Die Idee einer Taiwan-Reise geisterte seit Jahren durch meinen Kopf. Unlängst ist aus dieser Idee Wirklichkeit geworden. Eine Wirklichkeit, die eine Fülle von Impressionen und Gedanken zurückgelassen hat. Ein paar von ihnen möchte ich hier teilen – und damit zu erzählen versuchen, warum die Insel mich nicht loslässt.
Berge im Nebel

Ich muss mit den Bergen anfangen. In Europa bin ich so gar keine Bergperson, aber die taiwanischen Berge gehören zum Schönsten, was ich gesehen habe.
Es beginnt bei der Anreise von Hongkong aus. Eine ganze Weile fliegt man auf dem Weg nach Taipeh an der Westseite Taiwans entlang. Und sieht farblich geschichtete Silhouetten im blauen Dunst, die immer zarter und irrealer werden. Wolken? Nebel? Berge? Oder etwas ganz anderes, was sich keiner Kategorie so recht zuordnen lässt? “Ilha Formosa” – “schöne Insel” – nannten die Portugiesen das Eiland denn auch, als sie es im frühen 16. Jahrhundert entdeckten.

Über die Insel Taiwan erstreckt sich ein Zentralgebirge von Norden nach Süden. Des Weiteren ist die Luft feucht auf der subtropischen Insel. Beides zusammen sorgt für diese ganz speziellen Silhouetten im Dunst, die die Unterscheidung zwischen realen Formen und Nebelgebilden verschwimmen lassen: manchmal bis in die Städte hinein.
Komplexität aushalten

Einschlägig nicht weiter gebildete Europäerinnen wie ich denken bei “Taiwan” sehr schnell: “China”. Schließlich liegt die Insel direkt vor der Küste der Volksrepublik im Pazifik, auch spricht man dort vorwiegend Mandarin-Chinesisch. Taiwan trägt den Namen “Republik China”, und das große China möchte sich das kleine Land bekanntermaßen einverleiben.
Ich hatte jahrelang von einer Taiwan-Reise geträumt – in dem naiven Glauben, dort eine kompakte und demokratische Version von China erleben zu können. Dabei sind die Dinge erheblich komplexer. In Taiwan lebt zunächst einmal eine indigene Bevölkerung. Nach diversen chinesischen Einwanderungswellen zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert ist diese indigene Gruppe zwar in die Minderheit geraten, stellt jedoch nach wie vor eine von Taiwans wichtigsten kulturellen Größen dar. Im 17. Jahrhundert siedelten sich für einige Jahrzehnte Vertreter der Kolonialmächte Spanien und Niederlande auf der Insel an. Und von 1895 bis 1995 stand Taiwan ganz und gar unter der Kolonialherrschaft Japans. Danach übernahm China, 1949 erfolgte die Unabhängigkeit. Die ist der Volksrepublik China bekanntlich ein Dorn im Auge, was jedoch nicht bedeutet, dass alle Taiwaner ihre unabhängige und demokratische Staatsform bejahen. Die Bewegung, die sich für eine Wiedervereinigung mit Festlandchina einsetzt, ist von einer aus westlicher Perspektive erstaunlichen Bedeutung.
Sprich: Es ist komplex. Die chinesische Kultur prägt das heutige Taiwan maßgeblich, jedoch sind auch die Relikte aus der japanischen Kolonialzeit nicht zu unterschätzen. Neben vereinzelten Gebäuden und Kulturdenkmälern trägt vor allem die Infrastruktur der Insel japanische Züge. Auf dieser Infrastruktur basiert ein großer Teil der technologisch-wirtschaftlichen Stärke Taiwans: einer der Gründe, aus denen man, wie mir immer wieder zu Ohren kam, den ehemaligen Kolonialherren aus dem Osten keine besondere Feindseligkeit entgegenbringt. Japanische Touristen sind beliebt auf der Insel.
Tempel

Meine Idee von einer Taiwan-Reise als einem Trip in ein kompaktes “China light” erwies sich aus all diesen Gründen bereits bei ersten konkreten Recherchen als naiv. Allerdings löste sie sich nicht bis in die letzten Einzelheiten auf.
Ich hatte davon geträumt, klassische chinesische Bauten zu sehen. Und tatsächlich stehen in Taiwan sozusagen an jeder Straßenecke herrliche Tempel, die stärker in chinesischen Architekturtraditionen wurzeln als alles, was mir zuvor in meinem Leben untergekommen ist.

Da sind einerseits überall so etwas wie Nachbarschaftstempel: in den allermeisten Fällen opulent verziert, jedoch unprätentiös sich ins Alltagsleben der jeweiligen Orte, Dörfer, Stadtviertel einfügend. In einigen sitzen Menschen auf Bänken und unterhalten sich, in allen kommt hin und wieder jemand mit duftenden Räucherstäbchen zwischen den Handflächen vorbei und verbeugt sich vor den unterschiedlichen Altären.


