Wie ein Familientrip gen Osten zu einer Reise in die Tiefen der jüngeren deutschen Geschichte wurde.

RELIKTE DER TEILUNG: Plauen

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Als erste Station auf der Reise von Baden-Württemberg Richtung Osten stand ein Abstecher ins sächsische Plauen auf dem Plan, weil Mutter da vor vielen Jahren während des Studiums mal für einige Monate gearbeitet hat. Nach wie vor ein sehr schöner Ort; der Stadtkern aufgehübscht, ohne der Charakterlosigkeit vieler mittelgroßer deutscher Innenstädte anheimzufallen. An den Rändern für unsere Westkinder der erste bewusst wahrgenommene Eindruck von „typisch Osten“: Plattenbauten, wahnwitzig breite Straßen und nach wie vor einiges an unsaniertem Ost-Grau. Fazit: Die deutsche Teilung ist nicht nur ein historisches Faktum; man kann sie noch sehen.

WIEDERVEREINIGUNG: Berlin, East Side Gallery

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Es ist uns eigentlich ein bisschen zu voll vor diesem bemalten Mauerrest, aber einmal sollte man die East Side Gallery wohl gesehen haben. Außerdem ist sie an symbolischer Bedeutung kaum zu übertreffen: die Mauer, Inbegriff der geteilten Stadt, ein bedrohliches und düsteres Bauwerk, das jetzt ausgerechnet auf der früher streng bewachten Ost-Seite mit bunten Bildern bemalt ist – wie mit dem „Berlyn“-Motiv des bekannten, mittlerweile verstorbenen DDR-Illustrators Gerhard Lahr.

RAUES, COOLES WESTBERLIN: Berlin, Grips-Theater, „Linie 1“

Grips Theater: Linie 1, 17. Mai 2007. Achte Umbesetzungspremiere vom 17. April 2014.
(c) David Baltzer / www.bildbuehne.de

1986 wurde der Evergreen „Linie 1“ im Berliner Grips-Theater uraufgeführt. Im Westen lasen wir in dieser Zeit Christiane F. und tanzten zu „Ich fühl mich gut – ich steh auf Berlin“, der Hymne, mit der die Band Ideal das wilde Großstadtleben besang. In dieser Welt von Punks, Junkies und schrägen Figuren spielt das nach der U-Bahn-Linie 1 benannte Musical. Eine Jugendliche kommt aus dem Westen nach Berlin, um dort einen Rockmusiker zu suchen, der ihr die große Liebe versprochen hat. Auf ihrer Suche, immer entlang der Linie 1, begegnet sie Persönlichkeiten aller Art, vom Dealer bis zum Spießer, erlebt den Tod einer Drogenabhängigen mit und lockert die Kommunikation der Menschen in der U-Bahn durch ihre freundliche Naivität auf. „Du bis aus Westdeutschland“, sagt man spöttisch zu ihr, was die heutigen Kinder seltsam finden. War Westberlin nicht auch Westdeutschland? Kompliziert zu erklären… Obwohl „Linie 1“ unserer Zehnjährigen gefiel, ist die Story vielleicht eher etwas für Jugendliche. Eine Rockband macht die Musik, es gibt coole Tanzeinlagen.

ALLTAG IM OSTEN: Berlin, DDR-Museum

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Ein Publikumsmagnet, der sich lohnt und perfekt ist für Familien: Das DDR-Museum zeigt, wie der Alltag „drüben“ aussah. Von der Ost-Jeans über das Miniaturmodell eines Nacktbadestrands bis zum DDR-Sandmännchen reichen die Exponate; in einer Standard-DDR-Wohnung darf man sich niederlassen, Ost-Fernsehen schauen und Küchenschränke öffnen. Öffnen und benutzen lässt sich vieles in diesem Museum, das sich seiner Interaktivität rühmt und das zu den Museen gehört, in denen bei Kindern nicht schnell Langeweile aufkommt. Sogar hinters Steuer eines Trabi kann man sich setzen. Und auch etwas über Politik erfahren, gerne am eigenen Leib: in einer DDR-Gefängniszelle oder einem Stasi-Verhörraum.

