Zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 um 22:25

Die sozialen Medien lieben Bibliotheken, Buchläden und sonstige Orte, an denen unüberschaubares Büchergewimmel herrscht. Der gängige Hashtag hierzu lautet: #bookstagram. In diesen Tagen, da das Buch während des Corona-Lockdowns einen unverzichtbaren mentalen Zufluchtsort darstellt, ist der Zeitpunkt gekommen für einen virtuellen Spaziergang durch die Glücksverheißungen von Bookstagram.

Bücherregale als Social-Media-Stars

Librería Anticuaria Rafael Solaz
Entdeckung zu Corona-Zeiten (siehe Mundschutz): die Librería Anticuaria Rafael Solaz, Valencia (auch oben)

Auf Pinterest finden sich Unmengen von Fotos mit den angeblich schönsten Bibliotheken, besten Buchhandlungen und kreativsten Leseecken der Welt. Auf Instagram haben persönliche Bücherregale unter dem Hashtag: #shelfie ebenso Konjunktur wie Bücherorte und Lesemomente mit Atmosphäre. Bookstagram ist hip.

Und das alles ausgerchnet jetzt. Ausgerechnet in der Epoche, in der das Buch angeblich von neuen, digitalen Medien verdrängt wird, machen diese Medien es zu einem ihrer Stars. Ist das die Ironie der Geschichte? Ein letztes Aufbäumen im Sinne von “Das Buch ist tot, es lebe das Buch”?

Behagliche Bibliotheken und Harry Potter

Harewood House Library
Lesender Landadel: Harewood House in Yorkshire verfügt über drei Bibliotheken
Bookstagram: Harewood House
Bibliophiler Klassizismus: Harewood House wurde im 18. Jahrhundert gebaut
Britische Bibliotheken verdanken ihre aktuelle Anziehungskraft nicht zuletzt Harry Potter

Oder ist das Phänomen Bookstagram eine dieser unzähligen Retro-Geschichten: ein Trend, mit dem der Charme des Nostalgischen gefeiert wird? Die Romantik eines langsameren, irgendwie authentischeren und vor allem gänzlich undigitalen Lebens, dem man hinterhertrauert, ohne es wirklich gegen die Gegenwart eintauschen zu wollen? Was wäre behaglicher als die Bibliothek eines alten englischen Herrenhauses, am liebsten komplett mit knisterndem Kamin – oder vergleichbare Szenerien, die nicht mehr so richtig in unsere Welt gehören?

Sowieso drängt sich der Traum von einem good old England beim Thema Bookstagram auf. Daran ist nicht zuletzt Harry Potter schuld. Hogwarts besitzt eine großartige altmodische Bibliothek, die immer wieder eine wichtige Rolle spielt – in den Büchern ebenso wie in den Filmen. Dass Harry Potter Stilgeschichte geschrieben hat, streitet niemand ab, und es dürfte nicht zuletzt auf sein Konto gehen, dass die ehrwürdige, etwas verwunschene Bibliothek mit dunklen Holzregalen zu einem Liebling der Populärkultur geworden ist.

Das Buch als Hipster-Deko-Element

Bookstagram: Used Book Café, Merci-Merci
As instaworthy as it gets: Das Used Book Café im Pariser Designgeschäft Merci-Merci

Aber Harry Potter reicht wohl doch nicht aus, um zu erklären, warum alle Welt Bücheransammlungen postet und sie dank erstklassig funktionierender Hashtags wie #bookstagram und #shelfie mit dem Rest des digitalen Universums teilt. Bücher verströmen ein Maximum an Atmosphäre, wenn sie komplette Räume dominieren. Gern werden sie deshalb als Accessoires im Interiordesign verwendet. Vom Hotel bis zum Burger-Restaurant: Mit Büchern angefüllte Sitzecken stehen wie ein visuelles Kürzel für ein Lebensgefühl, in dem man die Hektik hinter sich lässt und sich mit Muße den ideellen Dingen des Lebens widmet. Book Cafés haben sich dabei als eigenes Genre in der Hipsterwelt etabliert: Man sitzt zwischen Büchern, gern antiquarischen, die auch zu kaufen sind, trinkt Kaffee, isst Kuchen oder Avocadotoast und postet stilvolle Bilder. Für die eignen sich auch Library Bars hervorragend.

