Acht Jahre lang hat die Illustratorin Antje Herzog an ihrer Graphic Novel LAMPE UND SEIN MEISTER IMMANUEL KANT gearbeitet. Jetzt ist das Buch in der Edition Büchergilde erschienen. Was für ein Glück! Wann bekommt man so viel 18. Jahrhundert, so viel erstklassige Illustration, so viel amüsante Historie auf rund 150 Seiten? Man schenke dieses Buch: sich selbst, allen einigermaßen kulturinteressierten Freunden – egal, ob sie eher auf Klassik oder auf Comic stehen – sowie sämtlichen Jugendlichen, die sich in der Schule mit der Welt des 18. Jahrhunderts herumschlagen.

Der private Philosoph

Lampe und sein Meister Immanuel Kant - Graphic Novel

Der Philosoph zu Hause: Antje Herzogs Graphic Novel über Immanuel Kant

Um es gleich vorwegzunehmen: LAMPE UND SEIN MEISTER IMMANUEL KANT ist keine Graphic Novel über Philosophie. Es ist ein Buch über den Menschen Kant – so, wie ihn sein Diener Lampe kannte. Sprich: eine Graphic Novel über das kantianische Alltagsleben.

Und, um auch das gleich vorwegzunehmen: Ich habe mal Philosophie studiert und vor allem Literaturwissenschaften. Ich bin sowohl akademisch als auch persönlich davon überzeugt, dass man nur verlieren kann, wenn man das Werk großer Künstler oder Denker über ihre Biographie zu verstehen versucht. Da Antje Herzog sich aber in keiner Weise anmaßt, das Denken Kants mit ihrer Graphic Novel zu interpretieren, vermeidet sie derartige Fallstricke.

Warum LAMPE UND SEIN MEISTER IMMANUEL KANT trotzdem ein grandioses Buch ist? Antje Herzog benutzt in ihrem Vorwort bescheiden das Wort „Gossip“: „Heute sind unsere Popstars durch die Medien omnipräsent. Wie aufregend ist es da, auf eine 300 Jahre alte Persönlichkeit zu stoßen, die durch historischen Klatsch und Tratsch wieder lebendig wird? Gossip, in Briefen und durch Zeitzeugen festgehalten! In ulkig abgewandelter Form und in der Sprache des 18. Jahrhunderts.“

Gossip aus dem 18. Jahrhundert

Antje Herzog Kant

Kants Lieblingsgerichte – bevorzugt genossen mit selbstgerührtem Senf

Wie recht sie hat. Wir sind von Gossip umgeben, er sollte uns eigentlich aus den Ohren herauskommen, aber wenn der Gossip aus dem 18. Jahrhundert stammt und dann auch noch von einem Schauplatz, an dem sich die Geschicke des westlichen Denkens entschieden haben, dann wird die Kolportage des Klatschs zu einer spannenden Zeitreise. Zumindest, wenn der Klatsch gut recherchiert und aufbereitet ist – und das ist er. Antje Herzog hat gelesen, was über das Leben des bedeutenden Philosophen bekannt ist, und sie präsentiert so viel wie möglich in Originalzitaten: in den Worten Kants und denen seiner Zeitgenossen. Dass dabei sowohl Kant als auch der Diener Lampe für ihre Äußerungen eine eigene Typographie bekommen, gehört zu den gestalterischen Qualitäten dieses Buchs.

Antje Herzog: Graphic Novel über Kant

Sorgsam recherchiert: Königsberg zu Zeiten von Kant und seinem Schüler Herder

Antje Herzog hat die Kleidersitten des 18. Jahrhunderts studiert und macht aus Kants geliebtem gelbem Gehrock die dominante Farbe ihrer ansonsten in Schwarz-Weiß gehaltenen Graphic Novel. Sie hat sich in die Wohnverhältnisse der damaligen Zeit vertieft und zeichnet sogar das alte, heute zerstörte Königsberg mit Stadtplan, Panorama und wichtigen Bauten. Ruck-zuck wird aus der Graphic Novel ein Bildungsroman.

Graphic Novel, Bildungsroman, Bilderbuch?

Antje Herzog Edition Büchergilde

Gelb wie das Licht der Aufklärung – und wie Kants Gehrock

Kant Edition Büchergilde

„Sapere aude“ – „Wage zu wissen“: Schlüsselworte der Aufklärung

Über meinen späten Einstieg in das Thema Graphic Novel habe ich auf diesem Blog schon einmal geschrieben. Wie auch immer man die Graphic Novel definieren will: Dass sie eine enge Verwandte oder auch ein Sprössling des Comics ist, dürfte weitgehend unbestritten sein. Seit ich LAMPE UND SEIN MEISTER IMMANUEL KANT gelesen habe, sehe ich die Sache in noch einem anderen Licht. Manche Graphic Novels scheinen sich auf dem Weg zu einer neuen Art von Büchergattung zu bewegen, deren Verbindung zum Comic mal stärker, mal weniger stark ist, die aber vor allem eins will: in einer kreativen Kombination von Text und Bild erzählen. Das Niveau der Illustrationen ist dabei oft phantastisch – ich persönlich habe das Gefühl, mir mit einer Graphic Novel wie der über Immanuel Kant ein bibliophiles kleines Kunstwerk ins Regal zu stellen.

Menschliches, Allzumenschliches

Immanuel Kant als Graphic-Novel-Held

Kerze, Lesestoff und Nachtmütze: eine feuergefährliche Kombination

Antje Herzog jedenfalls hat ihre Freude an den überlieferten Schrulligkeiten Kants und kostet die mit großer gestalterischer Wonne aus: seine strenge tägliche Routine, seine Abneigung gegenüber dem Ehestand, seine Empfindlichkeit gegenüber akustischen und anderen Störungen. Der jähe Abschied Kants von seinem Diener Lampe, den er nach 40 treuen Dienstjahren offenbar aus Gründen entließ, die über seine Trunksucht hinausreichten, bleibt auch in der Graphic Novel über Immanuel Kant ein Rätsel – und Teil eines herrlichen Sittengemäldes aus der Epoche der Aufklärung.

Antje Herzog Illustration

Per Graphic Novel durchs 18. Jahrhundert

Ein aufschlussreiches Interview mit Antje Herzog hat die Zeitschrift Page veröffentlicht

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