Museen sind toll, aber unser bevorzugter Ort, um etwas über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu erfahren, ist das Geschäft der Puppenmarke American Girl an der New Yorker 5th Avenue. Geschichte, Ethnologie, Kultur, Werte, Alltagsleben: Die American-Girl-Puppen und ihr Zubehör decken alle Themen ab.

Dieses Spielzeug ist amerikanisches Kulturgut

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Ein echtes American Girl ist eine loyale Freundin

Für alle, die mit Kind – genauer gesagt: mit weiblichem Kind – nach New York kommen (oder in eine andere US-Großstadt mit American-Girl-Store), gilt: Unbedingt hineingehen! Diese Puppen sind echtes amerikanisches Kulturgut. In einem entlegenen Städtchen an den Großen Seen erzählt eine ältere Dame, wie sie mit ihren Enkelinnen rituelle Geburtstagsausflüge nach Chicago macht, um ihnen die American-Girl-Puppe fürs Leben zu kaufen. Die neue Freundin unserer Tochter hat ihre ersten Jahre in den USA verbracht und ihr Leben in Deutschland mit einem American Girl begonnen. Auf der 5th Avenue hört man Teenie-Girls auf der Höhe des American Girl Place – so der Name der Markenshops – in Erinnerungen schwelgen: „Hier hat meine Oma mir die Puppe gekauft, die aussieht wie ich!“ Im Laden selbst sieht man Familien in unterschiedlicher Besetzung; meistens dabei allerdings: ein Mädchen mit American-Girl-Puppe im Arm, vorzugsweise identisch mit der Puppe gekleidet, strahlend, fachmännisch die Angebote studierend, am Ende mit tiefroten Tüten bepackt das Geschäft verlassend.

Puppen, so multikulturell wie ihr Land

Dass die USA ein Einwandererland sind, wird beim Puppenangebot auf den ersten Blick sichtbar. Das eigene American Girl kann man sich passend zum persönlichen Look aussuchen: blond und hellhäutig, mit etwas dunklerem Teint und braunen Haaren, mit dunkler Haut und schwarzen Haaren; die Frisur glatt oder lockig, der Teint sommersprossig oder wie aus Porzellan. Egal, woher die Ahnen stammen: Das passende American Girl findet sich im Regal.

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Breakfast in America – für Puppen

Das American Girl steht für amerikanische Tugenden

Und egal, woher die Ahnen stammen: Jede Puppe ist eine waschechte Amerikanerin. Begeistert dabei, wenn es um Sport oder um eine Party geht; immer bestens ausgerüstet mit Puppenzubehör von der Plastikmahlzeit über das Cheerleader-Kostüm und das Musikinstrument bis hin zum Gips, denn wer Sport treibt, kann auch mal fallen. Kein Problem für die Puppe und ihre Besitzerin! Eine interaktives Geschichtenbuch von American Girl heißt „Second Chances“ – ganz im Einklang mit der amerikanischen Überzeugung, dass man ruhig hin und wieder am Boden liegen, nie jedoch aufgeben darf.

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Man darf ruhig mal fallen, wenn man danach wieder aufsteht

Was ein amerikanisches Mädchen sonst noch ausmacht, erfährt man beim Sammeln der Charms: kleiner Kettenanhänger, die verschiedenen Kleidersets beiliegen und die jeweils mit einer Eigenschaft beschriftet sind. Die neun Schlüsseltugenden heißen: stark, klug, zuversichtlich, aufrichtig, freundlich, tapfer, stolz, fair und loyal. Das Zeug, aus dem die Enkelinnen der Pioniere sind!

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Amerikanische Schlüsseltugenden als Kettenanhänger

Im Puppen-Frisiersalon

Und natürlich will man auch gut aussehen als American Girl. Zu diesem Zweck kann man sich von seiner Besitzerin in den Puppen-Frisiersalon bringen und dort neu frisieren lassen. Auch Ohrlochstechen für Puppen wird angeboten. Unser Fazit: Das gibt’s nur in Amerika! Oder sollte man mit Goethe sagen: Amerika, du hast es besser?

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Hier wird das American Girl frisch frisiert

„Historical Characters“: US-Geschichte im Puppenformat

Aber Amerika war nicht immer das Land des Konsumwahnsinns. Auch darüber kann man bei American Girl einiges lernen. Die Serie der „Historical Characters“ bietet US-Geschichte im Puppenformat. Eine Reihe von Puppen-Persönlichkeiten verkörpert verschiedene Epochen der amerikanischen Historie, authentisch ausgestattet von der Kleidung bis zum Picknickkorb, beim Kauf begleitet von einem Kinderroman, der vom Leben der Puppe erzählt und gleichzeitig Wissenswertes über ihre Zeit vermittelt.

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Die Indianerpuppe Kaya besitzt Hundeschlitten und Tipi

Den historischen Anfang macht Kaya, das Indianermädchen aus dem 17. Jahrhundert. Die dunkelhäutige Addy flieht aus der Sklaverei, während die blonde Caroline sich während des britisch-amerikanischen Krieges 1812 bewähren muss. Josefina erlebt das Schicksal einer lateinamerikanischen Einwandererfamilie des 19. Jahrhunderts; Rebecca kommt 1914 aus Russland nach Amerika und lebt dort ihre jüdischen Traditionen weiter.

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Good Girl: die blonde Caroline in Zeiten des Bürgerkriegs

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Die Jüdin Rebecca ist aus Russland eingewandert

Man verlässt das Geschäft – und ist beeindruckt

Kit behält ihre gute Laune während der großen Depression, und Julies Leben wird von den gesellschaftlichen Veränderungen und den Hippie-Moden im San Francisco des Jahres 1974 geprägt.

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Julie, das Hippie-Girl aus dem San Francisco der Seventies

Da bleibt dem Besucher aus der Alten Welt die latente Konsumkritik im Halse stecken. Außerdem darf er sich beim Besuch der Toiletten am durchdachten Design des American Girl Place freuen: In jeder Kabine hängt an der Wand ein Doll Holder für die Puppe.

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Erfindung aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Doll Holder fürs American Girl