Ein Ryokan ist ein traditionelles japanisches Gasthaus, an dessen Eingang man die Schuhe auszieht, in dem man auf Futons schläft und das Essen im japanisch eingerichteten Zimmern serviert bekommt. Zwei Nächte lang haben unsere Töchter und wir uns dem Erlebnis Ryokan hingegeben – mit Haut und Haar.

Kimono

Unsere Zimmerdame trägt einen Kimono und kann opulente Mahlzeiten in perfekter Symmetrie anordnen. Sie lächelt viel, redet wenig und entschuldigt sich für ihr „very little English“. Letzteres stört uns gar nicht, denn bei unserer Ankunft hat uns ihr Chef mit vielen Verbeugungen und in eloquentem Englisch begrüßt – und uns erklärt, was man beim Besuch im Ryokan wissen muss. Ein Glück. Genaue Verhaltensregeln für den Aufenthalt in diesen traditionellen Gasthäusern gibt es zwar in fast jedem Japan-Reiseführer, aber gern wird vor Fettnäpfchen und Sprachbarrieren gewarnt. Offenbar allerdings sind auch die Ryokan-Betreiber mittlerweile bis zu einem gewissen Grad auf internationale Besucher eingestellt – zumindest in dem Badeort Hakone, in dem unser Ryokan namens Hoeiso steht.

Hakone

Hakone: Heiße Quellen und neblige Berge

Hakone ist keine 100 Kilometer von Tokio entfernt, in den Bergen gelegen und reich an heißen Quellen, die in Japan Onsen heißen. Sie haben das Städtchen zum Badeort gemacht, denn das Entspannen im Onsen gehört in Japan zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen, und ein Wochenende im Ryokan mit Onsen ist ein klassischer Erholungstrip für vielbeschäftigte Städter. In unserem Fall sind die zwei Tage im Ryokan der perfekte Abschluss einer Reise, deren vorherige Stationen Tokio und Kyoto spannend, aber nicht unbedingt entspannend waren – denn wir befanden uns fast pausenlos in Aktion. (Genaue Details zum Baden im Onsen finden sich übrigens auf dem Weltwunderer-Blog.)

Yukata

Nachdem wir uns per Shuttle vom Bahnhof Hakone über waldige Serpentinen zu unserem Ryokan hinauffahren lassen, unsere Schuhe am Eingang gegen Pantoffeln getauscht uns die Einweisung in den Ryokan-Alltag angehört haben, lernen wir die während der nächsten Tage für uns zuständige Dame kennen. Sie bringt uns in unser Zimmer. Eigentlich ist es ein Appartement mit zwei traditionell japanisch eingerichteten Räumen, die durch Schiebetüren getrennt und mit Tatamimatten ausgekleidet sind. Der Tisch steht auf Bodenhöhe, drumherum Stühle mit Lehnen, aber ohne Beine. In einem Wandschrank liegen Yukatas, einfache Haus-Kimonos aus Baumwolle. Neben den japanischen Zimmern gibt es eine kleine Sitzecke mit westlich proportionierter Couch. Vor den Fenstern: flauschig-üppiger Wald, viel Nebel und eine kleine Terrasse, die so angelegt ist, dass man das Gefühl hat, ganz allein in diesem Grün zu sein. Ungehemmt laufen wir in unseren Yukatas herum – bis das Abendessen kommt.

Erfahrung fürs Leben: Essen im Ryokan

JapaneseFood

Das Menü ist ungeheuerlich. Es besteht aus unzähligen kalten und warmen Speisen, die gefühlvoll auf den passenden Tellern, in Schalen und Körben angerichtet sind – mit einer Finesse, die alle Erwartungen sprengt. Den Fasan, eine Spezialität des Hauses, dürfen wir uns selbst auf einem Shabu-Shabu-Stövchen in einer Art Fonduetopf garen. Wobei jeder von uns seine eigene Feuerquelle mit Topf bekommt.

