Alles begann mit meiner eher rhetorisch gemeinten Frage „Willst du eigentlich mal ins Ausland?“ Beziehungsweise mit der unerwarteten Antwort unserer älteren Tochter: „Ja, so drei Monate in einem englischen Internat wären ganz schön.“ Also verbrachte Marit als 15-Jährige die Zeit von September bis Dezember 2016 in der Fyling Hall School, einem kleinen Internat in North Yorkshire. Diese Zeit entspricht einem der drei Terms, in die das britische Schuljahr aufgeteilt ist. Ich finde, nach so einer Erfahrung ist ein Blog-Interview fällig.

Neue Routine im englischen Internat

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Rarität: Handy-Schnappschuss mit Schuluniform

Wie sah euer Tagesablauf unter der Woche aus?

Um sieben Uhr wurden wir geweckt, um viertel vor acht mussten wir zum Frühstück, um halb neun ging die Schulklingel zum ersten Mal, zehn Minuten später begann die Schule. Während der nächsten zwanzig Minuten war entweder Assembly, oder man hat sich im Klassenzimmer unterhalten. Bei der Assembly treffen sich alle Schüler ab der siebten Klasse und ihre Lehrer in einem Raum. Mal macht eine Klasse eine Präsentation, mal hält ein Lehrer oder eine Person von außerhalb der Schule eine Ansprache. Meistens lief es dabei darauf hinaus, dass man sein Ziel immer klar vor Augen haben soll.

Um neun begann der Unterricht. Die Mittagspause ging von zwanzig nach eins bis zwei. Dann drei Nachmittagsstunden, und um viertel nach vier war Schulschluss. Um halb sechs gab es Tea: das Abendessen.

Von halb sieben bis um acht fand Prep statt – das sind die Hausaufgaben. Dabei wurden wir von einem Lehrer betreut. Es war immer genau festgelegt, für welche Fächer man am jeweiligen Tag etwas tun sollte. Wenn man vor Ende der Prep-Zeit fertig war, hat man gelesen, um zehn mussten wir in den Zimmern sein und um halb elf das Licht ausmachen.

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Schulfoto mit Pferd

Was gab’s zu essen?

Ziemlich oft kastenförmigen Blätterteig mit Sauce. Manchmal hatten wir Cheeseburger und labbrige Pommes. Es gab immer eine Schale Salat pro Tisch, die allerdings nur mit zwei grünen Salatblättern ohne Dressing gefüllt war. Salz war verboten, angeblich gab es nicht mal welches in der Küche. Am Wochenende bekamen wir zum Frühstück Rösti, Würstchen, Rührei und Baked Beans. Das normale Frühstück bestand aus Müsli und Toast. Am leckersten war ein Currygericht.

Abendessen um 17.30 Uhr ist ziemlich früh –

Im Common Room konnten wir später noch Toast und Suppe essen, dort gab es einen Toaster, eine Mikrowelle und ein Waschbecken.

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Eine halbe Stunde Fußweg, dann ist man im alten Fischerort Robin Hood’s Bay

Was habt ihr in eurer Freizeit gemacht?

Es gab AGs, aber die haben sich oft nicht gelohnt, wenn man nur für so kurze Zeit wie ich an der Schule war. Ansonsten hat man gegessen, am Handy gesessen oder etwas mit den anderen gemacht. Am Wochenende sind wir nach Robin Hood’s Bay oder in die Stadt gegangen – nach Whitby oder Scarborough. Manchmal wurden Ausflüge organisiert, zum Beispiel nach York oder zum Schlittschuhlaufen. Ab und zu gingen alle Internatsschüler in die Kirche – in Uniform.

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Auf dem Weg zum offiziellen Schulfoto

Woraus bestand die Schuluniform?

Aus Rock, Strumpfhose, schwarzen Schuhen, Hemd, Krawatte, Pulli und Blazer. Die Blazer wurden aber meistens nicht getragen.

Wie fühlte es sich für dich an, eine Schuluniform zu tragen?

Nicht schlimm, weil alle sie trugen. Es war nur nervig, sich mitten am Tag komplett umzuziehen.

Schulunterricht in England

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Die Mathe-Unterrichtsräume

Du warst in England in Year eleven, das entspricht der zehnten Klasse in Deutschland. Welche Fächer hattest du?

