Die Kulturszene diskutiert über Kunstvermittlung: ein Thema, das auch den Bereich Kunst mit Kindern berührt.

Es wird debattiert – um Kunstvermittlung und Kinder in Museen

Seit Wolfgang Ullrich in der Zeit geschrieben hat, Kunstvermittlung führe zur Banalisierung der Kunst, wird diskutiert – zum Beispiel auf den Blogs Kultur – Museo – Talk, In Arcadia Ego und Let’s Talk About Arts.

Da das jugendliche Publikum der klassische Adressat für Kunstvermittlung ist, bezieht sich diese Diskussion auch auf das Unterfangen, Kindern Kunst nahebringen zu wollen.

Im letzten Jahr gab es in England bereits eine Debatte, in der darum gestritten wurde, ob Kinder überhaupt ins Museum gehörten, oder ob man ihnen nicht nur vortäusche, an der Hochkultur partizipieren zu können – mit der Gefahr, dass sie die Kunst in ihrem späteren Leben missachteten.

Und 2013 äußerte Julia Voss in der FAZ die Sorge, das aktuelle Bemühen der Museen um ein kindliches Publikum könne die Ausstellungshäuser dazu bewegen, verstärkt „kindertaugliche“, entschärfte Kunst anzuschaffen und dem Publikum dadurch das Radikale, Schockierende, das so eng zur Kunst gehört, mehr und mehr vorzuenthalten.

Ist es notwendig, Kunst mit Kindern anzuschauen?

Auch, wenn viele Künstler, Museumsleute, Lehrer, Eltern und Erzieher – mich inbegriffen – die Erfahrung gemacht haben, dass Kunst für Kinder sehr bereichernd sein kann und dass Kinder oft in der Lage sind, einen angemessenen Bezug zu Kunstwerken aufzubauen, darf man sich die Frage stellen: Wäre es nicht legitim, das Thema Kunst ins Erwachsenenalter zu verschieben und sich bis dahin damit zu begnügen, die Kinder gerade so intensiv mit den wichtigsten Werken und Namen der Kunstgeschichte bekannt zu machen, wie es halt zur Allgemeinbildung gehört?

Die Antwort heißt: Natürlich. Denn darin muss man Wolfgang Ullrich recht geben: Wenn Kunst als heil- und sinnstiftende Ersatzreligion verstanden wird, an der jeder Mensch jederzeit teilhaben muss, um ein erfülltes Leben zu führen, läuft etwas falsch. Ein Kind, das ohne Kunstmuseen aufwächst, ist deshalb kein Kandidat für geistige Mangelerscheinungen.

Aber es gibt ja auch den anderen Fall. Den von Eltern, Lehrern, anderen Erwachsenen, die aus eigener Leidenschaft heraus oder aufgrund persönlicher Auffassungen davon überzeugt sind, dass es gut ist, Kinder mit Kunst vertraut zu machen. „Vertraut zu machen“, das heißt: ihnen Kunstwerke zu zeigen und eine Brücke von ihrem Verständnis zum Bild, zur Skulptur, zur Installation zu bauen. Ohne ein wenig Vermittlung funktioniert Kunst mit Kindern nur selten.

Machen sich also all diese Erwachsenen, die Kinder ins Museum holen, mitschuldig an der Banalisierung der Kunst sowie an der Verharmlosung ihrer hochkulturellen beziehungsweise schockierenden Aspekte? Vielleicht sogar daran, den Kindern gegenüber das wahre Wesen der Kunst zu verniedlichen und ihnen damit für alle Zeiten das Verständnis dafür zu nehmen, dass Kunst „wehtun“ kann, darf und soll, wie Ullrich im Rekurs auf Adorno erwähnt?