Dann gibt es da noch die ganz großen und bedeutenden Tempelkomplexe. In einem der spektakulärsten, dem 1760 erbauten, im frühen 19. Jahrhundert erneuerten Baoan-Tempel in Taipeh, verbringe ich einen wundervollen Übergang von der hellblauen zur blauen und schließlich zur schwarzen Stunde.

Ich bewege mich durch eine unerschöpfliche Wunderwelt: Schnitzereien, Gemälde, Skulpturen. Drachen, Löwen. Gold, Lampions, leuchtende Farben. Ein Tisch, auf den Besucherinnen ihre Opfergaben legen. Zahlreiche Schreine in verschiedenen Hallen und Gebäuden, von denen sich eines über mehrere Stockwerke erstreckt und immer neue Blicke freigibt: zum einen in opulent verzierte Räume, zum anderen über die Dächer hinweg auf den Trubel der Stadt, der sofort hinter diesem stillen, magischen Refugium beginnt.


Tee in Teehäusern
Der ausschlaggebende Grund, aus dem ich meinen langgehegten Plan einer Taiwan-Reise schließlich realisiere, ist der Tee.
Tee spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Darüber könnte ich unendlich viel schreiben, hin und wieder tue ich das auch auf diesem Blog, kontinuierlich in der Zeitschrift t-Magazin.

Taiwan ist ein Tee-Land. Herausragender Tee wird in diversen Regionen der überschaubaren Insel angebaut – dazu weiter unten mehr -, außerdem jedoch stellt er einen bedeutenden Faktor für Kultur und Identität des Landes dar.
Man erzählt mir immer wieder, dass die große Zeit der taiwanischen Teekultur hinter uns liege. Vor rund 30 Jahren habe sie eine unglaubliche Blüte erlebt, und noch vor der Pandemie sei man auf viel mehr Teehäuser gestoßen als heute. Ich jedoch war vor der Pandemie nicht hier, und was ich erlebe, macht meinen inneren Tee-Nerd mehr als glücklich.
Das ganze Land scheint mir von Tee durchdrungen. In den Straßen fällt er vor allem in Form gekühlter To-go-Drinks in den Blick: als Milchtee, als Bubble Tea – eine taiwanische Erfindung – oder auch pur im Wegwerfbecher mit Strohhalm. Auf Teegeschäfte und Läden mit Teekeramik stößt man beim Spazierengehen immer wieder. Und dann sind da die Teehäuser.


Deren Spektrum reicht vom behaglichen Chaos des fest in Taipehs kultureller Landschaft verankerten Ruyi Fang Art and Culture Teahouse bis zu Orten wie der Zhao Zhao Tea Lounge in der Stadt Taichung. Zhao Zhao stellt so etwas wie die Avantgarde einer zeitgenössischen Teehauskultur dar. Das Soar Design Studio hat ein altes Stadthaus in eine Location für “tea appreciation” umgewandelt, die ein junges Publikum ebenso wie eingefleischte Teekenner ansprechen möchte. Und die mit dem in Deutschland verliehenen Designpreis Red Dot ausgezeichnet wurde.


Elemente der alten Bausubstanz gehen eine Symbiose ein mit einem minimalistisch-transparenten Interiordesign, das Raum für Entspannung und fokussierten Teegenuss schafft – und zwar für Teegenuss auf höchstem Niveau. Inhaber Chen Zongjun ist ein Experte, dessen erlesene Teeauswahl im Gebäude der Tea Lounge selbst ihren letzten Schliff erhält: Hier nämlich gibt es einen zum Teehaus hin offenen Raum, in dem Chen Zongjun Tee röstet. Das kommt der Qualität zugute, erfüllt das ganze Gebäude mit einem herrlichen Duft und bietet Gästen nicht zuletzt die Möglichkeit, eine erste Idee von der Teeverarbeitung zu gewinnen. Denn auch in Taiwan ist das für eine jüngere Generation keine Selbstverständlichkeit.
Die Maokong Gondola muss sein bei einer Taiwan-Reise

Jeder Reiseführer sagt es, und ich sage es auch: Wer in Taipeh ist, sollte mit der Maokong-Gondola in die Berge über der Stadt hinauffahren.
Ich bin erst wenige Tage in Taiwan, als ich die Seilbahn nehme. Das üppige Grün unter meinen Füßen und zu meinen Seiten versetzt mich in einen Rausch. Ich habe nie zuvor subtropische Vegetation erlebt. Überall wuchert es in der feuchten Luft. Ich sehe Teefelder, einen zauberhaften Tempel, hinter mir die Skyline von Taipeh.

Die Seilbahn ist das Gegenteil von einem Geheimtipp, und so ist die Umgebung der Bergstation Maokong touristisch bestens ausgestattet. Allerdings in einer Weise, die mir maximal zusagt: Ein Teehaus reiht sich ans andere, in vielen Fällen mit fantastischem Blick in die Landschaft und auf Taipeh.
Ich bleibe lange auf einer stillen Terrasse sitzen, während es langsam dunkel wird, gieße meinen Tee immer wieder auf, esse dazu mit Teeblättern gewürzte Garnelen und schaue auf eine extrem sympatische Millionenmetropole hinunter.
Taipeh-Vibes: modern

Keine Ahnung, wie oft ich vor meiner Taiwan-Reise von der Freundlichkeit der Taiwaner und Taiwanerinnen gehört habe. Ich begegne ihr vom ersten Abend an, als eine Hotelangestellte mich Alleinreisende unversehens adoptiert und mich in ein Taxi in Richtung Ningxia Night Market setzt: dem besten Ort, um etwas zu essen, wie sie findet.