Pflichtfächer waren Mathe, Learning for Life und EAL: English as an additional language. Das war der Englischunterricht für uns ausländische Schüler. Außerdem hatten wir sechs Stunden Sport, meistens im Freien. Im Sportunterricht hätte man auch reiten können. Ich habe dazu noch die Fächer Drama und Design gewählt und einen Komplex aus Chemie, Physik und Bio.

Worum ging es in Learning for Life?

Um alles Mögliche – vom Bewerbung-Schreiben bis zu Trump.

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Britischer Schulsport: drei Stunden kurzbehost im Freien – Postkartenblick inklusive

Du hast öfter erwähnt, der Unterricht laufe in England ganz anders ab als in Deutschland. Inwiefern?

Es waren weniger Schüler in einer Klasse. Der Lehrer hat keine Fragen gestellt, sondern wer etwas sagen oder fragen wollte, hat einfach gesprochen. Aber nicht wie hier, wenn Leute hereinrufen und das den Lehrer nervt, sondern die Schüler haben mit dem Lehrer geredet und die Lehrer mit ihnen. Dabei haben sie über das Thema gesprochen, es war nicht wie in Deutschland, wenn man vom Thema abkommt und plötzlich mit dem Lehrer über Fußball redet. Die Schüler sind an diesen Stil gewöhnt, sie beteiligen sich von selbst. Sie waren auch braver, als sie es hier wären, dafür waren auch nur zehn Leute in einer Klasse.

Wie war das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern?

Besser als bei uns. Lehrer und Schüler haben einfach mehr miteinander geredet. Wenn jemand einmal die Hausaufgaben nicht gemacht hatte oder Kaugummi kaute, musste der zwar an dem Tag eine halbe Stunde nachsitzen, aber die Lehrer sind nicht sauer geworden, sondern haben einfach gesagt: Du hast heute Detention. Das war für niemanden ein Problem. Die Lehrer wissen auch sehr viel über die Schüler und ihre Familien.

Welches Schulsystem ziehst du vor?

Das bei uns. Es ist besser vom Niveau her. In England kannst du deinen Abschluss – die A-Levels – in Fächern wie Kunst, Musik und Drama machen.

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Die Bühne, auf der der Drama-Unterricht stattfand – vom Instagram-Account der Schule

Welche Dinge würdest du aus der englischen Schule gern in deine deutsche Schule importieren?

Vielleicht die kreativen Fächer – und auch, dass man in den kreativen Fächern mehr Möglichkeiten und Freiheiten hat.

Wie fühlt sich das Internatsleben an?

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Ein Haus voller Mädchen

Viele deiner Mitschüler waren Day Students und haben nicht im Internat gewohnt. Wie hat sich die Schülerschaft zusammengesetzt?

Es gab weit unter 50 Prozent Internatsschüler. Viele von denen waren Austauschschüler, ohne die würde sich das Internat gar nicht lohnen. Die meisten der britischen Internatsschüler sind am Wochenende nach Hause gefahren.

Wie kann man sich euer Zimmer vorstellen?

Im Main House, in dem die Mädchen wohnten, gab es Zimmer mit zwischem einem und fünf Betten. Die meisten Zimmer hatten Sicht aufs Meer, unseres nicht! Jede Schülerin hatte ein Bett, eine Pinnwand, ein Schließfach, eine Hälfte von einem Kleiderschrank und einige Schubladen.

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Inbetriebnahme des Internatszimmers. Die kleine Schwester hilft

Wo habt ihr Hausaufgaben – also Prep – gemacht?

Die zehnte und die elfte Klasse im Speiseraum. Die Oberstufe hatte einen Study Room.

Wie war es für dich, drei Monate lang mit drei wildfremden Mädchen ein Zimmer zu teilen?

Nicht so schlimm, im Grunde waren sie alle freundlich, auch wenn man sich nicht mit jedem anfreundet. Während der drei Monate hat mir die Privatsphäre eigentlich nicht gefehlt.

Was sind für dich die Vorteile und die Nachteile am Internatsleben?

