Zuletzt aktualisiert am 1. September 2019 um 15:08

Es gibt viele Gründe, die Ausstellung „Triumphant Scale“ mit den großartigen Werken des afrikanischen Bildhauers El Anatsui im Münchner Haus der Kunst zu besuchen. Für jeden. Nicht zuletzt für Leute, die mit ihren Kindern unterwegs sind, denn die El-Anatsui-Schau ist ein erstklassiger Kulturtipp für Familien.

Von der Scheu, Kinder mitzunehmen in Kunstausstellungen

Warum scheuen sich Eltern, ihre Kinder mitzunehmen ins Kunstmuseum? Die Gründe sind meist relativ ähnlich: weil sie fürchten, die Kinder könnten sich langweilen und keinen Zugang zum Gezeigten finden, sie könnten maulig werden, aus der familiären Museumstour einen stressigen Spießrutenlauf machen und sich so verhalten, dass andere Kulturhungrige gestört würden.

El Anatsui: Fassade vom Haus der Kunst
Mosaik aus Druckplatten: Für seine Ausstellung hat El Anatsui die Fassade vom Haus der Kunst umgestaltet

Zum Glück gibt es Ausstellungen wie die große El-Anatsui-Schau im Münchner Haus der Kunst, in der sich derartige Vorbehalte in Luft auflösen. Der aus Ghana stammende, seit langem in Nigeria ansässige Bildhauer El Anatsui ist einer der großen Namen in der zeitgenössischen afrikanischen Kunstszene. International bekannt geworden ist der heute 75-Jährige mit prächtigen Wandbehängen, deren schimmernde Gold- und Metallictöne an royale Tapisserien von verschwenderischer Opulenz erinnern. Sie bestehen aus einer Unmenge miteinander vernähter Einzelteile aus Aluminium, die sich zu komplexen, in Falten drapierten Mosaiken fügen. Zu märchenhaften Mosaiken aus Müll. Denn El Anatsui arbeitet mit Schraubverschlüssen von Flaschen. Zusammen mit seinem Assistententeam klopft er sie zu Plättchen, dreht sie zu Schlaufen, näht sie mit Kupferdraht zusammen zu Streifen und Flächen, aus denen monumentale Wandskulpturen entstehen.

Schimmernde Pracht aus Flaschenverschlüssen

El Anatsui in München
Lässt manchmal an Klimt denken: „In the World But Don’t Know the World“ von 2008

Dem optischen Zauber dieser raumgreifenden Kunstwerke entzieht sich niemand. El Anatsuis silberne und goldene Vliese wirken schwer und geschmeidig zugleich, sie verwandeln die Räume, in denen sie hängen, und bieten dem Auge unzählige Details, in die es sich vertiefen kann. Der „Triumphant Scale“ dieser Kunstwerke, ihre monumentale Pracht, nach der die Ausstellung benannt ist, stellt bereits eine gute Voraussetzung dar, um auch jüngere Kinder zu fesseln.

El Anatsui, Tin Caps
Wenn Schraubverschlüsse zu Kunst werden: Detail von „In the World But Don’t Know the World“

Richtig spannend wird die Sache allerdings, wenn man sich das Material dieser Wandbehänge vor Augen führt: Flaschenverschlüsse aus Aluminium. Kleine Verpackungselemente, die wir täglich wegwerfen, ohne Notiz von ihnen zu nehmen. El Anatsui zieht sie heraus aus der Welt des Zivilisationsmülls und verwandelt sie in Kunstwerke, die immens kostbar wirken. Dabei bringt er Konsumgewohnheiten genauso aufs Tapet wie die erstickenden Müllmengen, die unsere Gesellschaften produzieren und nicht selten in afrikanischen Ländern abladen: Themen, mit denen sich viele Kinder und Jugendliche beschäftigen. Außerdem, und das interessiert eher die Erwachsenen, rückt er Afrikas Rolle im internationalen Im- und Exportgefüge sowie die Spuren der Kolonialisierung in den Blick.

Was ist kostbar?