Taiwans Nachtmärkte und ihr kulinarisches Angebot sind Legende. Ich bin relativ schüchtern beim Bestellen und ordere schließlich ein Gericht, über dessen Bestandteile ich mir relativ sicher bin. Es handelt sich um einen in eine spektakuläre Form gegrillten Tintenfisch mit Mayonnaise. Raffiniert gewürzt. Hinreißend gewürzt. Eine Ahnung von einer neuen kulinarischen Sphäre tut sich auf. Ich beschließe inmitten des Nachtmarkt-Trubels, nie wieder etwas anderes zu essen. Es ist mir leider nicht gelungen. Im Gegenteil: Ich habe es nicht einmal bis zu einem zweiten Nachtmarkt-Tintenfisch geschafft.
Es ist quirlig um mich herum, stressfrei und sympathisch. Ich stoße erstmals auf die Massenansammlungen geparkter Scooter, die in Taipeh zum Stadtbild gehören.


Einige Abende später verschlägt es mich nach Xinyi: in den Stadtteil rund um den Wolkenkratzer Taipei 101, eines der höchsten Gebäude weltweit. Hier ist Kommerz angesagt. Es leuchtet, die Straßen werden von überall beschallt. Zwischen den Shops weltweit bekannter Marken finden sich Geschäfte wie das Eslite Spectrum, das neben einer stylischen, 24 Stunden geöffneten Buchhandlung diverse kleine Boutiquen mit taiwanischen Kosmetika, Düften, Accessoires, Lifestyle-Produkten beherbergt. Sowie eine prachtvolle Lebensmittelabteilung, die ich mehrmals aufsuche.
Taipeh-Vibes, historisch


Taipeh ist eine überaus moderne Metropole. Einerseits. Andererseits gibt es die historische Dihua Street mit ihrer ganz eigenen Atmosphäre.

Diese Straße, die nicht zuletzt durch den Teehandel zu ihrer Bedeutung kam, ist rechts und links gesäumt von niedrigen, unterschiedlichen und irgendwie kolonial anmutenden Gebäuden. Eine unglaubliche Menge von Läden bietet Trockenfrüchte an. Wer isst die alle? Andere Geschäfte verkaufen Gewürze, Tee, Kunsthandwerk, Gebäck, Souvenirs. Alle paar Schritte außerdem Cafés, und Restaurants. Ein paar Teehäuser. Ich bleibe lange, esse einfach und hervorragend im offenbar sehr traditionsreichen Nudelrestaurant Du Hsiao Yueh und sauge den nostalgischen Charme dieser in einer etwas unbestimmten Epoche angesiedelten Straße auf.
Teefelder

Wie erwähnt: Taiwan ist ein Teeland, und das ist einer der Hauptgründe, aus denen ich ausgerechnet jetzt meinen lang gehegten Plan einer Taiwan-Reise umsetze. Denn ich habe die Gelegenheit, mich eine komplette Woche lang in die Teekultur der Insel zu vertiefen – dank der “Taiwan Oolongs Study Tour”, an der ich teilnehme.
Unter der Ägide von Thomas Shu, der seine Heimat in den USA als Taiwanese Tea Ambassador vertritt, besuchen wir Teehäuser, Forschungszentren, Museen und vor allem Teeplantagen mit den zugehörigen Fabriken für die Teeverarbeitung. Die kleine Insel verfügt dank ihrer Lage und ihrer geographischen Vielfalt über eine ganze Reihe von Regionen, in denen hochklassige Tees von je eigenem Charakter angebaut werden.

Sie dort zu probieren, wo sie wachsen, ist ein großes Glück. Und auch, sie jetzt in Deutschland mit Freunden zu teilen, finde ich wunderbar. Doch am allermeisten, und damit hatte ich nicht gerechnet, bedeuten mir bei meiner Taiwan-Reise die Teelandschaften, die ich erlebe.

Da gibt es die Berge mit herrlichem Panorama am Sun Moon Lake. Grüne Hänge im Einzugsgebiet von Taipeh. Und das Alishan-Hochgebirge, in dem wir zwei Tage verbringen und den Weg des frisch gepflückten Blatts zum fertigen Oolong-Tee begleiten. Dort sehen wir üppige Teefelder. Szenerien, die mich an chinesische Landschaftsmalerei denken lassen. Und dichtesten Nebel. Das hier ist ein Paradies für mich als Touristin, aber ein steiles, herausforderndes Terrain für die, die es bewirtschaften. Nachdem ich hier war, werde ich nie mehr behaupten, dass ein guter, handgemachter Tee zu teuer sei.











1 Comments
katl
Won der full
Möchte auch dahin