Je oller, je doller: Wenn man als Fortysomething anfängt, parallel zur Tochter Bücher im Comic-Format zu lesen – hat man dann sowas wie Jugendwahn? Ich behaupte: nein. Sondern man hat eine Entdeckung gemacht.

Kultursnobismus und Comic-Format

Okay, ich bin vielleicht ein Kultursnob. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich in meinen jungen Jahren niemals Comics gelesen habe. Im Gegenteil: Ich war in meiner Eigenschaft als Kultursnob überzeugt davon, Asterix kennen zu müssen, aber ich war außerstande, mich mit dem Format mit den kleinen Bildern und Sprechblasen auch nur ein bisschen anzufreunden.

Deshalb beäuge ich meine in den letzten Monaten entstandene und stetig wachsende Begeisterung für Graphic Novels mit einem gewissen Misstrauen. Bin ich altersmilde geworden? Haben sich die Comics verändert? Letzteres scheint in der Tat der Fall zu sein. Experten schreiben, dass das Medium mit den Sprechblasen sich am Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem nicht mehr wegzudenkenden kulturellen Genre entwickelt habe. Bin ich also doch nur ein Opfer meines eigenen Kultursnobismus, das Comics in dem Moment lieben lernt, in dem sie zur Hochkultur erklärt werden?

Einstiegsdroge: Jane, der Fuchs und ich

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Aber zum Glück bin ich nicht alleine auf der Welt, und in unserem Haushalt lebt jemand, dem derartige verschrobene Überlegungen piepegal sind. Die erste Konsumentin einer Graphic Novel in unserer Familie war meine jüngere Tochter, und bei dieser Graphic Novel – von mir gekauft, schließlich hat sie einen wunderbar hochkulturellen Titel – handelte es sich um das unglaublich zauberhafte Mädchenbuch JANE, DER FUCHS UND ICH (Reprodukt Verlag) aus den Federn zweier Kanadierinnen: Fanny Britt hat es geschrieben, Isabelle Arsenault mit viel Poesie und Lakonie illustriert. Das Buch erzählt von Hélène, die von den Mitschülern gemobbt wird, weil sie angeblich zu dick ist. Sie findet Trost in Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“. Jane Eyre ist Hélènes Identifikationsfigur und ihre Freundin; während Hélènes eigene Geschichte in Schwarz-weiß gezeichnet ist, zeigen einige der schönsten Seiten des Buches eine Jane Eyre in warmen Farben – und zwar so, wie sie in Hélènes Imagination auftritt. Irgendwann jedoch kommt auch in das wahre Leben von Hélène Farbe: in Form eines leuchtend roten Fuchses. Er ist der Vorbote einer echten Mädchenfreundin, mit der Hélènes Leben richtig bunt wird.

"Jane, der Fuchs und ich": ein Mädchenbuch im Graphic-Novel-Format

Jane, der Fuchs und ich

Comic oder Graphic Novel?

Ob man kleine Bilder und Sprechblasen nun mag oder nicht: Dass die Geschichte von Hélène nur dank der Zeichnungen so anrührend ist, wie sie ist, kann niemand abstreiten. Doch ist sie auch ein Comic? JANE, DER FUCHS UND ICH wird als Graphic Novel verkauft, aber als ich das Internet nach dem Unterschied zwischen den beiden Genres befrage, stoße ich auf den geballten Zorn der Comic-Community. Die ist der Meinung, der Begriff „Graphic Novel“ sei reine Augenwischerei. Er wolle suggerieren, dass es sich bei dem gemeinten Buch um etwas handle, was zwar im Comic-Format daherkomme, aber hochwertiger sei – erzählerisch, künstlerisch oder beides. Dabei werde verkannt, dass viele Comics seit jeher hohe künstlerische Klasse, wichtige Themen und anspruchsvolles Storytelling böten.

Illustration sus der Graphic Novel "Jane, der Fuchs und ich"

Jane, der Fuchs und ich

Das will ich gerne glauben, und ich habe inzwischen begonnen, mich selbst davon zu überzeugen. Trotzdem gefällt mir der Begriff der Graphic Novel für Bücher wie das von Hélène und Jane Eyre: Er klingt nach weniger Action und mehr Ruhe als das Wort Comic. Wobei ich annehme, dass eingeschworene Comic-Fans dieses Argument nicht durchgehen lassen würden. Meine Tochter jedenfalls nähert sich dem Phänomen von einer unbefangeneren Seite: Sie hat die Bände der Serie GREGS TAGEBUCH von Jeff Kinney mit Hingabe verschlungen und kennt das bildlastige Storytelling vor allem daher. Dass Text-Bild-Mischformen bei Kinderbüchern im Trend liegen, ist offensichtlich. Es gibt nicht nur GREGS TAGEBUCH und die vielen Folgephänomene, sondern auch die Romane von Chris Riddell und Brian Selznick, die ihre Geschichten auf je andere Weise sowohl mit Worten als auch mit Zeichnungen erzählen. Ob solche Bücher nun als Roman, Graphic Novel oder gar als Comicvariation bezeichnet werden, interessiert kein Kind.

