ist was Tolles. (Hier geht es zu einem Blogartikel über eine durch Brooklyn.) Aber noch nirgendwo, wo ich je war, erschien sie mir eine Foodtour so sinnvoll wie in Japan. Für einen meiner Abende in Tokio buche ich eine Führung bei Arigato Japan. Den Veranstalter, der in verschiedenen japanischen Städten Touren anbietet, finde ich im Internet, und schon online gefällt er mir. Offline erst recht.

Arigato Japan Food Tour
Die Stimmung ist gut, das Essen noch besser: im Tokioter Food-Himmel
Essen in Japan: Arigato Food Tour in Tokio
Japanese Style bedeutet nicht immer Klarheit und Purismus

An einem frühen Abend treffen wir uns am Bahnhof Yurakucho: acht Teilnehmer aus aller Welt und Yappy, unser Guide. Er ist Foodie durch und durch, spricht grandioses Englisch und hat ein gutes Gespür für all die Dinge, die uns Nicht-Japaner an der kulinarischen Kultur seines Landes interessieren. Yappy führt uns durch Shimbashi: ein Gewirr von schmalen Gassen voller Imbisse und Restaurants, das nur einige Gehminuten von Tokios Nobelviertel Ginza entfernt ist. Wir begeben uns in einen Strudel von Restaurants, Aromen und genüsslich essenden Gruppen, der mir schon während der Foodtour selbst wie ein einziger Rausch vorkommt. Wir ziehen von Location zu Location, probieren Gegrilltes, Gebratenes und Rohes. Wir halten Fleisch in einen Feuertopf, sehen einer junger Frau bei der Zubereitung des traditionellen Desserts Taiyaki zu – Teigtaschen, die mit süßer Rote-Bohnen-Paste-Gefüllt sind -, kaufen als Souvenir das delikateste Miso, das mir je untergekommen ist. Wir probieren unglaubliche maritime Spezialitäten aus dem tropischen Inselreich Okinawa im Süden Japans und besuchen ein alteingesessenes Luxusgeschäft für Senbei – Reiscracker – in Ginza. Keine dieser Adressen hätte ich als Touristin auf eigenen Faust entdeckt – und wenn ich doch durch irgendeinen Zufall vor der Tür von einem unserer Restaurants gelandet wäre, hätte ich aufgrund fehlender Japanischkenntnisse nichts mit dem Angebot anzufangen gewusst.

Der Abend, den ich gemeinsam mit völlig unbekannten Menschen verbringe, wird zu einem Fest. Jede und jeder von uns ist aufgeschlossen, hat Feuer gefangen für Japan und bringt eine Menge Interesse an der kulinarischen Kultur mit – sogar die zwei anwesenden mexikanischen Kinder. Unser Guide wiederum ist aufgeschlossen für unsere Lebenswelten außerhalb Japans und unsere Erfahrungen als Japan-Touristen.

Essen in Japan: Taiyaki
Süßes handgemachtes Dessert in Fischform: Taiyaki

Ich fühle mich während meines Solo-Trips nach Japan keineswegs einsam. Aber dieser Abend, an dem ich im Austausch mit Menschen, die ich nie wiedersehen werde, ein herrliches Kapitel Japan genieße, ist in sozialer und kulinarischer Hinsicht eine Sternstunde meiner Reise.

Auf meiner Japan-Reise gab es einen zweiten Tag, den ich der kulinarischen Kultur gewidmet habe: beim Besuch einer Teeplantage nahe Kyoto