Hält die Hauptstadt des führenden Kinderbuchlandes den Vorstellungen unserer Phantasie stand? Wir erkunden Stockholm zusammen mit den Kindern aus der Perspektive unserer liebsten Astrid-Lindgren-Geschichten.

Karlsson vom Dach

karlssons_rum_klKarlssons Dachwohnung in Junibacken

Ein Propeller wäre praktisch, um das Gebilde aus Wasser und Inseln, das Stockholm darstellt, von oben zu betrachten. Da allerdings die wenigsten von uns wie Karlsson Männer in den besten Jahren mit Auftrieb sind, ist der Mosebacke Torg in Södermalm eine gute Sache. An unserem ersten Stockholm-Tag mit den Töchtern lehnen wir uns ans Geländer der Terrasse, saugen das Panorama in uns auf und genießen den traumhaften Blick auf die Altstadt-Insel Gamla Stan. Über mehrere Treppen nach unten, dann über eine Brücke, und wir sind mittendrin in Gamla Stan, dem historischen Herzen Stockholms. Alte Häuser in Ocker-Tönen versetzen uns zurück in die Zeit vor 750 Jahren, als die Siedlung an der Ostsee durch ihre Beziehungen zur Hanse einen sagenhaften Aufschwung erlebte. Auf Straßenschildern begegnet uns hier immer wieder das Wort „tyska“, „deutsch“: Zeugnis der Bedeutung, die deutsche Kaufleute für den Aufbau Stockholms hatten. Die schmalste Straße der Stadt ist Mårten Trotzigs Gränd. Siebenjährige können, während sie die Stufen der Gasse hinauflaufen, mit ausgebreiteten Armen die Häuserwände zu beiden Seiten berühren. Karlssons heißgeliebte Zimtwecken gibt es hier überall – Gamla Stan ist voll von hübschen Cafés, und Kanelbullar gehören zur schwedischen Grundverpflegung. Wir probieren die Zimtschnecken des Chokladkoppen am Stortorget, dem zentralen Platz von Gamla Stan. Nach Meinung vieler Stockholmer sind sie die besten der Stadt, und unseren Töchtern scheint diese Einschätzung plausibel. Übrigens: Das Kaffeetrinken funktioniert in ganz Schweden wie bei Ikea. Man bezahlt einmal und darf sich so oft nachschenken, wie man möchte. Die meisten Cafés bieten außerdem einen familientauglichen Lunch an: Pfannkuchen oder Fleischbällchen für die Kinder, Frukost mit Krabben- und anderen Sandwiches für die Erwachsenen. Am nördlichen Ende von Gamla Stan laufen wir durch die Anlage des königlichen Stadtschlosses. Wir raten, wie viele Räume es haben mag, liegen aber daneben: 608 sind es – und damit ist das „kungliga slott“ der größte unter allen heute noch genutzten Palästen.
Über die nächste Brücke, und wir sind in der City. Hier ist es weniger idyllisch, aber Klarabergsgatan und Hamngatan sind zentrale Shopping-Straßen, die man nicht auslassen sollte. Wir wollen Karlsson noch etwas näher kommen und gehen weiter nach Norden ins Vasaviertel, wo Lillebror mit seiner Familie in einem Haus wohnt, auf dessen Dach Karlssons kleine Bleibe liegt. Astrid Lindgren hat jahrelang in diesem Stadtteil gelebt – am längsten in der Dalagatan 46, wo eine Plakette an der Hauswand an sie erinnert.

Saltkrokan

148Värmdö im Schärengarten

Wer aufs Wasser will, ist in der schwedischen Hauptstadt am richtigen Ort. Vor Stockholms Haustür liegt der Schärengarten: 24000 Inseln, viele von ihnen mit Saltkrokan-Flair. Ein paar Häuser, Bootsstege und Wald – das sind die Basics der steinernen Ostsee-Inselchen. Das Spektrum reicht von winzigen unbewohnten Inseln mit ein paar Bäumen bis zur Pendlerkommune im Wasser. Eine Bootsfahrt in die Schären gehört zu den Stockholm-Highlights. Losfahren kann man an den zentralen Anlegestellen Strömkajen und Strandvägen, von denen regelmäßig Boote in die Schären starten. Die Fährgesellschaft Waxholmsbolaget bietet Rundtouren von verschiedener Länge an, man kann aber auch auf einem ihrer vielen Linienboote eine Schäre ansteuern, dort einige Stunden verbringen und abends zurückfahren. Die bis heute idyllische Insel Norröra, auf der der Film „Ferien auf Saltkrokan“ gedreht wurde, liegt etwa drei Bootsstunden von Stockholm entfernt. Fahrpläne, Preise und Infos über die meisten Ziele und Touren findet man unter http://www.waxholmsbolaget.se/. Für einen Kurztrip eignet sich Fjäderholmarna, das nur eine halbe Bootsstunde von Stockholm entfernt liegt (http://www.stromma.se/).
Wir machen es umgekehrt: Wir wohnen auf einer Schäre im Ferienhaus und erkunden Stockholm von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Unser Saltkrokan heißt Värmdö und ist von Stockholm aus auf dem Landweg zu erreichen. Auf dieser Schäre teilen sich Einheimische, Pendler und Urlauber das Terrain. Es ist so ruhig wie fast nirgendwo in Deutschland, die Häuser sind aus Holz, und wenn wir genug von Stockholm gesehen haben, gehen wir zur nächsten Badebucht. Dunkel wird es in den Frühsommernächten nie, aber in der Mitternachtsdämmerung schläft es sich besser als gedacht. Manchmal liegt beim Aufwachen ein Reh vor dem Fenster. „Hier bin ich zu Hause“, sagt das jüngere Kind; „hier will ich wieder hin“, verkündet die große Schwester. Für uns der perfekte Familienurlaub: morgens in der Astrid-Lindgren-Idylle aufwachen, danach in die Großstadt. (Viele stadtnahe Ferienhäuser unter http://www.hyrbo.se/.) Dafür heben wir uns die lange Bootstour auf die Filmschäre Norröra für die Zukunft auf.
Schärenbewohner können lange vor dem Führerscheinalter Motorboot fahren. Und auch sonst sind die Schweden große Seefahrer. Ein plastisches Bild davon sollte man sich unbedingt im Vasa-Museum auf Djurgården machen. 333 Jahre lag das schwedische Kriegsschiff Vasa vor Stockholm auf dem Grund, nachdem es 1628 bei seiner Jungfernfahrt aufgrund von Konstruktionsfehlern direkt nach dem Start unterging. Nach seiner Bergung hat man rund um das riesige Schiff ein spektakuläres Museum gebaut. Auf mehreren Etagen laufen wir um das opulent verzierte, riesige Segelschiff herum. Den uralten Holzgeruch in der Nase, schauen die Kinder sich nachgebaute Kanonendecks an, während die Eltern Erstaunliches zur schwedischen Seefahrtsgeschichte erfahren. Sollte man danach das Verlangen haben, sich selbst als Kapitän zu beweisen, sind es nur ein paar Schritte bis zur Brücke Djurgårdsbron, an der man für 175 schwedische Kronen eine Stunde mit dem Tretboot zwischen Stockholms Stadtteilen herumschippern kann.

