Spielzeugladen? Geht doch einfach ins Museum! Unter den kindergeeigneten Kunstausstellungen der Saison dürfte die Jeff-Koons-Retrospektive im Centre Pompidou das absolute Highlight sein. Noch bis zum 27. April.

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Schon beim ersten Exponat weiß der kindliche Ausstellungsbesucher: Das hier ist etwas für mich. Der Parcours durch Jeff Koons‘ Schaffen beginnt mit seinen frühen Aufblasfiguren, einer Mischung aus infantiler Wonne und Konsumkommentar.

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Wenige Schritte weiter: Eine Edelstahl-Eisenbahn, amerikanischer Traum en miniature; Nippesregal-Kitsch als Kunstwerk.

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Dann: Basketbälle in Wasserbehältern. Sport als ein weiteres Stück Amerika; außerdem, so liest man, geht es Koons hier ums Thema Gleichgewicht, Ausgewogenheit, Balance. Den Kindern, die vorbeikommen, geht es eher um schwebend schwimmende Bälle, kurios und irgendwie cool anzusehen.

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Schließlich so richtig fieser, kompromissloser, unverzeihlicher Koons-Kitsch: Alte-Welt-Geschmacklosigkeit, auf die Größe eines Kleinkinds gebracht. Kleinkinder dürfen sich an dieser Stelle wundern.

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Und gegenüber freuen: Wieder ein Bunny, wieder eins, das aufgeblasen aussieht, aber diesmal metallisch-futuristisch. Es glänzt wie ein Spiegel: Hier beginnt der koonsigste Bereich des Koons-Kosmos.

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Über den Dächern von Paris: das dicke, fette, runde, rote Ballon-Herz. Paris war schon immer die Stadt der Liebe, aber jetzt lässt sich das auf einen Blick erkennen.

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Einmal umdrehen: Michael Jackson lebensgroß in goldenem Porzellan, mit Äffchen. Bei Jeff Koons sind wir alle ein bisschen in Neverland. Wer ist hier der wahre King of Pop?

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Koons‘ Neverland heißt „Celebrations“: eine Serie von Kunstwerken, die er als ultimativ ansieht, an der er seit über 20 Jahren arbeitet und deren Produktionskosten kaum zu bewältigen sind. Denn Koons gilt zwar als einer der weltweit geschäftstüchtigsten Künstler, gleichzeitig will er aber absolute Perfektion für seine museumstauglichen Party-Stücke – koste es, was es wolle. Und einen raumfüllende Ballonhund mit makellos spiegelnder Stahloberfläche herzustellen, ist eine finanziell und technisch extreme Herausforderung.

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Für andere „Celebrations“-Werke werden aufwendige Spielzeuglandschaften gebaut und dann in Öl gemalt – mit einer Akribie, die bei manchem Bild mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Dafür hat man dann aber auch das absolut perfekte, hyperamerikanische Party-Glück im Museum; die glattesten Oberflächen, die es für tiefsinnige Europäer zu belächeln gibt. „Shelter“, „Schutz“, heißt Koons‘ popcornbestreuter Garten mit Spielzeugfiguren und Blockhaus aus Plastik.

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Bis hier war alles sehr lustig, aber dann kommt der Eingang zu einem Raum, an dem eine Aufsichtsperson dafür sorgt, dass niemand unter 18 Jahren hineingeht. Hier hängen und stehen Koons‘ berühmte und gar nicht jugendfreien Szenerien aus seiner Ehe mit Ilona Staller, die in Italien als Pornostar Cicciolina Ruhm erlangte.

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Die Haarpracht von Koons‘ Pudel aus derselben Schaffensphase dürfen dafür Besucher aller Altersklassen bewundern.

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Genauso wie eine spielplatztaugliche Konstruktion zur Feuerholzaufbewahrung. Oder einen hängenden Hummer.

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Wer aus dieser Ausstellung herauskommt und nicht seinen Spaß gehabt hat, hat etwas falsch gemacht. Kindern kann das nicht passieren. Ab einem bestimmten Alter können sie einen allerdings dazu zwingen, ziemlich angestrengt nachzudenken. Bei Fragen wie „Was macht der glänzende Riesenhund im Museum? Was soll der Kitsch?“ kommt man mit klassischen Hinweisen auf Konsumkritik, Verfremdung der Sehgewohnheiten oder Erweiterung des Kunstbegriffs nicht so richtig zum Ziel. Und dass Koons einfach nur eine durchamerikanisierte Spielzeug- und Partywelt feiern will, glaubt kein europäisches Kind. An den makellosen Oberflächen darf man sich gern ein bisschen die Zähne ausbeißen.