Die britischen Royals lieben Schottland – auch, wenn die Schotten nicht immer Lust haben, ihrem Königreich anzugehören. Fest steht: Die Highland-Begeisterung der Queen und ihrer Vorfahren beschert Schottland-Reisenden mit Sinn fürs Historische und Kuriose eine Reihe von erstklassigen Entdeckungen.

Königliche Aura: Schloss Balmoral während der Sommerpause

Balmoral Castle in August

Hinter diesen Gittern hält sich – vermutlich – die Queen auf

Die Queen ist da, und wir müssen draußen bleiben. Die Königin ist Traditionalistin; sie verbringt ihre Sommerferien jedes Jahr auf Schloss Balmoral im schottischen Aberdeenshire – in dem Anwesen, das Prinz Albert, ihr Ur-Urgroßvater, in der Mitte des 19. Jahrhunderts als royales Feriendomiziel erwarb. Seine Gattin, Queen Victoria, liebte die schottischen Highlands, bereiste sie regelmäßig und fand Erholung in der rauen Landschaft fernab von London. Der Kauf und der Umbau des Schlosses Balmoral, das seine heutige Gestalt 1856 erhielt, besiegelte die innige Zuneigung, die die Monarchin für die Highlands hegte.

Queen Victoria Highlands

Queen Victoria liebte die Highlands nicht nur, sie aquarellierte sie auch gern

Seit Queen Victorias Zeiten ist die königliche Familie dem schottischen Schloss Balmoral treu geblieben. Es gibt Balmoral-Fotos einer strahlenden Queen Elizabeth aus allen ihren Lebensphasen, und in diesem Sommer soll angeblich der fünfjährige Prinz George seiner ersten Moorhuhnjagd im schottischen Hochland beigewohnt haben. Es ist der Royal Family nicht wirklich zu verdenken, dass sie ihr schottisches Castle den August hindurch für Besucher schließt, um wenigstens ein bisschen für sich zu sein. Als wir uns ein wenig vor den Toren des Schlossparks tummeln, sind wir darüber auch gar nicht so traurig. Denn was ist besser: Ein königliches Schloss zu besichtigen, dessen adlige Besitzer Hunderte von Meilen entfernt sind, oder durch die Gittertore eines königlichen Schlosses zu starren, hinter denen rein theoretisch in jedem Moment die Queen auftauchen könnte? Wir finden letzteres ganz spannend – zumal wir Eltern vor geschlagenen 18 Jahren schon einmal hier waren und das Schlossinnere nicht so furchtbar prickelnd fanden. Man sieht nämlich nicht besonders viel. Uns ist besonders der Ballsaal in Erinnerung geblieben; die Privatgemächer sind nicht zugänglich.

Auch vor den verschlossenen Toren der königlichen Residenz gibt es etwas zu sehen. Ein schwer bewaffneter Polizist bewacht den Eingang zum Park, schäkert mit Kindern und erzählt Besuchern bereitwillig von seinem Alltag als royaler Beschützer. Ab und zu öffnet er per Fernbedieung das Tor – allerdings nicht für die Rolls Royces, die wir heimlich erhoffen, sondern für äußerst unprätentiöse Fahrzeuge mit Menschen und gelegentlich auch Hunden, die vermutlich alle im Dienste ihrer Majestät stehen. Wir sonnen uns im royalen Nimbus.

Crathie Kirk

Royales Kirchlein in idyllischer Lage: die Crathie Kirk

Royal Deeside

Der Fluss Dee bei Schloss Balmoral

Wenn man unbedingt etwas besichtigen will in Balmoral, während die Hauptattraktion Sommerpause hat, kann man zu der kleinen Crathie Kirk pilgern, in der die Royal Family während ihrer Schottland-Aufenthalte den Gottesdiensten beiwohnt. Und da die Landschaft rund um das Schlossgelände genauso aussieht wie auf den Ferienfotos der königlichen Familie, können Wanderer auch im August in den königlichen Flow kommen.

Royal Lochnagar: In der Whiskybrennerei

Royal Lochnagar Distillery

Direkter Nachbar von Balmoral Castle: die Royal Lochnagar Distillery

Wir geben uns lieber einem kleinen königlichen Nachmittagsrausch hin – zumindest mein Mann und ich. Eineinhalb Kilometer vom Schloss entfernt befindet sich die Whiskybrennerei Royal Lochnagar: einstmals Hoflieferant für Victoria und Albert. Es gibt kaum eine Whisky-Distillery in Schottland, die keine geführten Besuchstouren anbietet, aber natürlich kann man darüber streiten, ob die Teilnahme an so einer Tour mit Kindern sinnvoll ist. In unserem Fall allerdings sind die Kinder 13 und 17, und wenngleich ihr selbstverständlich der obligatorische „wee dram“, der kleine Drink am Ende der Tour, verwehrt bleibt, lohnt sich das Erlebnis zumindest für unsere 17-Jährige.