Die Graphic Novel als Jugendbuch

Aus der Graphic Novel "Robert Moses"

Robert Moses

Ich selbst erlebte mein erstes Glück mit einem für Ältere gedachten Exemplar dieser Literaturgattung ohne festen Namen dank dem Buch ROBERT MOSES – DER MANN, DER NEW YORK ERFAND. Zwei Franzosen, der Autor Pierre Christin und der Zeichner Olivier Balez, haben die Biographie des New Yorker Baumeisters Robert Moses ins Comic-Format gebracht (erschienen bei Carlsen). Der Band ist eine Wonne für architekturbegeisterte Menschen – zum einen wegen der fantastischen Zeichnungen von New York mit ihrer leicht sepiahaft-nostalgischen Nuance, zum anderen wegen des spannenden Kapitels Zeitgeschichte, das er erzählt. Ich habe ROBERT MOSES bereits auf diesem Blog rezensiert – als Jugendbuch, denn der Carlsen Verlag empfiehlt es ab 14 Jahren. 14 scheint ein magisches Graphic-Novel-Alter zu sein: Viele der nicht auf Kinder zugeschnittenen Bücher werden für Jugendliche ab 14 empfohlen – auch dann, wenn ihre Thematik kein typischer Young-Adult-Literature-Stoff ist. Das mag daran liegen, dass das Comic-Format leichter zu lesen ist als sprachlich unter Umständen sehr komplexe bildlose Erwachsenenliteratur.

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Aber natürlich gibt es auch eine Reihe typischer Young-Adult-Romane unter den Graphic Novels. Die von Pénélopé Bagieu gezeichnete und von Boulet geschriebene Persönlichkeitsfindungs-Story WIE EIN LEERES BLATT (Carlsen) wurde von meiner kleinen Tochter trotz einer vereinzelten nicht-jugendfreien Szene lange vor der empfohlenen 14-Jahre-Schwelle genossen, und auch die jüngste deutsche Neuerscheinung von Bagieu findet sie wunderbar – obwohl der Stoff eher zur Generation vor der ihrer Eltern gehört: CALIFORNIA DREAMIN‘ (ebenfalls Carlsen) ist eine Comic-Biographie von Cass Elliot, der berühmten „Mama Cass“, ohne die es die Band The Mamas and the Papas und ihren Hit „California Dreamin'“ von 1965 nicht gegeben hätte.

Jiro Taniguchi

Jiro Taniguchi: "Die Wächter des Louvre"

Die Wächter des Louvre

Die Bücher des Japaners Jiro Taniguchi empfiehlt Carlsen ebenfalls ab 14 Jahren. Problematisch ist das nicht, aber ob 14-Jährige sie interessant finden, ist eine andere Frage. Taniguchi gilt als Manga-Künstler, doch Jiro Taniguchis Mangas sind anders als die, die man üblicherweise kennt. Seine Geschichten geben sich ruhig und nachdenklich; oft kreisen sie um emotionale und spirituelle Erfahrungen. Beim Lesen begleitet man seine stillen Protagonisten auf ihrem Weg durch atmosphärisch beglückende Szenerien voller feiner Details. Meist liegen diese Wege in Japan, aber nicht immer. In DIE WÄCHTER DES LOUVRE (Carlsen Verlag) ist der Protagonist fast traumwandlerisch unterwegs durch die Straßen von Paris und durch einen verlassenen Louvre, immer in Kommunikation mit einer verwirrenden Welt von eigentlich verstorbenen Künstlern und dem Geist der Nike von Samothrake. DIE WÄCHTER DES LOUVRE ist übrigens Teil einer Reihe von Louvre-Comics über das Museum, die der Louvre alljährlich bei einem renommierten Künstler in Auftrag gibt.

Für Franzosen und Belgier sind Comics keine Frage

Aus dem Mode-Comic "Jeune Fille en Dior"

Jeune Fille en Dior

Die Franzosen lieben ihre Bande dessinée, kurz BD, so der französische Begriff für Comic. Frankreich und Belgien sind die europäischen Länder, in denen sich das Genre seit langem als selbstverständlicher Teil der Buchwelt etabliert hat – und aus denen viele bedeutende Comiczeichner kommen. Wie die Französin Annie Goetzinger, die den Status einer Grande Dame des Mediums genießt. Ich genieße derweil ihr Buch JEUNE FILLE EN DIOR (verlegt bei Dargaud; auf auf Deutsch unter dem Titel EIN KLEID VON DIOR im Verlag Kult Comics erschienen): eine Story, die anhand der fiktiven Biographie einer jungen Pariserin vom Aufstieg des Hauses Christian Dior und seines „New Look“ erzählt. Also eigentlich eine Art historischer Moderoman, der durch Annie Goetzingers Zeichnungen zu so einem optischen Genuss wird, wie es dem Thema angemessen ist. Historische Romane in Comicform gibt es in Frankreich zuhauf – in Buchhandlungen finden sich ganze Regale davon, darunter viel für Kinder: Lehrreiches unterhaltsam verkauft. Das ist unter pädgagogischen Gesichtspunkten sicher eine gute Idee, aber ich mag das Dior-Buch vor allem, weil es so schön ist.

