Zuletzt aktualisiert am 3. Juni 2020 um 17:46

Wir sind dann mal weg. Mit Haut, Haar, Herz und Hirn eingesaugt von einem Raum, der nicht ganz von dieser Welt ist. Andererseits diente die barocke Klosterbibliothek Wiblingen von Beginn an auch ganz weltlichen Zwecken der Selbstdarstellung. Weshalb sie sich nicht beschweren kann, wenn wir sie als Selfie-Kulisse verwenden.

Bücher im wildbewegten Raum

Ein einziger Raum. Aber was für einer! An den Wänden des Bibliothekssaals von Kloster Wiblingen stehen, wie nicht anders zu erwarten, Bücher. Allerdings weder so wie in den modernen Bibliotheken, die wir nutzen, noch so wie in historischen Universitätsbibliotheken mit ihrer konzentrierten Eleganz. Bei der Klosterbibliothek Wiblingen ist nicht ganz klar, ob es in diesem für Bücher gebauten Raum wirklich um Bücher geht. Regale gibt es zwar in Fülle, aber sie verschwinden optisch fast hinter Säulen, Statuen, Stuckornamenten, in geschwungenen Nischen und unter wildbewegten Deckenmalereien. Platz zum Studieren findet sich nirgendwo.

Barocke Pracht in Extremform

Bibliothekssaal Kloster Wiblingen
Das Deckenfresko stammt von dem Maler Franz Martin Kuef

Doch wenngleich es in diesem Saal mehr um die Pracht als ums Lesen zu gehen scheint, feiert die überbordende Dekoration das Buch in zahllosen Details. Skulpturen, die Tugenden und Wissenschaften symbolisieren, halten goldplattierte Bände in ihren weißen Händen, und die Deckengemälde huldigen in religiösen und mythologischen Anspielungen der Weisheit, die es, so die offensichtliche Message, ohne Bücher nicht gäbe.

Gold und Stuck, Stuck und Gold

„Warum macht einem so ein Raum einen solchen Eindruck?“, sinniere ich im Gespräch mit meiner Tochter. „Das Gold und der Stuck, der Stuck und das Gold“, antwortet sie mit träumerischer Stimme, und sie scheint es ernst zu meinen. Ich wundere mich. Ich wusste nicht, dass Gold und Stuck auf ihrer persönlichen Stilskala überhaupt ranken. Tun sie in der Regel wohl auch nicht. Aber hier, in diesem Raum von 1744, machen sie etwas mit einem. Das Barock setzt auf sinnliche Überwältigung, und die scheint im Falle der Klosterbibliothek Wiblingen bis heute zu funktionieren.

Weltentrückt im Schmuckkästchen

Bibliothekssaal Ulm-Wiblingen
Im Goldrausch: die Klosterbibliothek Wiblingen

Meine Tochter und ihre Freundin staunen, fotografieren, posieren für Selfies. Am Eingang weisen Schilder uns darauf hin, dass wir einen Mundschutz zu tragen haben: Die prosaische Wirklichkeit der Coronazeit macht auch vor einem spätbarocken Benediktinerkloster nicht halt. Aber drinnen im Bibliothekssaal sind wir den alltäglichen Realitäten komplett entrückt. Von allen Seiten umgibt uns Glanz und Farbe, die geschwungenen Raumformen und überall wuchernden Rokoko-Ornamente nehmen unsere Augen und unser normales Orientierungsvermögen gefangen. Wir sind dann mal weg, absorbiert vom Schmuckkästchen. Von einer opulenten Kulisse, die im Grunde wie gemacht ist für Selfies und andere Formen der Selbstinszenierung. Um die war es auch den Bauherren in Wiblingen zu tun: Als das reiche Kloster im 18. Jahrhundert architektonisch rundumerneuert wurde, wollte es nicht nur Umfeld für ein spirituelles Leben sein, sondern auch eine repräsentative Anlage. In der Klosterbibliothek Wiblingen empfing man wichtige Besucher und stellte seine Gelehrsamkeit unmissverständlich zur Schau – in einer Szenerie, die nicht unbedingt mönchisch-bescheiden anmutet.

Klosterbibliothek Wiblingen: INFO

Wiblingen ist ein Stadtteil von Ulm, der sich etwa sechs Kilometer südlich von der Ulmer Innenstadt befindet. Der Bibliothekssaal des Benediktinerklosters Wiblingen ist von März bis Oktober dienstags bis sonntags von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. An einigen Samstagen sind variierende Mittagspausen zu beachten; hierüber informiert die Website. Zwischen November und Februar gelten reduzierte Öffnungszeiten: In dieser Zeit kann der Bibliothekssaal nur an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen von 13.00 bis 17.00 Uhr besucht werden. Der Eintrittspreis für den Bibliothekssaal inklusive angeschlossenem Museum beträgt 5,00 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.

Ein grandioser Barockbau nicht weit von Ulm, der sich auch mit Kindern gut besuchen lässt, ist die Klosterkirche Neresheim von Balthasar Neumann