Royal Lochnagar Single Malt

Obligatorisch am Ende der Führung: ein Schluck Single Malt

Denn letztlich ist so eine Tour in keiner Weise darauf angelegt, zum hemmungslosen Alkoholkonsum zu ermutigen; im Gegenteil: Es geht viel eher darum, ein kompliziert herzustellendes Produkt aus den Gaben der Natur und menschlicher Arbeit als Kulturgut schätzen zu lernen. Die Vermieterin unserer mehr als empfehlenswerten Unterkunft (siehe Tipp weiter unten) legt uns die Royal Lochnagar Distillery vor allem wegen ihrer überschaubaren Größe ans Herz, die den geführten Touren einen sehr persönlichen Touch verleiht. Wir lernen viel, zunächst über die Zutaten des Whiskys, deren Aromen stark von ihren Herkunftsregionen abhängen. Die Gegend in den östlichen Highlands an den Ufern des Flusses Spey, in der wir uns hier befinden, ist Whiskytrinkern als Speyside bekannt.  Die Speyside ist eine Art Ballungszentrum für Whiskybrennereien – ganz einfach, weil das klare, den Bergen entspringende Wasser des Flusses sich besonders gut für die Herstellung des nationalen Getränks eignet. Allein das ist spannend, aber es ist nur der Anfang. Wir erfahren, welche Sorgfalt und welches in einer langen Tradition wurzelnde Know-how für jeden der vielen einzelnen Schritte der Produktion einer Flasche Royal Lochnagar notwendig ist, und landen schließlich in einem Lagerhaus, in dem wir begreifen, dass allein die Herstellung eines Fasses für hochklassigen Scotch eine Wissenschaft für sich ist. Für uns Eltern ist es nicht die erste Distillery-Tour, aber die letzte liegt 18 Jahre zurück, und wir haben viel vergessen seither, sodass wir frisch beeindruckt sind. Unsere große Tochter ärgert sich ein bisschen, dass sie noch nicht 18 ist, während die jüngere Schwester sich von den Gerüchen in der Brennerei relativ abgetörnt zeigt.

Von königlichen Schlachterläden und Apotheken: Ballater

Ballater Butcher

Höchst royal: der Metzger von Ballater

Dafür kommt das Kind in Ballater auf seine Kosten. Ballater ist mir von unserer ersten Schottlandreise als einer der kuriosesten Orte meines Lebens in Erinnerung geblieben, und 18 Jahre später finde ich das Städtchen noch ebenso unwirklich wie damals. Ballater ist der dem Schloss Balmoral nächstgelegene Ort, was ihn zu einer Art Versorgungsstation für die urlaubende königliche Familie macht. Vom Bäcker über die Apotheke bis zum Gartengeschäft tragen die Läden hier die Wappen der Königin und des Prinzen von Wales, die sie als Hoflieferanten auszeichnen.

Ballater

Der Bäcker ihrer Majestät

Solche Auszeichnungen für Geschäfte findet man auch in London, aber dort zieren sie prächtige Ladeneingänge in vornehmen Vierteln, während es hier in Ballater kleine graue Steinhäuser mit spitzen Giebeln sind, die die ganz banalen Bedürfnisse des Lebens abdecken und uns ins Bewusstsein rufen, dass auch die Royals nur Menschen sind. Vor 18 Jahren habe ich mich besonders an der Ladenfront des königlichen Fernsehmechanikers erfreut, doch den kann ich diesmal nicht finden. Vielleicht sind derartige Services dem Internetzeitalter zum Opfer gefallen. Dafür ist der örtliche Metzger nach wie vor ein prächtiger Anblick.

Ballater Aberdeenshire

Was Könige so brauchen: In Ballater gibt es eine beeindruckende Dichte von Hoflieferanten

Das verwunschene Örtchen in den einsamen Highlands, an dessen kleinen Häusern Wappen mit Gold, Kronen und fabelhaften Tieren prangen, hat etwas von einer Märchenstadt aus Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat und die Prinzessin immer jenseits des nächsten Waldes wohnte. Dass auf dem Wappen der Queen neben dem goldenen Löwen das schottische Einhorn abgebildet ist, bestätigt nur den Eindruck, dass Ballater ein Ort aus einer fantastischeren Welt ist.

Prinz Charles und sein Schottland-Kinderbuch

The Old Man of Lochnagar

Prinz Charles als Kinderbuchautor: „The Old Man of Lochnagar“

Prince Charles: The Old Man of Lochnagar

Am wohlsten fühlt sich der Alte von Lochnagar in seiner Berghöhle

Nach dem Fluss Dee einerseits, nach ihren berühmten treuen Besuchern andererseits, hat man die königliche Urlaubsregion in Aberdeenshire Royal Deeside genannt. Wie überaus wohl sich die Royals hier seit den Zeiten von Queen Victoria fühlen, hat nicht zuletzt Prince Charles mit seinem Kinderbuch „The Old Man of Lochnagar“ unter Beweis gestellt. Der Lochnagar ist einer der „Munros“, wie die mindestens 3000 Fuß – mit 914,40 Metern fast einen Kilometer – hohen Berge in Schottland heißen. Prinz Charles soll die Geschichten um einen kauzigen alten Schotten seinen jüngeren Geschwistern erzählt haben, bevor er sie als Erwachsener niederschrieb und illustrieren ließ. Der Alte erlebt eine Reihe kurioser Abenteuer, die alle eng mit Schottlands Landschaft, Tierwelt und Folklore verbunden sind.