El Anatsui, Tins
Gelegentlich verwendet Al Anatsui Dosenböden anstelle von Verschlüssen: „Yam Mound“

Das alles, ohne irgendwen belehren zu wollen. Im Gegenteil: Der Müll, das Weggeworfene, Unscheinbare, wird unter der Hand von El Anatsui schön. Vielleicht sind die Dinge gar nicht so, wie wir immer meinen. Vielleicht ist das Wertlose viel wertvoller, als man gemeinhin denkt. Es kommt nur darauf an, wie man es sieht und was man damit macht. Immerhin betreibt da ein Künstler von globaler Bedeutung Werkstätten, in denen zahlreiche Menschen Tausende von Arbeitsstunden damit verbringen, weggeworfene Kleinteile zu Museumsstücken zu verarbeiten – so, wie man es andernorts seit Jahrhunderten mit teuren Materialien macht.

El Anatsui: Details
Stundenlang könnte man sich in diese Details vertiefen

Kunstbücher für Kinder erzählen gern davon, dass man aus allem Kunst machen kann – eine Tatsache, die seit rund hundert Jahren immer weniger bestritten wird und die der Kreativität von Kindern eine Menge Input gibt. Auch die Reliefs El Anatsuis erzählen davon, aber sie berichten zugleich von detailversessener Mühe, von Kunsthandwerk, von afrikanischen Textiltraditionen. Sprich: Der Beliebigkeit der Idee „alles ist irgendwie Kunst“, die für Kinder und Hobbykünstler zu Recht inspirierend ist, in der aktuellen Kunstwelt aber gerne mal zu faden post-beuysschen Konzept-Kreationen von dünner ästhetischer wie inhaltlicher Substanz führt, setzt dieser Recyclingkünstler der obersten Liga eine sichtbar akribische Erforschung von Materialien entgegen, mittels derer er gleichzeitig eine bemerkenswerte Ästhetik schafft und auf große Themen der globalisierten Welt verweist.

El Anatsui in München: Herumlaufen erwünscht

Monumental und transparent zugleich: Die Rauminstallation „Logoligi Logarithm“ von 2019
Kunst, die dafür gemacht ist, sich darin zu bewegen

Mit unbefriedigenden Erzeugnissen der Gegenwartskunst haben Kinder in der Regel keine besonders traumatischen Erfahrungen gemacht, dafür aber oft genug mit Langeweile und Verboten in Museen. Bei El Anatsui im Haus der Kunst bekommen sie nicht nur Spektakuläres und auch für jüngere Menschen Interessantes zu sehen, sondern sie werden geradezu dazu aufgefordert, sich frei und ungehindert durch die Kunst hindurchzubewegen: Die labyrinthische Rauminstallation „Logoligi Logarithm“, von El Anatsui speziell auf die Gegebenheiten im Haus der Kunst zugeschnitten, nimmt einen zentralen Platz in der Ausstellung ein und lebt durch das Zusammenspiel mit den Besuchern, die sich in den Gängen aus transparentem Aluminiumgewebe verlieren, beobachten, wiederfinden. Zusammen mit dem Parcours durch die großzügigen Ausstellungsräume, in denen sich immer neue Wunderwerke triumphalen Ausmaßes aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer anders bestaunen lassen, könnte diese Installation Kinder und Eltern davon überzeugen, dass Kunstausstellungen durchaus Orte sind, an denen Familien etwas zu suchen haben.

Eine plastische Vorstellung von der Arbeit in der Werkstatt El Anatsuis gibt dieses Video

INFO: El Anatsui in München

Relief, Muster, Struktur in Holz: „Grandma’s Cloth Series VI“ von 1992

Die Ausstellung „El Anatsui. Triumphant Scale“ ist noch bis zum 28. Juli 2019 im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Außer den Wandbehängen aus Flaschenverschlüssen, die den Schwerpunkt bilden, werden auch frühere Arbeiten El Anatsuis, geschaffen vor allem aus Holz, gezeigt. Öffnungszeiten sind täglich 10.00 bis 20.00 Uhr, donnerstags bis 22.00 Uhr. Der Eintrittspreis für die Ausstellung beträgt 10 Euro; Jugendliche bis 18 Jahre, Auszubildende und Studenten zahlen 5 Euro.