Comic-Architektur

Schuiten / Peeters: Brüsel

Brüsel

Themen wie Architektur, Kunst und Mode, die einen starken optischen Appeal haben, machen sich, wie ich feststelle, sowieso extrem gut in Comics oder Graphic Novels. Ich bin wahrlich nicht die Erste, der das auffällt; insbesondere Architektur spielt eine große Rolle in dem Genre: als Sachbuchthema wie bei ROBERT MOSES, vor allem aber in Form fiktionaler Stadtkulissen voller Dramatik. Legendär ist die Comic-Serie DIE GEHEIMNISVOLLEN STÄDTE, mit der der belgische Künstler François Schuiten berühmt wurde. Autor ist der Franzose Benoît Peeters. Kongenial zeichnet Schuiten urbane Sci-fi-Dystopien, die in nur wenig verschlüsselter Weise auf reale Städte Bezug nehmen – wie etwa in dem Band BRÜSEL (erschienen bei Schreiber & Leser). Beim Eintauchen in die Bilder fühlt man sich in eine Filmkulissen-Welt im Stile von „Metropolis“ und dem deutschen Expressionismus hineinversetzt, und überall dräuen einstürzende Neubauten: wilder Augenschmaus.

Aus dem Comic "Brüsel" von Schuiten und Peeters

Brüsel

Illustration und Storytelling

Hartgesottene Comic-Fans werden mich ob meiner ästhetizistischen Haltung gegenüber den Graphic Novels verachten, aber da sich das Medium sowieso gerade für jede Menge Neuerungen zu öffnen scheint, ist vermutlich auch Platz für solche Leser wie mich: Kultursnobs, die mit Superhero-Stoff einfach nichts anzufangen wissen, dafür aber Illustration und Storytelling lieben. Mehr und mehr Graphic Novels gehen in ihrer Bildsprache und ihrer Thematik schließlich über die bekannten Comic-Traditionen hinaus und finden eine ganz eigene Ästhetik.

Aus "Here" von Richard McGuire

Here

Komplett geflasht war ich nach der Lektüre des Buches HERE von Richard McGuire (Pantheon; auf Deutsch unter dem Titel HIER bei Dumont erschienen). HERE ist so etwas wie die experimentell-künstlerische Variante des Themas Comic: eine virtuose und verwirrende Zeitreise hin und zurück durch verschiedene Epochen, wobei jede Szene auf exakt denselben paar Quadratmetern in Amerika spielt. Dort tummeln sich Dinosaurier, leben Indianer, steht ein nobles Haus im Kolonialstil – und ist schließlich das Interieur einer Wohnung zu sehen, in der sich Familienszenen, Partys, Schlägereien abspielen. Auf einem doppelseitigen Panel finden sich oftmals Ausschnitte aus verschiedenen Zeiten, immer gekennzeichnet durch eine Jahreszahl. Die Spannweite reicht bis in die Zukunft – in eine Epoche, der offenbar eine Umweltkatastrophe vorausgegangen ist. HERE erzählt mit einer schwindelerregenden Struktur und wunderbar diskreten, reduzierten Bildern, die in manchen Fällen fast nach Hammershøj aussehen. Die Lektüre ist ein inspirierendes Erlebnis, das sich anders als alles Gewohnte anfühlt.

Richard McGuire: Here

Here

Spirituelle Panels

Meine kleine Graphic-Novel-Tour-de-Force wäre nichts ohne mein allerjüngstes Leseerlebnis: THE NAO OF BROWN von Glyn Dillon (Self Made Hero; auf Deutsch unter DAS NAO IN BROWN bei Reprodukt erschienen). Es geht um ernste Themen: psychische Krankheit, Identitätsfindung, Buddhismus. Und es ist auf jeder Seite optisch ein Darling von einem Buch: mit einer japanisch-britischen Protagonistin, die in London lebt und der japanischen Anime-Welt verfallen ist. Die entzückend aussieht, selbst wenn sich in ihrem Kopf Horrorszenarien abspielen. Sie zieht jeden Betrachter emotional auf ihre Seite und nimmt ihn mit in ihren Alltag, in dem sich Wahnvorstellungen, Freundschaft, Liebe, Familiengeschichten und Japanophilie mischen. Eine zentrale Rolle spielen spirituelle Erfahrungen, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass man sie so überzeugend in Comic-Form ausrücken könnte.

Glyn Dillon: The Nao of Brown

The Nao of Brown

Bild ganz oben: The Nao of Brown