Hôtel Les Théâtres, Paris
Sitzecke im Pariser Hotel Les Théâtres, in dem Literatur und Schauspiel das Design bestimmen

Wobei man sich außer Büchern viele andere Dinge denken kann, die einen Relax-Faktor ins Design hipper Orte bringen würden. Wahrscheinlich kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass Bücher eben doch noch für etwas anderes stehen als für ihren optischen und atmosphärischen Effekt. Eine Wand voller Bücher ist eine Wand voller Verheißungen. Nie wird man alle Exemplare lesen, die in einer Bibliothek stehen. Im Hipster-Café wird man höchstwahrscheinlich nicht mal einen Band aus dem Regal ziehen. Aber man könnte. Man sitzt zwischen unendlich vielen Geschichten und Gedanken.

Durch Buchhandlungen in andere Welten

Bookstagram: Albertine bookstore, New York
Stardesigner Jacques Garcia steht hinter der französich-englischen Buchhandlung Albertine in New York

In Buchhandlungen rücken diese Welten ein bisschen näher. Immerhin betritt man solche Läden, wenn auch nicht in jedem Fall mit der festen Absicht, ein Buch zu kaufen, so doch mit dieser Möglichkeit im Hinterkopf. Als hartgesottener Buchliebhaber mag man natürlich nicht nur Buchhandlungen, die besonders stylisch aussehen. Man findet eine Anhäufung von guten Büchern per se attraktiv. Sogar dort, wo man nicht einmal die Schriftzeichen lesen kann, in denen sie geschrieben sind.

Tokyo: Book Town Jimbocho
Wo Bücher sind, fühlt man sich leicht zu Hause: in Tokios “Book Town” Jimbocho

Trotzdem hat man nichts dagegen, wenn eine Buchhandlung noch dazu durch ihre Räumlichkeiten punktet. Dann zückt man unter Umständen auch als Hardcore-Leser geradezu zwanghaft die Handykamera und postet mal etwas unter #bookstagram – auf irgendeinem von diesen Medien, die das Buch ganz offenbar noch lange nicht ausgelöscht haben.

Bookstagram und Coronakrise

Strasbourg: Quai des Brumes
An diese Atmosphäre kommt kein Onlinestore heran: die Librairie Quai des Brumes in Straßburg

Und man hofft – ich hoffe und viele andere hoffen -, dass es am Ende dieser seltsamen Corona-Zeit, in der wir uns gerade befinden, nicht weniger Buchhandlungen gibt als vorher. Wie wichtig Bücher sind, spüren viele von uns jetzt, da wir die eigenen vier Wände gerade nur selten verlassen. Zwischen Buchdeckeln finden wir die Freiheit und die vielen Dimensionen der Wirklichkeit, die wir uns momentan vor der Haustür nicht erschließen können. Bücher bieten sie im Übermaß.

Und nicht nur die Bücher selbst: Auch die realen, dreidimensionalen Geschäfte, in denen sie zu kaufen sind, scheinen aktuell in ihrer besonderen Bedeutung wahrgenommen zu werden. Gerade auf den sozialen Medien werden Tag für Tag eine Fülle von Tipps und Ideen kommuniziert, wie man ohne direkten Kontakt Bücher bestellen und erhalten kann – beim Buchhändler um die Ecke; ganz ohne die gigantischen Internetkonzerne zu bemühen.

Bookmarc New York
Modemacjer Marc Jacobs betreibt im New Yorker West Village “Bookmarc” für Kunst- und Designbücher

Gewiss, wir sind momentan alle tendenziell solidarisch gestimmt, wir möchten die unabhängigen kleinen Cafés und Läden in unserem Umfeld am Leben erhalten. Aber es ist bemerkenswert, wie intensiv die Buchhandlungen in diesem Zusammenhang thematisiert werden. Es wäre schließlich ein Jammer, wenn diese Portale in endlose andere Welten – Phantasiewelten, Gedankenwelten, Erfahrungswelten, Bildwelten – nicht mehr zu betreten wären. Wenn uns stattdessen nur noch Algorithmen auf Bildschirmen vorschlagen würden, was wir lesen können. Vielleicht zeigt der Bookstagram-Hype der letzten Jahre jetzt seinen Nutzen und verstärkt unsere Liebe zu den analogen Räumen voller fühlbarer, sichtbarer und riechbarer Bücher. Voller handfester Gegenstände, mit denen die Geschichten beginnen.

Tropismes Bruxelles
Bücherkauf im Spiegelsaal: Bei Tropismes in Brüssel

Was es mit dem DESIGN-DIENSTAG auf sich hat, steht hier