Shabushabu

Die kulinarische Experimentierfreude nimmt in unserer Familie gewöhnlich parallel zum Alter zu. Unsere jüngere Tochter begnügt sich mit Reis und einem halben Pilz, was die Eltern dazu verleitet, mehr zu essen, als gut für sie ist. Die Aromen, die uns hier auf die Zunge kommen, haben wir noch nirgendwo zuvor erlebt. Zum Glück haben wir uns in einem Souvenirgeschäft mit Mini-Fläschchen von japanischem Single-Malt-Whisky eingedeckt. Denn wenngleich bald nach dem Essen ein Hotelangestellter kommt, Futons und Bettwäsche aus einem weiteren Wandschrank nimmt und uns das Nachtlager bereitet, haben wir noch etwas vor uns: Das Hoeiso verfügt über einen Indoor- und einen Outdoor-Onsen. Beide sind nach Geschlechtern getrennt, aber draußen kann man auch separate Badezeiten für die ganze Familie reservieren. Und da wir erst heute angekommen sind, ist nur noch am späten Abend ein Zeitfenster frei.

Futon

Erst Onsen, dann Futon

Was zur Folge hat, dass wir, bekleidet mit den blau-weißen Yukatas, im Dunklen durch einen geheimnisvoll beleuchteten japanischen Garten wandeln, uns bis zum Umkleidehäuschen vortasten und schließlich in ein Steinbecken mit heißem Wasser steigen, das wir gar nicht sehen, bis wir es irgendwann mit Blitzlicht fotografieren. Das macht aber nichts, denn im Dunklen ist es lauschig, Glühwürmchen fliegen um uns herum, und wir hören es rauschen. Am nächsten Tag sehen wir den Fluss, neben dem der Onsen liegt.

Onsen

JapaneseOnsen

Wir schlafen wunderbar auf Futons und Reiskissen, doch als wir am folgenden Morgen aufwachen, sind wir mit den Gepflogenheiten der Ryokan-Gastronomie überfordert. Das Frühstück wird spätestens um neun Uhr serviert, und der Mann, der fürs Zusammenrollen der Betten zuständig ist, klopft schon reichlich vorher. Müde verkrümeln wir uns auf unsere westlichen Polstermöbel und schauen dann mit einer gewissen Sorge unserer Zimmerdame zu, die das Frühstück anrichtet. Es sieht ähnlich aus wie das Menü vom Vorabend: Suppen, kalte Speisen, Fisch, Reis. Wunderschön. Aber wir müssen passen und lassen mit beklemmender Unhöflichkeit große Teile eines bestimmt herrlichen Mahls zurückgehen. Unsere Zimmerdame erlebt das offenbar nicht zum ersten Mal: Sie zückt ihr Handy und zeigt auf einen englischen Satz auf dem Display. „Do you want bread for breakfast?“, steht da. Yes, please. Am zweiten Morgen bekommen wir Toast und Rührei.

Japon

Nur der Fuji bleibt unsichtbar

Aber zunächst verbringen wir unseren Tag damit, den Garten samt seiner Sonnenschirme zu erkunden, die man bei der feuchten Wetterlage zwar nicht braucht, die aber wunderbar japanisch aussehen. Außerdem suchen wir den Berg Fuji. Hakone ist für seinen Fuji-Blick bekannt, doch leider versteckt sich der heilige Berg gern im Nebel. So auch heute. Unsere geplante Fuji-watching-Bootstour fällt in das Wasser, das uns in Form dichter Schwaden umhüllt. Das ist ein bisschen bedauerlich, aber immerhin haben wir bei unserer Zugfahrt von Tokio nach Kyoto schon einen kurzen Blick auf den Fuji erhascht – und ja, er ist umwerfend.

Ryokan

Wir essen noch ein riesiges Abendmenü, wickeln uns ein letztes Mal in die Yukatas und baden im Indoor-Onsen – unter genauer Beachtung der Etikette: Beim Betreten des Badetrakts werden die Hauspantoffeln gegen Badepantoffeln getauscht, im Umkleideraum alle Kleider abgelegt. Vor dem Bad im Gemeinschaftsbecken waschen wir uns gründlich von oben bis unten mit Seife, wie es sich gehört. Wir schlafen mit Wonne auf dem Boden, saugen die Wirkung der traditionellen japanischen Innenarchitektur in uns ein, schauen immer wieder durch die Fenster mit den typischen Schiebeblenden und verlassen den Ryokan Hoeiso mit einer stark belasteten Kreditkarte, dafür aber mit Eindrücken und Erinnerungen, die nicht in Geld aufzuwiegen sind. Bestimmt war unser Ryokan-Aufenthalt Luxus, aber dieser Luxus war Nahrung für Geist und Körper zugleich. Und damit extrem japanisch, denn die westliche Dualität von Innen und Außen ist ein Konzept, das in dieser Kultur nicht greift.