Es ist schwer, nicht zu grinsen. „Toll hier für dich, oder?“, frage ich meine elfjährige Tochter, die alles liebt, was süß ist. Sie schaut mich von der Seite an: „Du grinst auch wie ein Honigkuchenpferd.“ Stimmt. Meine Mundwinkel gehen gar nicht mehr nach unten. Schneller Blick auf die 14-Jährige: Die sieht genauso aus. Nur mein Mann bewahrt sich bis zum Ende unseres Besuchs im Tokioter Themenpark von Hello Kitty und Consorten einen leicht skeptischen Gesichtsausdruck.

TamaStationSchon der Bahnhof steht im Zeichen der Sanrio-Characters

Man darf so einiges erwarten, wenn man im Kernland der Kawaii-Kultur, die alles Niedliche zelebriert, den Themenpark besucht, in dem das wohl kawaiiste Wesen Japans zu Hause ist: Hello Kitty. Weshalb das Sanrio Puroland ziemlich weit oben auf unserer To-do-list für Tokio stand. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Stadtzentrum aus dauert ein bisschen, denn das Sanrio Puroland liegt in Tama New Town, einem Ort, der direkt an die Stadt Tokio angrenzt. Allerdings werden wir bereits im Bahnhof für die Anreise belohnt. Ob Hinweisschilder, der Aufzug oder der Stadtplan: Alles ist hier mit Hello Kitty und Consorten dekoriert. Klarer Fall: Diese Stadt gehört den Sanrio-Wesen.

Sanrio: das Kawaii-Imperium

SanrioPurolandThis is not America: Tama New Town

Sanrio ist ein Marketing-Imperium, dessen Erfolgsgeschichte 1974 mit der Erfindung von Hello Kitty begann, dort aber nicht haltmachte. Mit schöner Regelmäßigkeit kreiert das japanische Unternehmen seither immer neue, superniedliche Characters, die es dann mit allen Raffinessen des Merchandising vermarktet. Die meisten dieser Figuren haben einen begrenzten Lebenszyklus und verschwinden nach einigen Jahren wieder von der Bildfläche, um ihren Nachfolgern Platz zu machen, aber Hello Kitty und ein paar andere Klassiker haben überlebt, und sie wohnen im Sanrio Puroland zusammen mit diversen Newcomern, wie man zauberhafter gar nicht wohnen kann.

MyMelodyRoomMy Melody hat in diesem Jahr einen runden Geburtstag; man kann bei ihr Kuchen essen

Hello Kitty geht uns alle an

Auch die Menschen, die wir in diesem – überdachten, denn Japan ist ein regnerisches Land – Themenpark treffen, sind bezaubernd. Junge Frauen in fröhlichen Uniformen winken den Kindern dauerlächelnd zu, beziehungsweise: Sie winken nicht nur den Kindern dauerlächelnd zu, sondern auch den vielen, vielen, vielen Besuchern, die keine Kinder sind und die auch keine Alibi-Kinder für den Hello-Kitty-Ausflug bei sich haben. Denn Kawaii ist in Japan kein Kinderkram, Kawaii ist eine Lebensform, der vor allem junge Frauen verfallen sind. Und selbst wir Fortysomethings fühlen uns hier nicht wie obligatorische Begleiter, sondern wie vollwertige Besucher. Kawaii ist für alle da.

KawaiiKittyFotosession in Hello Kittys Salon

Wo die lieben Wesen wohnen

Wie umfassend die Kawaii-Kultur ist, begreifen wir mit jedem Schritt durchs Sanrio Puroland besser. Natürlich gibt es die typischen Themenpark-Attraktionen. Zum Beispiel eine Theateraufführung mit vielen plüschigen Figürchen. Oder die Bootsfahrt, die uns durch die Lebenswelten der verschiedenen Sanrio-Gestalten führt. Cinnamoroll, benannt nach der Zimtschnecke, macht den Anfang. Zusammen mit seinen Freunden backt er Kuchen, und meine Töchter schwören, dass die langohrigen Gestalten in echtem Teig rühren – sie behaupten, ihn zu riechen. Scheinbar gehen einem gewisse Illusionsfähigkeiten irgendwann zwischen 14 und 40 verloren.

PompompurinCinnamoroll: Backen als Lebensaufgabe

Was allerdings nicht für die Empfänglichkeit für magische Fantasiewelten gilt – und wenn sie auch noch so sehr auf Konsum abzielen. Ich bin es, die eine Wiederholung der Bootstour vorschlägt. Schließlich muss man sich das alles hier genau anschauen.

MyMelodyMy Melody hat etwas von Miffy, die auch ein großes Hello-Kitty-Vorbild war

Und eine Menge, ich betone, eine Menge Fotos machen.

HelloKittyParkSelbst die Bäume tragen hier Schleifen – ganz wie die süße Katze

Character Food

Von so viel Auf-den-Auslöser-Drücken bekommt man Hunger. Und das ist auch gut so, denn das Essen gehört zu den großen Attraktionen im Sanrio Puroland. Es hat Augen und Ohren, aber nicht so wie manchmal in Frankreich, wo man gelegentlich unangenehm deutlich mit der Anatomie des zu verspeisenden Tiers konfrontiert wird. Zu biologischen Realitäten herrscht hier eine beruhigende Distanz.

SanrioRestaurantWiener gibt’s auch in Japan – in Kyoto wurden sie als „Winner“ auf der Speisekarte geführt

Trotzdem fällt es nicht immer leicht, die Zähne in die Speisen zu schlagen.

