Kunstgenuss; kurz, aber klasse: Im Ulmer Kunstverein hängt den Sommer über ein Wandteppich, und fast sieht es so aus, als wolle man den historischen Ausstellungssaal wieder so schmücken wie einst. Bis man Lara Croft auf dem Gobelin entdeckt.

Kleiner Lobgesang auf den Kunstverein

Erstmal etwas zu den Formalitäten: So ein Kunstverein ist eine fantastische Sache für Familien. Wir sind erst vor wenigen Jahren darauf gekommen, aber das Prinzip ist ideal für Ausstellungsbesuche mit Kindern. Zwanglos und kostenfrei (beispielsweise in Ulm) oder für einen zahmen Eintrittspreis kann man in einen Ausstellungsraum hineinschauen, der sich für die Bewohner von über 300 deutschen Städten vor Ort befindet – so viele Kunstvereine existieren. Alle paar Monate gibt es in dabei etwas Neues zu sehen. Dieses Neue stammt meist nicht aus der ersten Starkünstler-Liga – so reich sind Kunstvereine nicht -, ist aber oft mit großem Bedacht ausgewählt und zeigt abwechslungsreiche Seiten des zeitgenössischen Kunstschaffens. Das Ganze findet meist auf so überschaubarem Raum statt, dass man den Ausstellungsbesuch locker in einen Stadtbummel oder Spaziergang einbauen kann. Wie eine meiner Töchter sagte: „Eigentlich gar nicht so schlecht, so ein Kunstverein, man kann einfach mal hingehen und braucht nicht so lange wie im Museum.“

MargretEicherMargret Eichner und Adi Hoesle: „Kalibrierung 4“ im Kunstverein Ulm

Eine Tapisserie im Patrizier-Festsaal

Von maximalerÜberschaubarkeit ist die Ausstellung „Kalibrierung 4“, die der Kunstverein Ulm augenblicklich zeigt. Sie besteht im Wesentlichen aus einem Wandteppich und eine Tapete – abgerundet durch ein paar ergänzende Bilder und Statements. Margret Eicher hat die Tapisserie geschaffen, die sich sehr standesgemäß an der Wand des 500 Jahre alten Schuhhaussaales aus der Ulmer Patrizierzeit ausnimmt. Wandteppiche nach digitalisierten Vorlagen sind die Spezialität von Margret Eicher – allerdings zeigen sich nichts Historisches, sondern Figuren aus dem aktuellen Tagesgeschehen und Pop-Ikonen. Lara Croft aalt sich im Vordergrund des Ulmer Teppichs, sie ist umgeben von Persönlichkeiten wie Marlon Brando und Uma Thurman – und einem antikischen Jüngling. Bühnenvorhänge, Gardinen und historische Friese umgeben das Ensemble, dessen Grautöne an Schwarz-weiß-Fotos denken lassen. Die Idee, eine Tapisserie, die man in der Regel aus alten Barockschlössern kennt, mit Pop-Motiven zu versehen, hat einen erstaunlichen Effekt: Man bleibt stehen und schaut, was nicht der schlechteste Ausgangspunkt für ein gelungenes Kunsterlebnis ist. Geeignet für etwas größere Kinder und für Teenager, die sowohl mit einigen der abgebildeten Figuren als auch mit dem irritierenden Widerspruch zwischen Teppich-Form und Pop-Inhalt etwas anfangen können, ist so ein Kunstwerk allemal.

Tapeten aus Computerdaten

Margret Eicher ist nicht die einzige Künstlerin, die für die Ulmer Installation verantwortlich zeichnet. Adi Hoesle hat den Teppich auf eine gepixelt wirkende Tapete gesetzt, die sein grau-beiges Farbspektrum aufgreift. Tatsächlich hat Hoesle für seine Tapete per Computer Bildcodes des Gobelins analysiert und optisch umgesetzt. Dadurch wird die Teppich-Installation noch etwas irritierender: Zwar sieht man in ihrem Hintergrund eine pixelige Fläche, gleichzeitig wirkt die auch ein bisschen wie aus ungleichmäßigen Pinselstrichen zusammengesetzt: ein Eindruck, den man ohne das elegante Ambiente des Patrizier-Festsaals vielleicht gar nicht hätte. Oder doch?

WolfgangFladPatriziersaal mit vielen Möglichkeiten: Wolfgang Flad 2015 im Kunstverein Ulm

INFO

Die Ausstellung Kalibrierung 4 – Bild und Wirklichkeit läuft noch bis zum 4. September 2016 im Kunstverein Ulm, der nicht mehr als fünf Gehminuten vom Ulmer Münster entfernt ist