Manchmal läuft ein Reiseplan komplett schief, und es ist trotzdem toll. So ging es uns in der Stadt Luxemburg: Touristenprogramm zu 50 Prozent über den Haufen geschmissen, extrem begrenztes Zeitbudget, trotzdem mit Wonne verschiedene Facetten einer überraschenden Stadt entdeckt, in die sowohl Töchter als auch Eltern wiederkommen wollen.

Hipness neben Tradition

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Die Luxemburger Innenstadt erreichen wir viel später als geplant; es ist schon dunkel, und wir sehen nichts. Beziehungsweise: Wir sehen nur das, was elektrisch beleuchtet ist. Ein Kind entdeckt ein Amazon-Geschäftsgebäude und ist schlagartig überzeugt, dass Luxemburg eine große Nummer sein muss. Wir Eltern freuen uns mehr über Gebäude und Gelände der Mousel-Brauerei, die wir dank dem von zwei Luxemburgern betriebenen Reiseblog Mighty Traveliers ansteuern. Die Straßenfront des umgebauten Brauerei-Ensembles an den Rives de Clausen sieht aus wie in einem alten französichen Film, aber sobald wir das romantische Tor durchschritten haben, finden wir uns inmitten hipper Bars und Restaurants wieder und kommen nach ein paar weiteren Schritten prompt an hell leuchtenden Google- und Skype-Büros vorbei. Was für ein schnuckeliges Steuerparadies, denken wir Eltern. Und lassen uns in der eher traditionellen als hippen Brauereigaststätte Mousel’s Cantine nieder.

Wie spricht man, was isst man?

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Also, wie läuft es nun mit der Sprache? Reiseführer und Aussagen uns bekannter Luxemburger konnten keine eindeutige Auskunft geben, deshalb lauern wir auf das, was in Mousel’s Cantine passiert. An den nostalgischen Fenstern prangen kulinarische Weisheiten in Lëtzeburgisch, dem deutschen Dialekt, den man nur in Luxemburg spricht. Im Restaurant begrüßt man uns auf Französisch, die Karte ist mehrsprachig. Als die Kellnerin hört, dass wir Deutsche sind, schaltet sie sofort auf Deutsch um, aber auch ein amerikanisches Paar wird in seiner eigenen Sprache bedient. Luxemburg ist international; Französisch und Deutsch lernt man in der Schule, doch dank der EU-Institutionen und internationalen Unternehmen hört man hier auch auch viele andere Sprachen. Allerdings scheint uns, das Französische überwiegt – sprachlich ebenso wie beim kulinarischen Angebot, das in Mousel’s Cantine zudem mit massiver Fleischlastigkeit aufwartet. Als am Nebentisch ein Schweinskopf serviert wird, verlieren die Töchter für einige Minuten ihre gute Laune.

Luxemburg ist steil

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Die bekommen sie nach dem Essen allerdings wieder, denn der Rückweg zum Auto durchs Luxemburger Dunkel ist magisch. Wir scheinen am Grund einer Schlucht entlangzulaufen, links eine Szenerie wie auf vergilbten alten Postkarten, rechts stylische Bürogebäude, dahinter gigantische Felswände. Vor uns erheben sich steinerne Brückenpfeiler in expressionistisch-steilem Winkel nach oben.

Sightseeing: ein Versuch

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Das topographische Wechselspiel von Schlucht, Steilwand und Brücke und der architektonische Kontrast von altmodischer Gemütlichkeit und High-tech-Moderne wird am nächsten Morgen durch dichte Nebelschleier hinweg etwas deutlicher sichtbar. Man hatte uns einen Sightseeing-Bus empfohlen, der in der Nähe des „Gëlle Frau“ genannten Freiheitssymbols abfahren sollte. Die goldene Dame, steil aufragend wie die Felswände der Stadt, hält ihren Lorbeerkranz über uns, doch der Bus, so erfahren wir bei der Touristeninformation, fährt erst ab Ostern wieder. Aber da drüben, zeigt die Dame, nur ein paar Minuten zu Fuß, ist das großherzogliche Palais.

