„Mein Kultur-Tipp für euch“ ist das Thema der Blogparade, zu der Tanja Praske aufgerufen hat. In meinem Blog geht es um Kultur mit Kindern und Teens, deshalb handelt mein Tipp von einem Ort in Paris, den meine 13-jährige Tochter und ich so bald wie möglich zusammen besuchen möchten.

Ursprünglich fuhren auf dem Viadukt im Südwesten von Paris Züge in Richtung Bastille. Heute werden in den Arkaden des Viadukts die Schirme der Zarenfamilie mit feinen Nadeln restauriert, Stoffe für die Haute Couture entwickelt, Instrumente gebaut. Und oben, wo früher die Züge fuhren, kann man mitten in Paris durchs Grüne spazieren. Zum Glück. Denn als man Ende der siebziger Jahre überlegte, was man mit der obsolet gewordenen Bahnstrecke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts anfangen sollte, war Abriss die erste Option. Bis man auf eine Idee kam, die sich als städtebaulicher Glücksfall erwies: Die Arkaden des Viadukts wurden mit Glas geschlossen und in Ateliers für Handwerkskünstler umgewandelt – unter dem neuen Namen Viaduc des Arts. Und aus der Bahnlinie selbst machte man die Promenade Plantée: einen grünen Weg, auf dem Fußgänger inmitten von Bäumen durch Paris flanieren können. Oder joggen.

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Michel Heurtault und die Schirme der Zaren

Es sind nicht irgendwelche Kunsthandwerker, die im Viaduc des Arts (12. Arrondissement, 1-129 Avenue Daumesnil) residieren. Immerhin liegt er in Paris. Deshalb trifft man hier auf Menschen wie Michel Heurtault. Heurtault war ursprünglich Kostümbildner – und Schirmesammler. Irgendwann wollte er wissen, wie Schirme per Hand hergestellt werden, aber er fand niemanden, der das Handwerk des Schirmemachers noch beherrschte. Also vertiefte sich Heurtault selbst so intensiv in die Geschichte und die Technik des Schirms, dass sein „Atelier de Parasolerie“ heute historische Regen- und Sonnenschirme restauriert, Filme ausstattet – und Einzelstücke herstellt, gern nach den individuellen Vorstellungen von Kunden. Das mag Luxus sein, aber wie so oft in Frankreich ist dieser Luxus zugleich ein Stück Kultur. Heurtault und seine Mitarbeiter verstehen sich wie kaum jemand anderes auf historische Formen und Funktionen von Schirmen, auf Unterschiede zwischen Schirmen verschiedener Kulturkreise und auf ihre gesellschaftliche Bedeutung.

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Taschen wie Kunstwerke, Ketten aus Silikon

Ein paar Arkaden weiter arbeitet Serge Amoruso. Er fertigt Taschen. Nach sieben Berufsjahren bei Hermès wollte er sich selbständig machen – mit noch exklusiveren Produkten. Amoruso fertigt ausschließlich Einzelstücke auf Kundenwunsch, und das komplett per Hand. Und natürlich aus höchst exklusiven Materialien. Die Haut des Perlrochens gehört zu seinen Spezialitäten. Amorusos Vorstellung von individuellen Objekten ist extrem: Wenn er die Schablone für ein Taschenmodell dreimal verwendet hat, vernichtet er sie. Damit rückt er einen Gebrauchsgegenstand in die Nähe eines Kunstwerks, das auch von seiner Einzigartigkeit lebt. Auf einmal wird dieses Ding, in dem man seinen Ausweis und sein Handy mit sich herumträgt, zu einem ganz persönlichen Gegenstand, in dem die eigenen Vorstellungen, die Könnerschaft und Passion des Kunsthandwerkers und die Tradition seines Berufs stecken.

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Weniger traditionell, aber höchst pariserisch sind die Stücke von Tsuri Gueta. Gueta arbeitet mit Silikon. Für die Haute Couture stellt er außerordentliche Gewebe her, bei denen er Silikon und Textil mittels einer von ihm entwickelten Technik verbindet. In seiner Boutique im Viaduc des Arts kann man Schmuck kaufen, der aussieht, als entstamme er den geheimnisvollen Tiefen des Meeres, und beim Berühren irritiert: Tsuri Guetas Ketten und Ringe fühlen sich weich und elastisch an, denn auch sie sind aus Silikon. Sogar Inneneinrichtungsgegenstände fertigt er aus seinem Lieblingsmaterial. Eine eigenwillige Mischung aus Hollywoodschaukel und Kutsche, die aussieht wie aus Neptuns Reich, lässt die Boutique wie eine märchenhafte Unterwasserwelt erscheinen, um die herum der Schmuck wie Algen und Korallen wächst.

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Manche der Ateliers im Viaduc des Arts sind klassische Werkstätten, andere erscheinen wie Museen oder wie künstliche Paradiese; an manchen geht man vorbei, manche ziehen einen magisch an. Aber alle machen aus Kunsthandwerk Handwerkskunst.