Der Sound der Geschichte, über die ich auf diesem Blog zusammen mit anderen Royal-Bilderbüchern geschrieben habe, ist so humorvoll und entspannt, dass man unbesehen den Gerüchten glauben mag, nach denen der Thronfolger gerne mal inkognito im Auto durch die Highlands brettert.

Royale Behaglichkeit mit Gespenstern: Glamis Castle

Glamis Castle, Angus, Scotland

Überaus schottisch: Glamis Castle in der Grafschaft Angus (siehe auch ganz oben)

Auf unserem Weg von der Royal Deeside nach Edinburgh machen wir in Glamis Castle halt, und dieses Schloss erfüllt alle unsere Wünsche. Es sieht überaus schottisch aus mit seiner wehrhaften Form, seinen Türmchen, Zinnen und der asymmetrischen Anlage, die aus dem 17. Jahrhundert stammt. Es wird von einer ganzen Reihe von Gespenstern und Monstern bespukt. Es diente Shakespeares Macbeth als Unterkunft. Und es hat die intimsten Verbindungen zum royalen Familienleben. Außerdem ist es bis heute bewohnt – vom Earl of Strathmore und seinen Hunden, wie uns unser Führer erklärt.

Glamis Castle Dining Room

Wird gelegentlich noch benutzt: der Speisesaal von Glamis Castle / (c) Glamis Castle

Glamis Castle

Tiefe historische Wurzeln: 1376 wurde das erste Glamis Castle erbaut / (c) Glamis Castle

In Glamis Castle wuchs die Queen Mum auf, die das überaus stattliche Haus ihrer Kindheit zeitlebens liebte. Ihre zweite Tochter Margaret wurde hier geboren, und auch deren ältere Schwester Elizabeth, die heutige Queen, war gerne in der schottischen Grafschaft Angus bei ihen Großeltern zu Besuch. Vor einem Kamin stehen bis heute die Kinderstühle, auf denen die beiden Schwestern dann saßen, und auch sonst finden sich anrührende Spuren des königlichen Alltagslebens – beispielsweise der Salon, den sich die verwitwete Queen Mum im Alter auf Glamis Castle einrichtete und der über und über mit Familienfotos dekoriert ist. Solche intimen Zimmer wechseln sich ab mit mittelalterlich anmutenden Räumen, einer Schlosskapelle und prunkvollen Zimmern. Wie sich das Leben in so einer Umgebung anfühlt, können wir uns nicht wirklich vorstellen. Aber wir bekommen den Eindruck, dass es recht behaglich sein kann – so zumindest scheint es, wenn man die Briefe der elf Jahre alten Queen – genannt Lilibet – liest, in denen sie sich bei ihrer Großmutter für die schönen Tage in Glamis Castle bedankt und die im Schloss ausgestellt sind. Von Gespenstern ist hier leider nicht die Rede, aber die werden bei unserer Führung ausfühlich erwähnt.

Queen Elizabeth Glamis Castle

Als die elfjährige Elizabeth sich bei ihrer Großmutter für die schönen Tage auf Glamis Castle bedankte

Schottland royal: ÜBERNACHTEN in der Royal Deeside

Struan Hall

Perfekter Ort zum Übernachten: Struan Hall in Aboyne

Struan Hall Aboyne

Auf dem Nachttisch frischer Kuchen: schottische Gastfreundschaft

Ganz unbedingt möchte ich an dieser Stelle unsere Unterkunft in dem Städtchen Aboyne in Aberdeenshire weiterempfehlen. Von Aboyne ist es keine halbe Autostunde bis zum Schloss Balmoral; in Ballater ist man noch schneller. Außerdem bietet sich der Ort für Ausflüge nach Aberdeen und zum spektakulär an der Nordsee gelegenen Dunnottar Castle an, für Whisky-Touren an der Speyside und auch für Abstecher in die benachbarte Grafschaft Angus. Darüber hinaus besitzt Aboyne eine gute Auswahl an familiengeeigneten Restaurants.

Vor allem aber steht hier die Bed-and-Breakfast-Pension Struan Hall, für die allein meine jüngere Tochter wieder in die Gegend kommen möchte. Mit einem supernetten Empfang und fünf extrem komfortablen, britisch-romantisch eingerichteten Zimmern ist Struan Hall das Idealbeispiel einer liebevoll familiengeführten Unterkunft. Judith, die Inhaberin, liebt es, mit ihren Gästen deren Tagesprogramm durchzusprechen, hat jede Menge Tipps und ruft auch schnell mal im örtlichen Pub an, um uns dort einen Tisch zu reservieren. Jedes Mal, wenn wir nach unseren Unternehmungen zurückkommen in unsere Zimmer, finden wir Porzellandöschen mit frischgebackenem Kuchen auf dem Nachttisch, und in der sehr hübschen Lounge stehen Karaffen mit Sherry und Portwein für die Abendgestaltung bereit. Über Familienzimmer verfügt die Pension nicht; wir übernachten in zwei Doppelzimmern.