Drei persönliche Gründe, die Kinder ins Museum mitzunehmen

Meine spontane und empirisch vielfach untermauerte Antwort auf diese Frage lautet: Blödsinn. Ich bin keine Museumspädagogin, war aber schon bei vielen Kunstvermittlungs-Programmen für Kinder dabei. Vor allem jedoch schaue ich selbst seit acht Jahren systematisch mit meinen beiden Töchtern – jetzt zehn und 13 – Kunst an.

giuseppepenoneÖkologie als Aufhänger: Baumstamm „Matrice di linfa“ von Giuseppe Penone

Dafür gibt es grosso modo drei Gründe:

Erstens habe ich mich selbst mein Leben lang für bildende Kunst interessiert, auch schon als Kind. Augen auf und Freude am Gesehenen haben, ab und zu mal etwas lesen oder hören – viel mehr war nicht nötig. Manche Dinge sprachen mich an, manche nicht, einige wurden ab einem bestimmten Alter interessant oder waren es nicht mehr: Alles kein Problem. Was aber spürbar war: Durchs Kunstanschauen übte sich das Auge in erheblich mehr als in sinnlicher Beobachtungsgabe; peu à peu kam ein Verständnis fürs Wie und Warum künstlerischer Kreativität hinzu, das die Weltwahrnehmung der heranwachsenden Person, die ich war, bleibend bereicherte. So eine Erfahrung möchte man selbstverständlich mit den eigenen Kindern teilen.

Zweitens habe ich nach ein paar Schlüsselerlebnissen mit meiner damals fünf-, beziehungsweise sechsjährigen älteren Tochter begriffen, wie schnell Kinder bei Kunst anbeißen können. Das hat, so meine Erfahrung, auch – aber beileibe nicht nur – etwas damit zu tun, dass Kinder selbst sich noch sehr viel mit den traditionellen Künstler-Tätigkeiten Malen und Modellieren beschäftigen. Ich erinnere mich, wie begeistert meine Tochter mit fünf beim Enträtsen des kubisch-futuristischen Gemälden „Meer = Tänzerin“ von Gino Severini in der venezianischen Peggy Guggenheim Collection war. Dass das unrealistische Bild ganz realistisches Wirbeln und Dynamik darstellte, war ihr völlig klar – nach einem einzigen kleinen Stichwort von mir. Solche Erlebnisse wiederholten sich. Warum wird Hässliches oder Schockierendes dargestellt? Um bestimmte Gefühle oder Gedanken im Betrachter zu wecken. Nägel von Günther Uecker? Ein Kind sieht schnell, wie spannend die subtilen Ergebnisse sind, die ein Künstler mit Baumarkt-Bedarf erzielen kann. Irgendwann kam dann meine damals vierjährige jüngere Tochter glücklich mit einer Postkarte von Mirós „Sonnenfresser“ von einem Ausstellungsbesuch mit dem Kindergarten nach Hause. Natürlich ist ein fröhliches Gesicht auf einem Bild mit farbigen Klecksen, das teilweise an eine Kinderzeichnung erinnert, prädestiniert dafür, einer Vierjährigen zu gefallen. Aber diese Vierjährige wusste sehr genau, dass es sich hier um eine andere Kategorie als um Selbstgemaltes handelte. Für mich war klar: Die Kinder bekommen dank der Kunst immer mehr Sinn dafür, wie vieldimensional unsere Wirklichkeit ist. Deshalb sehen wir uns regelmäßig zusammen Kunst an.

Mein dritter Grund für Museumsbesuche mit Kindern ist eigennützig: Seit ich auswähle, wohin ich mit ihnen gehe, und dann schaue, welche Kunstwerke ihnen etwas sagen und welche nicht, habe ich selbst noch einmal einen neuen Zugang zur Kunst bekommen. Das Kunst-mit-Kindern-Thema begeistert mich so sehr, dass ich darüber blogge. Mit Texten über Ausstellungen, Museen und Kunst-Fundstücke, die Kinder ansprechen, weil sie gute Aufhänger für das Verständnis und die Faszination aus Kinderperspektive heraus bieten. Und in der Hoffnung, anderen Familien Lust aufs und Mut zum Kunstanschauen zu machen. Sprich: Mit diesem Blog betreibe ich meine eigene hausgemachte Form der Kunstvermittlung.

Was soll man mit ihnen anschauen? Was nicht?