Dass der Tagesablauf so durchgegliedert ist, kann eigentlich Vor- und Nachteil sein. Manchmal ist das gut, manchmal auch nervig. Für mich war es während der drei Monate okay, aber für längere Zeit wäre es mir auf den Geist gegangen.

Wenn man Freunde hat, hat man die immer um sich, das ist schön. Aber unter denjenigen, die sich schon länger kennen, gibt es auch viel mehr Streit, weil sie die ganze Zeit aufeinanderhängen. Und man kann nirgends hingehen. Nur die Schüler aus den zwei Abschlussjahrgängen durften am Abend weggehen.

Wenn man „englisches Internat“ hört, denkt man an strenge Regeln. Wie verhielt es sich damit an deiner Schule?

Ha! Wenn man rauchte oder Alkolhol trank, war die Strafe nicht so schlimm. Aber wenn man die Haare in einer unnatürlichen Farbe gefärbt hatte oder wenn die Jungen sie zu kurz oder zu lang geschnitten hatten, dann musste man einen Tag oder sogar länger allein in einem Raum verbringen. Nagellack war auch verboten. Die Lehrer hatten Nagellackentfernter in den Klassenzimmern. Die Internatsschüler werden im Grunde schwerer bestraft, denn wenn sie die Haare anders tragen als erlaubt, dürfen sie das Internat am Wochenende nicht verlassen. Beim Konsum von Cannabis wurden die Eltern angerufen. Zumindest beim ersten Mal.

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Befreiungsschlag nach dem Ende der Internatszeit

An wen wendet man sich im englischen Internat, wenn man schulische oder persönliche Probleme hat?

Eigentlich an die Matron, die das jeweilige Wohnhaus betreut, aber man kann auch zu jedem Lehrer gehen. Manche Lehrer wohnen auf dem Internatsgelände in einem eigenen Haus, teilweise mit ihren Familien.

Was für Pflichten hattet ihr?

Eigentlich nur Squad – das war Küchendienst, zu dem wurde man reihum eingeteilt. Ansonsten mussten wir nur unsere Zimmer und den Common Room aufräumen

Ist es im englischen Internat wie bei Hanni und Nanni?

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Very British: Schule mit Landschaftsgarten

Wie war das Klima der Schüler untereinander?

Die meisten haben sich ganz gut verstanden, auch wenn sie nicht alle Freunde waren. Trotzdem haben die Mädchen ständig übereinander gelästert. Jeder hat über jeden gelästert, also war es eigentlich auch egal.

Wie einfach und wie schwer war es, Freunde zu finden?

Es war nicht so schwer, weil wir viele Neue waren. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man lange da ist. Das kann ziemlich blöd sein, denn die meisten Schüler bleiben nur für ein paar Monate oder höchstens ein paar Jahre und gehen dann wieder. Viele schließen nicht so enge Freundschaften, weil sie es schon kennen, dass ihre Freundinnen nach ein paar Monaten wieder gehen.

Haben sich Engländer und Austauschschüler gut gemischt?

Manchmal mehr, manchmal weniger. Das kam darauf an, mit wem man sich am besten verstanden hat. Es hing von den Personen ab, nicht von den Ländern, aus denen sie kamen.

Woher kamen die Austauschschüler?

Es gab hauptsächlich Deutsche, außerdem Spanier, Nigerianer, Polen, Chinesen und Koreaner.

Was hat’s gebracht?

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Einmal kam eine Fuchsjagd vorbeigeritten

Was weißt du jetzt über England, was du früher nicht wusstest?

Dass die Leute nicht so nett sind, wie sie tun. Die Nettigkeit ist etwas aufgesetzt. Dass die Fuchsjagd nicht mehr mit echten Füchsen durchgeführt wird, sondern mit einem Menschen, der als Fuchs verkleidet ist. Ansonsten – was weiß ich über England?

Gut, vielleicht eine doofe Frage. Würdest du anderen Jugendlichen empfehlen, ins Ausland zu gehen?

Es kommt darauf an, wohin. Ich würde sie vielleicht nicht unbedingt in die Schule schicken, in die ich gegangen bin. Ich weiß nicht, wie es in anderen Schulen oder in anderen Ländern ist. Aber an sich denke ich schon, dass es eine gute Sache ist – gerade, weil man neue Freunde findet.

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Außerhalb der Komfortzone