219bWie gesagt: My Melody feiert in diesem Jahr irgendeinen runden Geburtstag

Hello Kitty und die Hochkultur

Zum Glück ist so ein Besuch in Hello Kittys Freizeitpark nicht einfach ein oberflächliches Vergnügen mit viel süßem Gebäck. Auch bildungsbeflissene Eltern können einen Tag bei Sanrio als pädagogisch wertvollen Familienausflug verbuchen. Denn Hello Kitty ist, wie wir lernen, durchaus eine Persönlichkeit der Hochkultur.

HelloKittyTeahouseHello Kitty kennt sich mit den alten Traditionen ihres Landes aus

So besitzt sie zum Beispiel ein eigenes Teehaus, in dem sie die jahrhundertealte japanische Teezeremonie zelebriert – ganz, wie es sich gehört: still im Kimono auf Tatamimatten kniend, in einem schlichten, rustikalen Pavillon, der von einem kleinen Garten umgeben ist. Einzig die traditionellen Rollbilder wurden durch einen großen Bildschirm ersetzt, der klassische Motive im Wechsel mit Kitty-Ansichten zeigt.

HelloKittyGauguinAuch Gauguin hat Hello Kitty – hier mit ihrer Zwillingsschwester – gemalt

Doch obwohl Hello Kitty eine waschechte Japanerin ist, ist sie auch in der westlichen Kulturgeschichte zu Hause. Ihr imposantes Lady Kitty House enthält eine ganze Kunstgalerie, in der wir erfahren, dass auch van Gogh, Degas, Gauguin und viele andere Hello Kitty auf ihren Bildern verewigt haben.

HelloKittyArtEine weniger bekannte Version von Edvard Munchs „Der Schrei“

Eine Katze für alle Lebenslagen

Obwohl Hello Kitty keinen Mund besitzt, gibt es in ihrem Themenpark einen Raum, der nur dazu da ist, Ja zu sagen: ein Zimmer, in dem man heiraten kann. Leder sehen wir nur das Schild an der verschlossenen Tür. Nicht auszumalen, wie es dahinter aussieht! Wir tippen auf Pink und Glitzer.

141Was für ein Jammer, dass ich schon verheiratet bin!

Aber auch für viel profanere Dinge bietet das Sanrio Puroland ein Umfeld von katzenhafter Eleganz. Adrett weisen Kitty und ihr Boyfriend Daniel den Weg zum stillen Örtchen. Hier ist die Mundlosigkeit ein passendes Signal für Diskretion, die in Japan ohnehin groß geschrieben wird.

HelloKittyWashroomDie possierlichsten Toilettenschilder der Welt

Was bleibt?

Von unserem Besuch bei Hello Kitty und ihren Freunden nehmen wir einiges mit – in jeder Hinsicht. Zum Beispiel außergewöhnliche Fotos. Auf einem sieht man eine lebensgroße Kitty, die unserer Tochter ein Autogramm auf ein kleines Polaroid-Bild malt.

LadyKittyHouseHello Kitty erfüllt auch Sonderwünsche – hier gibt sie ein Autogramm

Und obwohl ich eine ausgesprochene Aversion gegen Fotos von mir selbst habe, kann ich einem Shot im virtuellen Abendkleid im Boudoir des Lady Kitty House schlicht und einfach nicht widerstehen.

KittyDressBlogger zeigen ja gern mal Gesicht – dank Hello Kitty tue ich das jetzt auch

Auch eine Vertiefung unseres bisherigen Begriffs von Kawaii nehmen wir aus dem Sanrio Puroland mit. Wir haben am eigenen Leib erlebt, wie das Grinsen der Figuren sich auf uns überträgt. Wir haben gelernt, dass fast jedes Objekt Tierform annehmen kann. Begreifen deutlicher denn je, dass Friede, Freude und Kuchen eng zusammengehören: Eine erstaunliche Anzahl der Sanrio-Characters liebt es, zu backen – darunter auch Hello Kitty.

KirimiHighlight unter den Souvenirs: am Computer selbst bedruckte Namensetiketten

Natürlich haben wir auch den Eindruck, etwas über Japan gelernt zu haben. Über die sympathische Hemmungslosigkeit, mit der man sich dem Reiz des Süßen hingibt. Und über die hemmungslose Konsumfreudigkeit. „Ist ja schlimmer als in Amerika“, murmelt mein Mann, aber wir machen keine halben Sachen und shoppen wie die Locals.

KittysCupEin bisschen Alice-im-Wunderland-Flair: Hello Kittys Salon

INFO:

Das Sanrio Puroland ist vom großen Tokioter Bahnhof Shinjuku aus per Bahn zu erreichen – am besten mit der Keio Line. Von der Haltestelle Tama Center sind es nur einige Minuten zu Fuß. Die Wegbeschreibung findet sich auch auf der Website des Themenparks. Die einzige wirkliche Herausforderung besteht darin, im Bahnhof Shinjuku den Abfahrtsbereich der Keio Line samt den richtigen Fahrkahrtenautomaten zu finden. Es gilt die Devise, die uns in Japan immer geholfen hat: Durchfragen. Es gibt überall viel hilfsbereites Personal, dessen Engagement jede Sprachbarriere überwindet. Unsere Erfahrung: Es lohnt sich, einen knappen Tag für den Besuch einzuplanen

UND NOCH EIN BUCHTPP:

Der deutsche Autor und Japan-Kenner Andreas Neuenkirchen hat ein lesenswertes Buch geschrieben: HELLO KITTY – EIN PHÄNOMEN EROBERT DIE WELT, erschienen im Metrolit Verlag. Hier kann man alles über Hello Kitty erfahren: wo ihre kulturellen Wurzeln liegen, warum sie keinen Mund hat, wie sie so erfolgreich wurde und was die Feministinnen zu ihr sagen. Das Ganze ist nicht nur ein Buch über die weiße Katze, sondern eine unterhaltsame Einführung in die japanische Popkultur.