Changing the Guard

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Wenn schon keine Bustour, dann wenigstens das. Ein Palast, der von echtem Hochadel bewohnt wird, ist eine adäquate Entschädigung. Ein einsamer Wachsoldat patrouillert vor dem Eingang, irgendwann kommen zwei weitere hinzu. Jede Menge Hackenknallen und militärische Gesten, dann gehen zwei wieder weg, einer bleibt: Changing the Guard. Was in London eine rummeligeTouristenattraktion ist, mutet in der stillen Luxemburger Altstadt eher an wie absurdes Theater. Dieser Ort ist klasse, das ist der Familie in seltener Übereinstimmung spätestens jetzt klar.

Adel und Patisserie

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Oder vielleicht eher eine halbe Umdrehung später, denn gegenüber vom Palast steht das Chocolate House: das ultimative Torten- und Confiserieparadies, Futterquelle für den Instagram-Account der einen Tochter und für vier Augenpaare, die in diesem Fall nicht größer sind als der Mund. Hinter dem Verkaufstresen hängen der luxemburgische Großherzog Henri und Gattin Maria Teresa. Adel und Patisserie bilden eine unwiderstehliche Kombination und eine erstklassige Voraussetzung für ein Reiseziel nach unserem Geschmack.

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Luxemburg aus Papier

Das kulinarisch-royale Thema zieht sich durch die Stadt. Nachdem wir längere Zeit vor dem Schaufenster des Delikatessen-Hoflieferanten Kaempff-Kohler geklebt und schließlich blaue Macarons (die in der Schweiz Luxemburgerli heißen) gekauft haben, entdecken wir ein weiteres, ebenfalls attraktives Schaufenster – diesmal angefüllt mit Kunst. Es heißt „Cecil’s Box“ und enthält ein Luxemburg aus Papier, gefertigt von der Künstlerin Keong-A Song. Cecil ist eine Abkürzung für Cercle Cité Luxembourg, ein Ausstellungs- und Konferenzgebäude, in dem augenblicklich „Euroscope“, eine kleine und sehr feine Sammlung zeitgenössischer Arbeiten von in Europa ansässigen Künstlern, gezeigt wird.

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Kunst, hochklassig und unausweichlich

Ähm, ja. Wir hatten den Töchtern auf explizite Vorab-Nachfrage versprochen, dass wir in unseren weniger als 24 Stunden Luxemburg kein Museum besuchen würden. Aber was soll man machen, wenn die Kunst einem förmlich über den Weg läuft? Und wenn man von einem leuchtend blauen Kreis von Anish Kapoor begrüßt wird, darf man davon ausgehen, dass auch der Rest sich lohnt. Was der Fall ist.

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Kleine Länder sind etwas Besonderes

Vor allem aber sind wir völlig von den Socken ob des Empfangs, den man uns am Ausstellungseingang bereitet. Man spricht mit uns, erklärt uns, dass der Eintritt gratis ist, drückt uns einen Katalog – ebenfalls geschenkt – in die Hand, der großen Tochter einen wahlweise englisch- oder französischsprachigen Führer für Teens, der kleinen einen für Kinder. Und ist sogar noch freundlich, als ich nach einer Fotoerlaubnis frage. Also wirklich. Kleine Länder sind etwas Besonderes.

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Warum der luxemburgische Adel uns verpflichtet

Wir müssen unbedingt wiederkommen. Nicht nur wegen der Bustour und der spektakulären in den Fels gehauenen Kasematten, die man im Winter nicht besichtigen kann. Sondern auch, weil der luxemburgische Adel uns verpflichtet. Denn, jetzt kommt’s, im Jahr 2000 haben wir, damals noch kinderlos, auf der Durchreise eine Nacht in Luxemburg verbracht. Am nächsten Morgen war die Stadt so ruhig wie bei unserem jetzigen Besuch, aber auf einmal waren Kanonenschüsse zu hören. Wir bewegten uns in Richtung des Geschehens, und wir sahen – eine Benelux-Hochadelsparade! Großherzog Henri wurde offiziell inthronisiert, und mit ihm wanderten Beatrix, zu dem Zeitpunkt Königin der Niederlande, und das damalige belgische Königspaar durch die Hauptstadt. Zum Fotografieren nah. Was für ein Glück, mit diesem Blogbeitrag endlich einen Vorwand zu haben, meine royalen Fotos mit der Welt zu teilen!