Selten mit so einem motivierten Kind im Museum gewesen. Es will das volle Kunsterlebnis, und zwar sofort. In der Eingangshalle des Pariser Palais de Tokyo, wo die Ausstellung „Inside“ (bis 11. Januar 2015) mit ihrem spektakulärsten Stück beginnt, heißt das: über eine Wendeltreppe in schwebende, milchigweiße, leise knisternde Plastikschläuche klettern, die ganz und gar aus Tesafilm bestehen. Sie bilden Tentakel und Löcher, sind mal weit und hoch, mal klein und eng und spannen sich auf einer Fläche von insgesamt 50 Metern durch die Halle.

44 Kilometer Tesafilm von der ganz normalen, schmalen Sorte soll die Künstlergruppe Numen / For Use für die Installation „Tape Tokyo“ verbraucht haben.

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Ist man einmal drin, fühlt man sich wie ein Höhlenforscher in einem weißen Neverland, losgelöst von der restlichen Welt, leicht verunsichert durch das beständige Knistern und Wanken unter einem und sportlich herausgefordert durch die unerwartete Rutschigkeit von Kleiderstoff auf Tesafilm.

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Warum ist diese Tesa-Installation so unendlich viel spektakulärer als jede Freizeitpark-Attraktion, die einen ähnlichen Erlebniswert bietet? Das muss an den Referenzen liegen: Immerhin ist „Tape Tokyo“ aus Klebestreifen! Und hängt in einem Museum! Wie cool das ist, leuchtet jedem Kind ein. Und, na klar, auch als Erwachsener fühlt man sich im Tesa-Schlauch etwas unsicherer als in bewährten Hüpfburg-Materialien. Genauso, wie das milchigweiße Höhlen-Innere einen ganz besonderen visuellen Reiz hat. Dennoch: Die Trennlinie zwischen Kunst-Spektakel und Kommerz-Spektakel ist gelegentlich etwa so dick wie ein Streifen Tesa.

(Wobei ich als Kunst-mit Kindern-Bloggerin trotzdem tendenziell pro Spektakelkunst bin, denn man will die Kids ja ins museale Boot holen. Dabei handelt es sich nicht um simple Köder: Werke wie „Tape Tokyo“ haben als extreme Ausprägung bestimmter künstlerischer Auffassungen durchaus ihren Platz im Museum.)