… dann wären wir unter Umständen schwerreich. Zum Beispiel, wenn wir ein Spross der Händlerdynastie der Fugger wären – so wie Jakob Fugger, der den Beinamen „der Reiche“ trug und der Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts der bedeutendste Bankier Europas war.

Jakob Fugger, um 1519 gemalt von Albrecht Dürer

Jakob Fugger, um 1519 gemalt von Albrecht Dürer

Aber egal, wie groß unser Reichtum: Wir wären gläubige Christen und wüssten, dass irdische Güter weniger wert wären als unser Seelenheil. Deshalb würden wir uns auch um die Armen kümmern.

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Gar nicht so finster: Die Finstere Gasse in der Fuggerei Augsburg

Da es von denen viele mehr gäbe als von den Reichen, würden wir wahrscheinlich eher zu diesen Armen gehören. Wenn wir unschuldig in Not geraten, außerdem Augsburger und katholisch wären, könnten wir Aufnahme in die Fuggerei finden.

Wohnungseingang Fuggerei

Noch heute sind die Wohnungen in der Fuggerei bewohnt

Diese Sozialsiedlung hätte Jakob Fugger im Jahr 1521 für Menschen wie uns gestiftet. In den 52 sehr modernen zweigeschossigen Häusern könnten aus Augsburg stammende, unverschuldet in Not geratene Bedürftige für einen symbolischen Taler pro Jahr in würdigen Umständen leben. Als Bewohner der Fuggerei müssten wir am Tag drei Gebete für ihre Stifter sprechen.

Fuggerei Schlafzimmer

Bescheidene Behagllichkeit: ein Zimmer in der Fuggerei

Unsere Wohnungen wären einfach, aber sauber und behaglich. Wir könnten mit unserer ganzen Familie in einem der Fuggerei-Häuser wohnen und hätten eine geräumige Küche.

Küche in der Fuggerei

Schlicht, geräumig, funktional: eine typische Fuggerei-Küche

Wir würden staunen, wenn wir wüssten, dass die Fuggerei noch im frühen 21. Jahrhundert ihren Zweck erfüllen würde und dass katholische Augsburger dann für 88 Cent hier leben könnten und weiterhin ihre drei täglichen Gespräche für die Fugger sprechen müssten.

Fuggerei Augsburg

Eine Stadt in der Stadt

Weniger erstaunlich erschiene uns, dass die Fuggerei auch dann noch durch Tore vom Rest der Stadt abgeschlossen wäre, dass diese Tore abends um 22.00 Uhr geschlossen würden und dass Bewohner, die später nach Hause kämen, einen kleinen Obolus an einen Wächter entrichten müssten.

Sozialsiedlung Fuggerei

Seit dem 16. Jahrhundert gut erhalten

Mit der Gedenktafel für einen Mann, der mehr als hundert Jahre nach uns in der Fuggerei gelebt hätte, wüssten wir im frühen 16. Jahrhundert noch nichts anzufangen.

Fuggerei Augsburg: Mozarts Urgroßvater

Auch Mozarts Urgroßvater war ein Bewohner der Fuggerei

Und auch die Begeisterung der vielen Besucher, die im 21. Jahrhundert die idyllische Ruhe unserer Siedlung zu schätzen wüssten, die mitten in der Stadt läge und trotzdem von Vogelgezwitscher statt von Motorenlärm erfüllt wäre, würde uns verwundern. Motorenlärm?