2010-1278-18_stubbs_egerton_40_0Tierkunst – typisches Kinderthema? George Stubbs‘ Zebra 

Womit wir bei den Fallstricken des heiß diskutierten Themas Vermittlung wären: Es gibt natürlich Gründe, aus denen ich bestimmte Museen oder Ausstellungen für einen Besuch mit meinen Kindern auswähle und hinterher vielleicht im Blog empfehle, andere aber nicht – schon hier fängt die Vermittlung an. Wenn die Kunst einen Bezug zu typischen Kinderthemen hat, ist mir das manchmal willkommen. So waren wir 2012 bei George Stubbs in der Neuen Pinakothek – wegen der Tiere. Kam allerdings wesentlich schlechter an als Georgia O’Keeffe am selben Tag in der Münchner Hypo-Kunsthalle. Ich nehme auch ganz gerne Kunst mit, auf der man herumklettern oder hüpfen kann. Wir sind auf William Forsythes Kunst-Hüpfburg „White Bouncy Castle“ in den Hamburger Deichtorhallen herumgesprungen und auf Antony Gormleys „Horizon Field“ am selben Ort geklettert. Im Pariser Palais de Tokyo haben wir ausprobiert, wie man durch Schläuche von Tesafilm krabbelt. Sprich: Meine Töchter kennen Kunst auch von ihrer spielplatzartigen Seite. Täuschen wir sie deshalb über die Wahrheit der Kunst? Nicht wirklich; immerhin gibt es ja Gründe, die die Künstler zur Installation von erlebnisorientierten Kletterkunstwerken bewegen – und die einem im besten Fall beim Klettern oder Krabbeln einleuchten. Und solange man Kunst nicht nur hüpfend mit Kindern genießt, gibt es auch keinen Grund für die Befürchtung, sie könnten die Hochkultur für einen Freizeitpark halten.

Wenn man andererseits mit Kindern solche Kunstwerke umschifft, in denen Gewalt und Sexualität eine verstörende Rolle spielen, dann verfährt man im Museum nicht anders als im Alltagsleben. Und wie im Alltagsleben betrügt man die Kinder nicht um die harten Wahrheiten, sondern führt sie langsam an sie heran. Tragen wir mit dem Besuch von Tier-Ausstellungen und Tesafilmtunnels dazu bei, dass die Museumswelt immer seichter wird und das Radikale in der Kunst untergeht? Ein Blick auf die Ausstellungsprogramme der letzten Jahre und der nächsten Monate nimmt uns diese Sorge.

Tun wir der Kunst etwas an, wenn wir sie Kindern auf ihrem Verständnislevel präsentieren?

WhiteBouncyCastle_Deicht2bearbNichts gegen Spaßkunst! „White Bouncy Castle“ von William Forsythe    (c) Deichtorhallen Hamburg

Aber banalisieren wir nicht wenigstens die Kunst, indem wir sie herunterbrechen auf den intellektuellen und emotionalen Entwicklungsstand unserer Kinder? Wird Hokusai trivial, wenn wir betonen, dass er ein Vorvater des Manga ist? Tut man Seurat unrecht, wenn man zusammen mit den Kindern die Raffinesse seiner Punkt-Methode bewundert? Verkürzt man die Bedeutung von Giuseppe Penone, indem man das ökologische Bewusstsein heutiger Kinder als Anknüpfungspunkt beim Betrachten seiner Arbeiten nimmt? Sehen sie Robert Longo als ihresgleichen, weil die Museumspädagogin nach einer Führung durch seine Kohlezeichnungen mit ihnen in Kohle gemalt hat? Oder entsteht dadurch im Gegenteil eine klarere Bewunderung für sein Können?

Keine Frage: Es geht auch ohne Kunst – im Kindesalter wie auch sonst. Aber wenn man Kunst als einen relevanten Teil unserer visuellen Umwelt sieht, kann man sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten: aus kindlicher, aus akademischer, aus genießerischer, aus bildungsbürgerlicher, aus Szene-orientierter und auch aus Anfänger-Perspektive. Kinder und manche andere brauchen – oder wünschen – ein bisschen Vermittlung und können vielleicht nicht die ganze Bedeutung des Gesehenen ermessen. Aber wer kann das schon?

ChupabÜberall Kunst! Sogar das Chupa-Chups-Logo wurde von Dalí entworfen

Bild ganz oben: aus Hanne Darbovens Installation „Kinder dieser Welt“