Zuletzt aktualisiert am 17. Oktober 2016 um 10:05

In die Ausstellung “Gert & Uwe Tobias – Grisaille” in der Pinakothek der Moderne habe ich mich so schlagartig verliebt wie in schon lange kein Kunstereignis mehr. Warum, kann ich nicht genau sagen, und während ich noch darüber nachdenke, will ich die Schau unbedingt hier auf dem Blog empfehlen, denn sie läuft nur noch bis zum 16. Oktober 2016.

Gert & Uwe Tobias: Zwei Brüder machen Kunst

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Sie sind Zwillinge, sie sind 1973 im rumänischen Siebenbürgen geboren, leben seit ihrer Kindheit in Deutschland und haben dem Holzschnitt neues Leben sowie eine neue Bedeutung für die zeitgenössische Kunst eingehaucht. Soweit die Basics zu Gert & Uwe Tobias, die stets im Duo arbeiten. Jetzt haben die beiden die Werkgruppe “Grisaille” für die Staatliche Graphische Sammlung in München geschaffen. Mit Drucken, aber auch Collagen und Skulpturen, die sich aus der Farbe – oder vielleicht Nicht-Farbe – Grau speisen.

Vom Surrealismus bis zur Häkelgardine

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Die Tobiasbrüder, wie Gert & Uwe Tobias gelegentlich genannt werden, mischen. Sie mischen klassische Ornamente mit den Perspektivspielen der Malereigeschichte. Sie collagieren und drucken Motive, die den Surrealisten alle Ehre gemacht hätten. Bildelemente stehen flächig nebeneinander wie auf japanischen Stellschirmen. Die blaue Blume der Romantik hat bei Gert & Uwe Tobias ebenso ihren Platz wie Bordüren, die von volkstümlichen Häkelgardinen herrühren könnten. Und zwar grau in grau.

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Das hört sich, wenn man es so schreibt und liest, zugegebenermaßen nicht allzu beeindruckend an. Diverse Mischungen kunsthistorischer Versatzstücke haben alle, die öfter mal ins Museum gehen, zur Genüge gesehen. Nicht immer wird aus ihnen gute Kunst.

Graue Poesie

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Eine graue Mischung ist allerdings schon etwas subtiler als eine bunte Mischung, doch entscheidend ist die außerordentliche Poesie, die Gert & Uwe Tobias in ihren Grisaillen – Graumalereien – schaffen. Nebliges, weiches Pastell umgibt den Ausstellungsbesucher, dazu ein Hauch geheimnisvoller Nostalgie, der Omas Blumendeckchen ebenso umfasst wie die skurrile Bildwelt des Surrealismus.

Zeitgenössisch und unerschöpflich

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Die assoziationsreichen Motive der Tobiasbrüder erscheinen dabei niemals als Zitate, die auf andere Zeiten und Bedeutungsebenen verweisen wollen. Sondern sie sind schlicht und ergreifend da: mit behutsamer, manchmal humorvoller Geste aufbewahrt in Kunstwerken, deren Grundnote ganz und gar eigenwillig und zeitgenössisch ist.

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Gert & Uwe Tobias konstruieren ihre Arbeiten auf spielerische, feinsinnige und hintergründige Weise. Als Betrachter versinkt man in einer Bildebene, um Sekunden später in einen anderen Blickwinkel hinüberzugleiten – sowohl, was die Perspektive, als auch, was die Motivik angeht. Die auf den ersten Blick gefälligen Ornamente der “Grisaille”-Räume in der Pinakothek der Moderne bringen ihre eigene Unerschöpflichkeit mit sich.

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Info

Die Ausstellung “Gert & Uwe Tobias – Grisaille” läuft noch bis zum 16. Oktober 2016 in der Münchner Pinakothek der Moderne. Für alle, für die München nicht auf dem Weg liegt: Beim Hirmer Verlag ist ein Ausstellungskatalog erschienen, der die gezeigten Arbeiten in erstklassigem Druck wiedergibt.