In Süddeutschland, wo wir leben, gibt es jede Menge Barockkirchen. Engel, Schnörkel, Gold in Überfülle: für den heutigen Geschmack viel zu viel. In den Augen von Kindern übertrieben, kitschig, befremdlich. Deshalb sind wir mit ihnen nach Neresheim gefahren, wo Balthasar Neumann 1745 mit dem Bau einer großen Klosterkirche begonnen hat. Dort sieht man dem Barock an, worum es ihm eigentlich ging.

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Eine Kirchenbesichtigung ist natürlich so ungefähr das Letzte, was man in einem Teen und einem Pre-Teen als sonntäglichen Programmpunkt schmackhaft machen kann. Und irgendwie fährt man dann doch los. Zum Glück macht das Kloster Neresheim aus der Ferne einen ziemlich grandiosen Eindruck und rechtfertigt sich damit wenigstens als würdiges Ausflugsziel: eine große hochkulturelle Anlage in einer kargen Landschaft, fast eine kleine Stadt für sich.

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Das Innere der Abteikirche von Balthasar Neumann: ein Riesenraum in blendendem Weiß, lauter wellig aneinandergereihte Ovale, darüber opulent ausgemalte Kuppeln.

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Die größte von ihnen erhebt sich über zierlichen Pfeilern und scheint wie von Zauberhand oben gehalten zu werden.

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Hat fast etwas von einer Porzellanschale.

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„Echt oder unecht, das ist hier die Frage“, befindet das jüngere Kind angesichts der Scheinarchitekturen und illusionistischen Effekte, die überall zu finden sind. Wie die aufs Mauerwerk gemalten Fenster, die sogar eine perspektivische Dimension haben.

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Psychedelische Schnörkel und Rocaillen in den Fensternischen machen die Orientierung auch nicht einfacher. Zumal sie zweidimensional sind, obwohl sie dreidimensional aussehen.

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Aber am verrücktesten finden wir die Pseudokuppel, die in eine der Kuppeln hineingemalt ist – und im absichts- und eindrucksvollen Missverhältnis zur realen Wölbung den Blick in ein imaginäres Außen eröffnet.

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Natürlich ist das hier Kirchenbesichtigen, aber es ist auch ein seltsamer Parcours durch eine bühnenartige Scheinwelt, die den Realitätssinn verwirrt und damit genau das bewerkstelligt, was das Barock wollte. Die architektonischen Wogen versetzen heute nicht mehr unsere religiösen Gefühle in Wallung, dazu ist uns dieser Stil einfach zu historisch und zu golden. Aber die Sinne geraten trotzdem in Bewegung. Könnte sein, dass Balthasar Neumann und der Freskenmaler Martin Knoller unsere Kinder für die Zukunft davor bewahrt haben, barocke Schnörkel nur als kitschigen Tand zu sehen.

Dieser Post ist mein Beitrag zu der Blogparade „#Raumgefühl: Architektur denken“, zu der Anett Ring auf ihrem Architektur-Blog Stadtsatz aufgerufen hat.

Hier geht’s zum Porzellanschloss Rastatt und der unterhaltsamen Seite des Barock