SOZIALISTISCHE MACHT UND PRACHT: Berlin, Karl-Marx-Allee

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Auch im Arbeiter- und Bauernstaat wollte man Macht durch Architektur repräsentieren – und tat das im Falle der Berliner Karl-Marx-Allee, früher Stalinallee, paradoxerweise mit den gleichen Stilmitteln, mit denen früher das kapitalistische Bürgertum seinen Wohlstand gezeigt hatte: mit einem breiten Boulevard, gesäumt von großen, klassizistischen Wohnbauten. Getoppt wurde die Pracht noch durch Details des aus der Sowjetunion importierten Zuckerbäckerstils: Türmchen, Säulen und Verzierungen. Damit bekam der sozialistische Klassizismus eine fast zaristische Note. Die Karl-Marx-Allee ist breiter als die Champs-Élysées und war die letzte Prachtstraße, die man in Europa angelegt hat – außerdem einer der Orte, an denen der Aufstand des 17. Juni 1953 begann. Entlang der U-Bahn zwischen Frankfurter Tor, Weberwiese und Strausberger Platz lässt die Allee sich gut ganz oder zur Hälfte ablaufen.

ZWEITER WELTKRIEG: Seelower Höhen

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Nie werden wir dem Zweiten Weltkrieg näher kommen als in dem kleinen brandenburgischen Städtchen Seelow, nicht weit von der Oder und der polnischen Grenze. Am Rande des Ortes steht die Gedenkstätte Seelower Höhen – zur Erinnerung an die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Hier wurde der Großvater unserer Kinder verwundet, und hier wird Geschichte auf einmal zu einer persönlichen Angelegenheit. Für uns. Doch es gibt viele andere Besucher, die ohne solchen Bezug kommen, und auch sie geraten in eine beklemmende Nähe zu dem, was hier einmal geschah. Dafür sorgt ein kleines, intimes Museum mit vielen persönlichen Berichten von Soldaten und Anwohnern, das dokumentiert und sichtbar macht, was diesem Landstrich für immer eingeschrieben ist.

HOLOCAUST: Berlin, Jüdisches Museum

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Nochmal Berlin, Jüdisches Museum. Der zackige, splittrige Bau von Daniel Libeskind erzählt ohne Worte einiges über das Schicksal der Juden in Deutschland. Details erfährt man in der Dauerausstellung, die die zweitausendjährige Geschichte der deutschen Juden aufrollt – mit so vielen wissenswerten Einzelheiten, dass auch für Erwachsene ein einziger Besuch nicht reicht. Für nicht mehr ganz kleine Kinder ist beim ersten Mal das Untergeschoss am eindrucksvollsten, in dem es um die Judenverfolgung unter den Nazis geht. Am bewegendsten für unsere Töchter ebenso wie für uns ist die Installation „Shalechet – Gefallenes Laub“, die der israelische Künstler Menashe Kadishman konzipiert hat. In einem der spitzwinkligen Leerräume des Museums, die Libeskind als „Voids“ bezeichnet und die Raum geben wollen für persönliche Gedanken, ist der Boden bedeckt mit mehr als 10000 runden Eisenplatten. Jede hat die Form eines Gesichts, dessen Mund zum Schrei geöffnet ist. Man kann über diese Eisengesichter hinübergehen, was einen laut scheppernden Klang verursacht: eine Erfahrung, die man nicht vergisst und deren Bedeutung sich sehr unmittelbar erschließt.

HITLERS GRÖSSENWAHN: Residenzschloss Posen

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Die letzte Station unsere Reise ist das polnische Posen. Eine wunderschöne Stadt (Impressionen hier) mit einem Schloss, über dessen Schönheit sich streiten lässt. Kaiser Wilhelm II. hat es direkt vor dem Ersten Weltkrieg als Residenzschloss erbauen lassen, denn zur damaligen Zeit war Posen preußisch. Der kaiserliche Bau ist ein gigantischer Klotz im neoromanischen Stil, der allerdings nur zweimal von seinem Besitzer besucht wurde. Nach einem kurzen polnischen Intermezzo in der Zwischenkriegszeit kam das Schloss dem nächsten deutschen Herrscher über die Stadt ganz recht: Nachdem Hitler Polen besetzt hatte, ließ er sich das Schloss zur Führerresidenz ausbauen. Nach Kriegsende fanden die Sozialisten Hitlers Einrichtungsstil gar nicht so übel – mit dem Erfolg, dass das Posener Residenzschloss heute die besterhaltenen Beispiele nationalsozialistischer Innenarchitektur enthält. Hitlers Arbeitszimmer (Bild ganz oben) ist in dunklem Marmor mit antikisierenden Säulenreliefs gehalten. Erleuchtet wird es von fackelartigen Lampen aus Messing, von denen man im Schloss verschiedenste Varianten findet. Es gibt Marmorreliefs mit heroisch-muskulösen Jünglingen und über Bürotüren Steintafeln mit goldgemalten Ähren oder Tannenzapfen. Gut, das alles mal zu sehen. Aber auch gut, wieder nach draußen zu kommen in eine andere Zeit.

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