Was für eine Art von Kunst sollte man sich gemeinsam mit Kindern anschauen? Nach meinen Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate würde ich sagen: Solche wie die von Hans Op de Beeck ist optimal geeignet. Wer nicht allzu weit von Wolfsburg entfernt ist, kann bis zum 3. September im dortigen Kunstmuseum in die magische Welt des Belgiers eintauchen. Aber auch online gibt es Hans Op de Beeck zu sehen

Hans Op de Beeck in Wolfsburg und anderswo

Leider leben wir nicht in der Nähe von Wolfsburg – sonst wäre das hier auf jeden Fall ein Ausstellungsbericht über die Schau „Hans Op de Beeck – Out of the Ordinary“. Ich würde die Hunderte von Kilometern auf mich nehmen, hätte ich nicht einen Großteil des Gezeigten im letzten Jahr auf der Art Basel und im Kulturzentrum Centquatre in Paris gesehen. Als Ersatz für ein erneutes Abtauchen in den speziellen Zauber der Welten, die der Brüsseler Künstler kreiert, will ich hier in Erinnerungen schwelgen – und ein wenig Hans-Op-de-Beeck-Fieber verbreiten. Für das sind auch Kinder sehr empfänglich.

Stille Magie

Hans Op de Beeck: Collector's House

Hans Op de Beeck: Collector’s House, 2016 – auf der Art Basel

Unsere erste Erfahrung mit der Magie des Hans Op de Beeck hatten wir auf der Art Basel 2016 – ich habe darüber geschrieben: Vor der Rauminstallation „Collector’s House“ wartete eine nicht unbeträchtliche Menschenschlange, in die wir uns einreihten. Mit Kind. Wir hatten an diesem Tag bereits viel gesehen, waren müde und potentiell kunstmüde. In einem solchen Zustand ist eine Warteschlange eigentlich eine absolute Killer-Voraussetzung für so etwas wie Kunstgenuss. Trotzdem müssen wir nur die ersten Schritte in Hans Op de Beecks graues Interieur tun, und wir sind sofort in einem anderen Kosmos, der uns schlagartig einfängt. Kontemplativ bewegen wir uns durch die luxuriös-dekadente und seltsam erstarrte Einrichtung eines fiktiven Kunstsammlers, versinken in einer Atmosphäre, die nicht ganz von dieser Welt ist, und bleiben lange am Rand des Seerosenteichs sitzen – inklusive Kind, dem es hier überhaupt nicht langweilig wird. Ein Kunstwerk, das auf der rummeligen Art Basel eine solche stille Magie erzeugen kann, ist schon allein deshalb erstaunlich.

Mysteriöse Miniaturwelten

Hans Op de Beeck: The Settlement (2)

Hier und ganz oben: Hans Op de Beeck: The Settlement (2), 2013

Als ich im Dezember den ersten Raum der Ausstellung „Saisir le silence“ in dem wunderbaren Pariser Kulturzentrum Centquatre betrete, sehe ich sofort Kinder, die gebannt vor der Miniatursiedlung „The Settlement (2)“ stehen und liegen. „The Settlement“ ist eine Installation aus 15 hölzernen Wohnhäusern, die auf einer spiegelnden Wasseroberfläche stehen – auch sie grau und nur von einem dämmrigen violetten Licht erhellt. Die menschenleere Siedlung gibt Rätsel auf – wer hat sie erbaut, wozu dient sie, wo befindet sie sich? Doch während sich diese Fragen fast automatisch einstellen, spürt man beim Betrachten keinerlei Dringlichkeit, sie zu lösen – die Atmosphäre des Geheimnisvollen, das sich im Grunde vielen alltäglichen Details verdankt, reicht völlig aus.

Kulissen für mentale Theaterstücke

Hans Op de Beeck: Caravan

Hans Op de Beeck: Caravan, 2016

Wenn von Hans Op de Beeck gesprochen und geschrieben wird, kommen viele Assoziationen zur Sprache: das Grau von Pompeji, die Stille der präzisen Alltagszenerien von Vermeer, Bühnenbilder, Filmkulissen. Die nächtliche Szene „Caravan“, in der ein Wohnwagen mit Lagerfeuer an einem verschneiten Ort neben einem verschlossenen Karussell steht, besitzt zweifelsohne Fellini-Charme, aber statt eine Geschichte zu erzählen, zeigt sie nur Spuren von Leben. Ob wir selbst eine Geschichte ersinnen oder uns komplett in die Atmosphäre versenken, entscheiden wir beim Betrachten ganz allein. So oder so verlassen wir die Installationen des Künstlers in einer anderen Stimmung, als wir sie betreten haben – wie einen Kinosaal, nachdem ein guter Film lief.

Stichwort Immersion

Hans Op de Beeck: The Lounge

Hans Op de Beeck: The Lounge, 2014

Immersion ist eine Vokabel, die schwer im Trend liegt, wenn es um kulturelle Erfahrungen geht – und zwar um kulturelle Erfahrungen im weitesten Sinne. Vom Immersion wird in der Kunst ebenso gesprochen wie im Marketing. Das durchdesignte Setting von Luxusboutiquen möchte zur Immersion in Markenwelten einladen. Virtual-Reality-Projekte treiben es mit der Immersion so weit, dass man in der nicht-virtuellen Realität gar nicht mehr richtig vorhanden ist. Und künstlerische Rauminstallationen sorgen für das Erlebnis von Anderswelten, die uns mit Haut und Haar vereinnahmen. Solche immersiven Rundum-Erfahrungen, durch die man sich hindurchbewegen kann, sind meiner Erfahrung nach erstklassig geeignet für familiäre Kunstaktivitäten, an deren Ende Kinder überzeugt sind, dass Museen Spaß machen. Hin und wieder, das lässt sich nicht leugnen, nehmen sie disneyhafte Züge an. Davon allerdings sind die Arbeiten von Hans Op de Beeck weit entfernt.

Hans Op de Beecks Kunst ansehen

Hans Op de Beeck: Staging Silence (2)

Aus Hans Op de Beecks Film „Staging Silence“ von 2013

Nachdem ich dies alles geschrieben habe, bin ich fast überzeugt, dass ich die Ausstellung „Hans Op de Beeck – Out of the Ordinary“, die bis zum 3. September im Kunsmuseum Wolfsburg läuft, doch noch anschauen muss. In den meisten Hans-Op-de-Beeck-Ausstellungen werden auch Filme gezeigt, die ebenso zum Werk des 1969 geborenen Belgiers gehören wie seine Installationen. Einer von ihnen, „Staging Silence (2)“ aus dem Jahr 2013, fängt die spezielle Op-de-Beeck-Magie nicht nur wunderbar ein, sondern ist auch auf YouTube zu sehen – falls man gerade nicht die Gelegenheit hat, für den Kunstgenuss ins Museum zu gehen.