Ronja Räubertochter

mattisborgenJunibacken: die Mattisburg

Da sitzt sie: zusammengekauert in einer Felshöhle mit ihrem Freund Birk. Man kann ihr Gesicht nicht genau erkennen, aber sie ist es. Einige Zentimeter weiter die Räuberburg mit ihren furcht- und gnadenlosen Herrschern. Nur in unserer Phantasie waren wir Ronja Räubertochter so nahe wie in Junibacken. Junibacken ist einzigartig. Im Wesentlichen ist es eine kleine, mit hohem künstlerischem und handwerklichem Aufwand hergestellte Astrid-Lindgren-Landschaft. Im „Geschichtenzug“, einer Gondel, die an einer Schiene in der Decke befestigt ist, schweben wir vorbei an kleinen Bühnenbildern mit Ronja, Madita und Michel. Wir fahren durch Karlssons lebensgroße chaotische Dachwohnung und bekommen die passenden Bücherpassagen aus einem Lautsprecher in der Gondel zu hören – auf Deutsch. Die Sprache darf man beim Einsteigen wählen. Die Illustratorin Marit Törnqvist hat die Junibacken-Szenerien Mitte der neunziger Jahre mit Astrid Lindgren zusammen ersonnen – mit hohem Respekt vor den Karlsson- oder Ronja-Bildern, die kleine und große Leser in ihrer Phantasie mit sich herumtragen. Nichts ist hier so plakativ und aufdringlich, dass es diesen Bildern ins Gehege kommen könnte.
Die vielen Buggys im Eingangsbereich machen uns zunächst unsicher, ob wir hier mit unseren Schulkindern wirklich am richtigen Ort sind, aber die Bedenken zerstreuen sich sofort. Die Magie des Ortes erfasst uns alle schon in den Vorräumen, die zur Gondelstation führen, und die auf Wunsch Astrid Lindgrens verschiedenen schwedischen Kinderbuchautoren und -illustratoren gewidmet sind. Unser kleineres Kind schlängelt sich eine schmale Treppe in Willi Wibergs Haus hoch, der in Schweden Alfons Åberg heißt. Der Weg zum Bahnhof des „Geschichtenzugs“ führt uns durch eine Galerie mit Originalen namhafter schwedischer Kinderbuchillustratoren.
Als die Gondelfahrt zu Ende ist, sind unsere Töchter hinlänglich verzaubert. Beim Aussteigen finden sie sich vor einer großen, begehbaren Villa Kunterbunt, in der regelmäßig Pippi-Theaterstücke gezeigt werden – allerdings auf Schwedisch. Kurz auf den hölzernen Kleinen Onkel steigen und dann hinunter ins Junibacken-Restaurant: den Inbegriff schwedischer Kinderfreundlichkeit. Helle Holzmöbel, viel Platz und eine Speisekarte wie aus einem Astrid-Lindgren-Buch. 150000 Pfannkuchen bringt man hier pro Jahr ans Kind.
Einen Live-Eindruck von den Tieren, die Ronjas heimatliche Wälder bevölkern, bekommen wir ein paar Straßen weiter in Skansen. Das geschichtsträchtige Freilichtmuseum zeigt nicht nur Häuser aus den Tiefen der schwedischen Vergangenheit, sondern auch nordische Tiere. In vielen Gebäuden sitzen Museumsguides in passender Tracht, die Antwort auf alle erdenklichen Fragen haben.
Nach einer Stippvisite in der Holzhütte eines lappländischen Samen-Lagers und mehr Elchen, Rentieren, Bären und Seehunden, als wir je zuvor gesehen haben, ist Schweden für unsere Kinder komplett.

160Skansen im Frühjahr: Elchbaby

Foto ganz oben: Jeppe Wikström – Stockholm Visitors Board

Hinkommen, Herumkommen, Unterkommen, Anschauen, Essen, Einkaufen: Serviceinfos für Stockholm mit Kindern