Wer ab und zu mal auf diesem Blog liest, der weiß, dass es uns ernst ist mit der Kunst. Wenn wir allerdings, wie kürzlich geschehen, nach einem halben Stadttag bei 36 Grad Celsius in eine Ausstellung kommen, dann kann es passieren, dass selbst die kulturbeflissene Mutter nicht mehr genug Energie hat, um ihr Hirn zu bemühen und sich mit den Erklärungstexten zu beschäftigen. Weshalb wir die Schau „Jardin infini“ – „Unendlicher Garten“ – im Centre Pompidou Metz geschlossen in der Art von Trance anschauen, in der meine Töchter augenblicklich wohl die meisten Kunsterlebnisse auf sich wirken lassen. Auch keine schlechte Erfahrung.

Mittenrein in die Vegetation

Ernesto Neto, Centre Pompidou Metz

Ernesto Neto: „Leviathan – Main – Toth“ von 2006

Sie machen einem den Einstieg nicht schwer im Centre Pompidou Metz. Das fantastische Gebäude des japanischen Architekten Shigeru Ban löst schon auf den ersten Blick Lust auf Kunst aus – und wenn man es betritt und unter seiner luftigen hohen Holzstruktur steht, dann erst recht. Während der Dauer der Ausstellung „Jardin infini“ ist der Aha-Effekt noch größer, denn jetzt hängt schon im Foyer die riesige Installation „Leviathan – Main – Toth“ von Ernesto Neto: ein raumgreifendes Gebilde von Netzen, die in schwere, organisch anschwellende Formen auslaufen.

Gabriel Orozco, Centre Pompidou Metz

Gabriel Orozco: „Color Travels through Flowers“, 1995

Wir sind noch etwas benebelt von der Hitze draußen und beginnen versehentlich mit dem zweiten Teil der Ausstellung, in dem vor allem Gegenwartskunst präsentiert wird. Aber das macht nichts, denn so geraten wir gleich in das bunte Labyrinth des Mexikaners Gabriel Orozco hinein. Dessen Papierwände sind mit Bögen bespannt, deren Motive durch den Abdruck gefärbter Blüten und Blätter entstanden sind – und zwar bei der Herstellung von Kunstblumen. Es fühlt sich entspannt an inmitten dieser Papiere, zwischen denen wir wandeln wie in einem richtigen Garten.

Trüber Teich

Pierre Huyghe Centre Pompidou Metz

Pierre Huyghe: „Nymphéas Transplant, 14-18“, 1914

Allerdings lassen wir uns nicht täuschen: Die Gartenausstellung des Centre Pompidou Metz zeigt keineswegs nur heile Welt. Direkt neben dem Labyrinth steht ein ziemlich trübes Aquarium von Pierre Huyghe. Die Erklärungstafel hierzu lesen meine ältere Tochter und ich uns trotz mentaler Mattigkeit mehrfach durch, aber so richtig begreifen weder das mit naturwissenschaftlichem Verständnis gesegnete Kind noch seine Mutter, was Pierre Huyghe hier tut. Klar ist: Er hat sein Aquarium mit Wasser aus dem wohl berühmtesten Teich der Kunstgeschichte gefüllt: mit Wasser aus Monets Seerosenteich im französischen Giverny. Außerdem hat Huyghe die Beleuchtung des Aquariums offenbar gemäß irgendwelcher Wetterdaten aus dem Ersten Weltkrieg eingestellt, aber ganz leuchtet uns das nicht ein: Wurde es in den Gewässern während der Zeit des Ersten Weltkriegs alle paar Minuten dunkel und wieder hell? Und überhaupt: Gefällt das den Fischen, die in diesem Aquarium leben? Vielleicht hätten wir den Erklärungstext einfach überspringen und uns nur das trübe gelbe Becken ansehen sollen: ein echtes Pierre-Huyghe-Biotop mit einer seltsamen Durchmischung von Tierwelt und Zivilisation, das man mit einer Mixtur aus Befremden und Sympathie betrachtet.

Amazonien im Centre Pompidou Metz

Amazonie Centre Pompidou Metz

Tarsila: „A Cuca“, um 1924

Die üppigen Regenwälder Südamerikas haben es den Ausstellungsmachern angetan; sie interpretieren auch dieses sich ständig verändernde Naturgebiet als einen großen Garten, in dem sie hier ästhetisch schwelgen. Unser kindliches Gemüt erfreut sich an einem Bild mit dem Titel „Kinderschreck“, mit dem die brasilianische Künstlerin Tasila in den 1920-ern eine Verbindung aus brasilianischer Folklore und moderner Kunst schaffen wollte.

Ernesto Neto

Ernesto Neto: Flower Crystal Power

Ernesto Neto: „Flower Crystal Power“, 2014

Drei Schritte weiter beglückt wieder der Star der Ausstellung Ernesto Neto – auch er ein Brasilianer – das Publikum. Diesmal mit einem gigantischen Schirm, unter dem seine Netzdolden hängen. Auf einer riesigen Blüte liegend, kann man sie von unten anschauen.

Kunstgeschichtsgärten

Hilma af Klint

Hilma af Klint: „The Dove, Nr. 2“, 1915

Weil wir uns in der Reihenfolge der Ausstellungsebenen geirrt haben, geraten wir erst zum Schluss in den Bereich mit den Gartenbildern, -skulpturen, -installationen und -videos, die verschiedene Blickwinkel des 20. Jahrhunderts repräsentieren. Wir bleiben vor Werken von Max Ernst und Wolfgang Tillmanns stehen, erfreuen uns an Jean Dubuffet und ganz besonders an Hilma af Klint. Dass unter dem Oberbegriff „Kosmischer Frühling“ auch ein Bild der 1866 geborenen Schwedin zu sehen ist, die, unbemerkt vom Rest der Welt, eine der Erfinderinnen der abstrakten Kunst war, erzählt einiges über den Anspruch, mit dem die Ausstellung in Metz konzipiert wurde. Dem Phänomen Garten wird hier in seiner ganzen Komplexität nachgegangen, es geht um spirituelle Aspekte, um ökologische, ästhetische, historische und geopolitische.

Centre Pompidou Metz exposition Jardin infini

Was es mit dieser goldenen Schildkröte auf sich hatte, weiß ich nicht mehr, aber sie gefiel uns

Wir waren bei unserem überhitzten Besuch des Centre Pompidou Metz eher wie in einem Garten als wie in einer Ausstellung unterwegs und konnten gewiss nicht das gesamte Potential dieser Schau würdigen. Trotzdem haben wir einiges von unserem Besuch gehabt: Wir sind durch sinnliche Kunstgärten flaniert, haben uns an lateinamerikanischer Üppigkeit erfreut und ein paar Highlights der Kunst des 20. Jahrhunderts genossen. Für einen Ausstellungsbesuch mit Kindern ist das schon eine ganze Menge.

INFO „Jardin infini“ im Centre Pompidou Metz:

Die Ausstellung „Jardin infini“ – „Unendlicher Garten“ – ist noch bis zum 28. August 2017 im Centre Pompidou Metz zu sehen. Vom Bahnhof der Stadt ist das Museum in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen, in die Innenstadt sind es etwa 15 Minuten. Die Ausstellung ist durchgehend dreisprachig betextet: franzöisch, englisch, deutsch – ein Vorteil der Grenznähe von Metz!